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Die alten Herren gegen Kina Grannis Part 2

Gestern denunzierte mich Herr Hose via Blog als „alten Herrn“ und verwurstelte meine Ansicht mit der von Radio Bombe Reeto Von Gunten zu einer Art Kulturkritik. Beides wäre nicht weiter schlimm, wenn die Verwurstelung berechtigt wäre.

Die Punkte wären im einzelnen:

  • Eine moderne und brauchbare Kulturkritik hat es seit Adornos Kulturindustrie nicht mehr gegeben.
  • Reeto Von Gunten und Dose sind einem überalterten Wertesystem verpflichtet, dessen Grundlage die „absolute Wahrheit“ bildet. Oder anders gesagt: Wer Kina Grannis eine Sell-Out Nutte schimpft, hat Youtube nicht verstanden.
  • Reeto und Dose laufen die Appostel davon. Der Kampf ist verloren. Der Warencharakter der Kulturprodukte hat selbst die letzten Bastionen eingenommen. Saul Williams vögelt nun mit Nike.

Eine interessante Theorie, die aber leider am Kern der Sache vorbeizielt. Denn Dose ging es in seinem Aufsatz lediglich um folgende Punkte:

  • Reeto Von Gunten, der ein enormes Musikwissen bestitzt, stöbert bei Youtube nach brauchbarer Musik und verzichtet für einmal altes Vynil zu durchstöbern.
  • Der von ihm als Sonntagsmusik gewählte Song hält einem Vergleich mit den restlichen Stücken derselben Musikerin nicht stand.  Seine Kolumne sei daher für einmal „schlechte“ Arbeit.
  • Reeto behauptet, die Musikerin Kina Grannis sei längst von der Musikindustrie kaputt gemacht worden. Eine Einschätzung die Dose nicht teilt, ja gar bestreitet.

Ich bestreite, dass es eine absolute musikalische Wahrheit gibt. Aber es gibt eine musikalische Qualität innerhalb der Kulturproduktion von Kina Grannis, die Reeto Von Gunten meiner Ansicht nach aus Faulheit falsch einschätzt. Hätte er die gut 50 Songs durchgehört, hätte er wohl aufgrund des Massstabes, den er auf seiner Website vorgibt, einen anderen Song gewählt.
Kina Grannis ist nicht gut, Kina Grannis ist nicht schlecht. Ihr musikalischer Horizont entspricht Bourdieus Habitus-Konzept, der in diesem Falle unweigerlich mit Youtube verbunden bleibt. Das gilt auch für ihre nachfolgenden Alben, die nicht schlechter sind – nach Bourdieu auch nicht sein können, als das Material, dass sie auf Youtube zur Verfügung stellt.

Das Fazit des Artikel lautete und lautet daher immer noch: Diesen Song zu wählen und Kina Grannis anschliessend zu kritisieren, indem man ein vorher-nachher Schema – ein underground-gut mit anschliessendem sell-out Qualitätsverlust wählt,  heisst, seine Arbeit (in diesem Falle für DAS MAGAZIN) nicht ordentlich erledigt zu haben. Und das nervt mich als Leser ehrlich gesagt mindestens so sehr, wie die Posse um Saul Williams, der im übrigen nie einer meiner Apologeten war.

Meine Welt funktioniert in der Beziehung relativ einfach. Meine Helden sind längst tot. Das erspart mir die Entzauberung der Welt.

Kina gegen die alten Herren

Reeto von Gunten hat am letzten Wochenende Kina Grannis zur Sonntagsmusik auf DRS3 via Das Magazin erkoren. Dose war gar nicht einverstanden. Gemäss Dose hat Reeto den falschen Song gewählt. Dieser soll der richtige sein. Soll sich Dose darüber aufregen, aber in einem Punkt ist er sich offenbar mit der Radiolegende einig: Das böse Geld hat die Musik der vormals unschuldigen Kina kaputt gemacht.

Nun ist der Sell-out-Vorwurf alles andere als neu. Benjamin und Adorno haben ihn auf ihre jeweils eigene Art formuliert und mit theoretisch schwerem Geschütz abgesichert. Der Punk hat sich sehr viel praktischer gegen Kommerzialisierung, Professionalisierung, Massengeschmack und „non-threatening bullshit“ gewehrt. Aus heutiger Sicht bietet dieses theoretische und praktische Arsenal aber kaum etwas mit Durchschlagskraft, das als Kritik gegen kommerzielle Popmusik in Anschlag gebracht werden könnte. Junge und talentierte Musiker wie Kina Grannis sind in einem Umfeld gross geworden, in dem die eingeübten Reflexe alter Herren (lasst sie uns ab jetzt kurz Dosen-Reeto nennen) gegen Sponsoring und Musikindustrie ins Leere zielen. Die Vermarktung von allem um jedem ist soweit fort geschritten, die westliche Welt ist so tiefgreifend kommerzialisiert, dass die Beherzigung alter Kritik für junge Menschen dem sozialen Selbstmord gleich kommt.

Jetzt haben diese Dosen-Reetos aber viel Zeit und Aufwand investiert, um ein Geschmackskostüm auszubilden, das ihnen das schnelle Auffinden von Authentischem in den Bergen von Kommerzmüll erlaubt. Diese harte Arbeit auf der Müllhalde halten sie nur aus, weil sie wissen, dass die Geschmackswahrheit auf ihrer Seite ist und sie spätestens im Jenseits Erlösung erfahren werden. Langsam müsste ihnen nun aber auch dämmern, dass die Entzauberung und Verweltlichung ihrer Geschmacksreligion kurz bevor steht. Schliesslich hat einer ihrer wichtigsten Apostel konvertiert: Saul Williams macht Werbung für Nike! Seine „List of Demands“ ist nun der Soundtrack zu einem neuen Nike-Spot.

Dass ein kritischer Zeitgenosse wie Saul Williams einen seiner Protest-Tracks leichtfertig einem Riesenkonzern verkauft, ist unwahrscheinlich und liefert deshalb einen passenden Anlass, um nochmals über die Geld vs. Authentizitäts-Debatte nachzudenken. Wie Jena Lena auf whatisthewhat richtig erwähnt, sind dazu wenige brauchbare Argumente im Umlauf. Saul Williams hat sich selbst um eine Antwort bemüht. Leider finden sich darin keine brauchbaren Argumente für seinen Vertrag mit Nike sondern nur Ausweichmanöver. Vermutlich will er andeuten, dass er nur so bekannt genug werden kann, um wirklich etwas verändern zu können. (gääähhn! Hat das nicht auch MC Hammer gesagt?)

Dass eine durchkommerzialisierte Welt Kritik vertragen könnte, werden die wenigsten bestreiten. Bin ich ignorant und sehe die Benjamins und Adornos unsere Zeit nicht oder bleibt uns wirklich nur Dosen-Reeto? Hilfe!

Gotta Digg?

Jeden Sonntag beehrt uns die (nun leider geläuterte) Radio-Bombe Reeto von Gunten via DAS MAGAZIN und DRS3 mit guter Musik. Diesmal musste die 23-jährige Kina Grannis daran glauben.

Kina, kurz zusammengefasst, sei ein längst von Kommerz, Ruhmsucht und Musikindustrie zugrunde gerichtetes Talent. Früher sei doch – wir ahnen es – alles besser gewesen. Das, lieber Reeto, mag auf Tina Turner zutreffen. Wir tolerieren solcherlei General-Abwasch gerne auch im Zusammenhang mit Paul McCartney, Massive Attack oder NTM. Kina’s Stern aber leuchtet erst seit knapp einem Jahr. Und das nur dank Fast-Food. Diese Karriere war schon von Anfang im Eimer.
Vor Neun Monaten veröffentlichte Kina Grannis schliesslich via Youtube ihr Songmaterial. Begleitet von einer akkustischen Gitarre und dem nervösen Gequacke ihrer zwei Schwestern. Die meisten Songs klingen schlecht. Doch zwei, drei Stücke lassen aufhorchen. Leider ging das alles an Radio-Reeto vorbei. Denn der DJ empfiehlt uns via Tagi-Magi ausgerechnet «stay just a little». Eine Nummer, die einem schon beim ersten Durchhören Tränen in die Augen treibt.

Vielleicht besitzt Reeto zu Hause nur ein 56K-Modem. Ein Video pro Tag muss reichen. Oder er veröffentlicht, was ihm der durchschnittliche DRS3-Hörer jeweils Sonntags per Mail ins Studio schickt. Hätte er Zeit zum recherchieren gehabt, hätte er sich vermutlich für Kina’s «Gotta Digg» entschieden. Das wäre ein Song für den Sonntagmorgen —  Internet, Interaktivität und nervtötende Schwestern inklusive.