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Ach, ach Ahmadinedschad

Seit heute morgen haben wir also endlich Gewissheit. Der Sprecher des Wächterrats hat bestätigt, was alle schon wussten. Es gab deutlich mehr Stimmzettel als Wähler.

Doch eigentlich kommt es gar nicht mehr auf die Anzahl Stimmen an. Denn der Ayatollah hat sich entschieden, das Machtwort ist gesprochen. Für Ahmadinedschad, die Regierung und den geistlichen Führer gibt es kein Zurück mehr.  Letzten Endes geht es für die Opposition nur noch darum, dieser Dreierallianz die Stirn zu bieten, in der Hoffnung, das ansonsten eher apolitische Iranische Volk lasse sich nicht über den Tisch ziehen.
Die Regierung versucht derweil mit immer drastischeren Mitteln, die Opposition und vor allem die oppositionellen Medien mundtot zu machen. Der Einzige, den man in diesem Gewirr noch reden lässt, ist erstaunlicherweise der Korrespondent des Schweizer Fernsehens, Ulrich Tilgner. Ausgerechnet der Ulrich Tilgner, der soeben seinen Vertrag mit dem ZDF nicht mehr verlängert hat, mit dem Hinweis, er werde von der Redaktion zu sehr zensiert. Mit anderen Worten, von allen kritischen Journalisten lässt die Regierung ausgerechnet jenen Reporter im Land, der schon am Abend des 11. Juni, also am Abend vor der Bekanntgabe des offiziellen Ergebnisses, von Betrug sprach.  Und nicht nur das. Am 12. Juni verurteilte er Ahmadinedschad deutlich schärfer als alle anderen Medien. Und von diesem Konfrontationskurs ist er bis heute nicht abgewichen. Immer noch berichtet er täglich live aus Teheran, in klarer Bild- und Tonqualität. Und das in einer Zeit, da die Opposition längst aufs Internet ausgewichen ist, da Telefon, Print und TV nicht mehr funktionieren.

Irgendwie passt da etwas nicht zusammen. Entweder hat der Ulrich Aktfotos von Ahmadinedschad in seiner Schublade, oder er hat sich bei einem Ayatollah in die Familie eingeheiratet.

Ach – und bevor ichs vergesse: Schön zu sehen, dass Twitter doch noch einen Sinn zu haben scheint.

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So Long High Knee

Sprache und Schreiben wären allem für sich eine tolle Sache. Journalisten neigen allerdings dazu, ihren Lesern manchmal etwas gar gewagte Konstellationen zu präsentieren. Meistens nimmt man das schulterzuckend hin. In diesem Fall aber machen wir eine Ausnahme.

Jane Fonda verabschiedet sich von ihrem Knie

Allerdings nicht ohne vorher mit ihrem Knie zu dinieren und eine Oper am Broadway zu besuchen. Ganz nach dem Motto: wenn der Text schon dämlich ist, dann darf es auch der Titel sein. A propos Text. Man lese selber:

In einem scherzhaften Eintrag unter dem Titel «So Long Old Knee» – Mach’s gut, altes Knie – schrieb Fonda, dass ihr linkes Kniegelenk herausgesägt werde und an seiner Stelle ein Titanstab und ein Keramikgelenk eingepasst würden.
Ihr altes Knie bezeichnete die 71-Jährige als stark und verlässlich. Es habe sie auf viele Berge und über raues Gelände getragen. Und sie erinnerte sich an ihren früheren Ehemann Roger Vadim, der gerne ihre Knie geküsst habe.
Jane Fonda, zweifache Oscar-Preisträgerin und frühere Aktivistin gegen den Vietnamkrieg, galt in den letzten Jahren dank zahlreicher Aerobic-Videos als Fitness-Queen. Sie spielt nach wie vor in Filmen mit und wirbt für L’Oréal

Und so ganz nebenbei: who cares?

Der Staat wird die Verleger retten..

Wie sich doch die Zeiten ändern.
Bereits Anfang Jahr hatte Norbert Neininger-Schwarz, CR der SH-Nachrichte via NZZ den Staat angebettelt. Im Mai doppelte ausgerechnet Verlegerpräsident Hanspeter Lebrument nach. Das sind keine Neuigkeiten und es war im Endeffekt auch nichts anderes zu erwarten. Überraschend ist da schon eher die Reaktion von NR Andreas Gross heute in der Basler Zeitung.

Zwar schimpft auch Gross, dass Lebrument und mit ihm die ganze Printbranche ein „Reflexionsdefizit“ habe (ich mag den Begriff „Reflexionsdefizit. Das ist ein nettes Fremdwort für Dummkopf), aber komplette Abneigung sieht anders aus.

Zeitungen werden heute vor allem als Geschäft verstanden. Doch dies sollten sie erst in zweiter Linie sein. In erster Linie sind sie eine absolut notwendige Voraussetzung für das Funktionieren einer lebendigen Demokratie. Aber natürlich teile ich die Sorgen der Verleger und bin froh, dass nun Leute über Presseförderung reden wollen, die ein solches Gespräch bisher verweigert haben.

Gross verlangt also, Zeitungen müssten sich wieder mehr auf ihr Kerngeschäft konzentriere. Und genau diese Hauptaufgabe liege nicht darin Geld zu scheffeln, sondern Meinungsvielfalt und Kontrolle mittels eigenen Geschichten zu garantieren. Das führt gar zu erstaunlich offenen Geständnissen:

Aufgeschreckt von der aktuellen Medienkonzentration und dem Verlust von Journalistenstellen hat sich die Staatspolitische Kommission kürzlich wieder intensiv mit der Presse befasst und sich informiert. Wohin der Diskussionsprozess führt, ist aber offen.

Das sind doch schon eher ganz andere Töne, als von Medienminister Leuenberger via Tages Anzeiger im März verbreitet. Wir sind gespannt in welche Richtung dieser „Diskussionsprozess“  führen wird. Bleibt zu hoffen, dass man sich in der Kommission zumindest soweit beeilt, dass mindestens noch eine ernstzunehmende Zeitung auf dem Schweizer Markt übrig geblieben ist. Ansonsten könnte man das Reflexionsdefizit mit Reaktionsdefizit gleichsetzen.

Schön und dumm – lest ihm die Leviten

Eine Freude der besonderen Art bereitet uns heute Andre Reithenbuch, seit neustem nicht nur schönster sondern auch bekanntester Nicht-Leser der Schweiz. Der 22-jährige leidet an Illetrismus. Eine Schwäche die der Zimmermann mit rund 800´000 Schweizerinnen und Schweizern teilt.
Angesichts solch entblössender Offenheit wanken die Medien in ihren Artikeln zwischen Bewunderung (Stimme der Vergessenen) Vorurteilsbestätigung (schön und dumm) Mitleid (Er besitzt lediglich 1 Buch) und Häme (XY liest ihm die Leviten).

Besonders aktiv sind die Blick-Journalisten, die sich geradezu in einer Sinnkrise befinden. War der letzte Mister Schweiz noch ein Mister Weichei mit Gay-touch, müssen sie nun feststellen, dass dieser immerhin lesen konnte, was sie an Beleidigungen aufs Blatt pressten.

Mal ganz abgesehen davon, dass der neue Mister Schweiz ein wunderbares Vorbild für die Jugend ist („ich habe keinen Bock aufs lesen“ – „in der Schule habe ich halt zum Fester rausgeschaut“), kommen mir angesichts solcher Schlagzeilen definitiv die Tränen:

Andre Reithenbuch zeigt das einzige Buch, das er in seinem Leben gelesen hat

Stimmt. Er zeigt es. Was darin steht, erfahren wir in dieser Geschichte leider nicht.

Tom Kummer – The Movie

Was man doch nicht alles erfährt, wenn man die Randnotizen der Regionalpresse liest..
Der Ta Media-Journalist und Regisseur Miklos Gimes dreht derzeit offenbar einen Dokumentarfilm über seinen berner Berufskollegen Tom Kummer – auch bekannt als „Borderlinejournalist“ (was ich nach wie vor für Blödsinn halte. Schreibbegabter Betrüger tut´s auch). Offenbar ist es Gimes gelungen (schreibt die Aargauer Zeitung) diverse Weggefährten aus Kummers „Schummelzeit“ aufzutreiben. Die beiden geschassten Ex-Chefredaktoren Poschardt und Kämmerling gehören allerdings laut AZ nicht dazu, was wir sehr bedauern. Denn das wären wohl die zwei interessantesten Köpfe gewesen. Selbst als alle schon ahnten, dass Tom mogelt, haben die beiden munter weiter publiziert.

Dem Internet sei dank, nun wissen wir auch, dass Gimes mindestens 260´000.- Fördergeld für „Kummer“ bekommt (180´00 von der Zürcher Filmstiftung und 80´000 von suisseimage).
Ich geb das Bloggen auf und drehe einen Film über dasmagazin.ch. Arbeitstitel „.ch“ – damit wäre nicht nur das Thema Web 2.0 und Interaktivität im schweizer Journalismus abgedeckt, sondern auch gleich die aktuelle Wirtschaftskrise an einem Beispiel erklärt.

Ein ipod toch für 90 Rappen!!!

Hier noch ein kleines Beispiel, wie man ungewollt Werbung für eine miese Sache macht. Wer immer diese Geschichte liest, sollte bedenken: So etwas wie „Wohltäter“ die Sachen „gratis verschenken“ gibt es nicht. Zumindest nicht, wenn das Umsatzziel „Profit“ heisst.

Es kann also nicht sein, dass man hier einen iPod für 0.94 CHFr. bekommt. Ich habe mir die Seite von Psychoauction gestern kurz angesehen. Die Angebote werden im Schnitt alle 30 Sekunden um ein paar Rappen erhöht. Wenn man bedenkt, dass jeder Bieter einen kleinen Betrag pro Gebot bezahlen muss, läppert sich da schnell was zusammen.

Als Beispiel: Das Angebot startete bei 0.10 CHFr. Ein Gebot kostet beispielsweise 1 CHFr, erhöht wird in 0.10 CHFr-Schritten. Gestern Abend waren wir bereits bei über 30 Franken, das mach alleine 300 CHFr Einnahmen an Gebühren. Von „Wohltäter“ oder gar „Genie“ zu sprechen, wäre bei Psychoauction also fehl am Platz. Die Plattform ist nichts weiter als ein getarntes Schnäppchen um Leuten mit falschen Versprechen Geld aus der Tasche zu ziehen.

Bietet jemand nur für einen einzigen Gegenstand und anschliessend nie wieder, mag die Rechnung aufgehen. Doch bereits bei zwei laufenden Geboten dürfte die Rechnung anders aussehen. Dass Newsnetz diesen Sachverhalt nicht auch so kommuniziert, statt dessen aber in bedingungslose Lobhudelei für eine unglaublich karitative Geschäftsidee abdriftet, musste eigentlich bestraft werden.

dasmagazin.ch – der unmündige User

Es ist kaum zwei Jahre her, da lancierte dasmagazin.ch mit grossem Brimborium die Web 2.0-Taktik. Wir erinnern uns: User-Accounts, User-Texte und Kommentare – alles Dinge, die helfen sollten „bessere Beiträge (im Heft) zu publizieren„, wie die Redaktion damals glauben machen wollte. Es war Interaktivität und „online journalismus“ wie er in jedem zweiten Durchschnittslehrbuch steht.

Gestern nun hat dasmagazin.ch eine Kehrtwende vollzogen. Die Kommentare und Texte der User mussten weichen, wie einige Blogger bereits verwundert festgestellt haben. Persoenlich.com war so nett bei Chefredaktor Finn Canonica nachzufragen. Und die Antworten erstaunen. Der Hauptgrund, so Canonica sei, dass man schlicht zu wenig Zeit und Personal habe, „um die Diskussionen auf unserer Webseite zu begleiten.“ Und nicht nur das, offenbar macht man sich beim kümmerlichen Rest, der von der anspruchsvolleren Tagespresse übrig blieb gar Gedanken darüber, wie mündig die Masse der Rezipienten heutzutage überhaupt noch ist: „Kommentare zu Artikeln auf dem Web sind manchmal sehr „dahingerotzt“, oft wird gar nicht auf den Artikel eingegangen. Die User nutzen die Gelegenheit, um irgendwelchen sonstigen Ballast loszuwerden.“

Lustig auch, dass Caonica im Interview dennoch betonen muss, dass ihm Meinung und Kritik wichtig sei. Er wünscht sich dieser aber künftig wieder in Form des guten alten Leserbriefs (Eine Technik die seit über 100 Jahren praktiziert wird). So ist offensichtlich gewährleistet, dass Inhalte nicht einfach „dahingerotzt“ werden.

(Ich mach hier eine kurze Pause, damit genug Zeit bleibt zum Lachen)

Interessant auch Canonicas Meinung zu Content und Internet: „Ich persönlich bin skeptisch geworden gegenüber den journalistischen Möglichkeiten im Internet. Das Gerede um die Möglichkeiten des Citizen Journalism begreife ich nicht. Wir sollten uns allmählich Gedanken machen, ob es klug ist, qualitativ hochstehende Inhalte kostenlos anzubieten.“

Es geht also bei weitem nicht nur um die Abkehr von Web 2.0, sondern auch darum, ob die breite Masse überhaupt fähig ist, selbst  brauchbaren Inhalt beizusteuern. Das lässt sich auch so interpretieren: Forum, Interaktion und User-Accounts finden sich in Zukunft weiterhin bei 20minuten.ch. Dort tummelt sich der Pöbel, dort hat es Platz für Leute die „Ballast“ loswerden möchten, denn dort verfügt man offenslicht über genug Personal um Debile zu korrigieren.