Schlagwort-Archive: Medien-Kritik

Mediales Littering – Heute: SDA

Heute habe ich zufälligerweise folgende SDA-Meldung gelesen:

Dornach SO: Der Buntmetallhersteller Swissmetal hat im letzten Jahr einen Umsatzeinbruch um 20 Prozent auf 325,1 Mio. Fr. erlitten. Grund dafür ist aber nicht allein die Wirtschaftskrise, sondern vorab der tiefere Metallpreis.

ähä. Und der Preis ist so tief weil..? Nobelpreis für Wirtschaft. Mindestens.

Die Bildredaktion – Das schwarze Loch

Hurra. Ein neues Jahr hat begonnen.

Und kaum bin ich wieder im Lande, überraschen mich die Schweizer Medien mit einem erneuten Kreativitätsschub. Die NZZ will fast 30 Stellen abbauen und trotzdem auf hohem Niveau weiter produzieren. Der Plan könnte durchaus aufgehen. Da die NZZ analog zu vielen anderen Redaktionen ihr Personal reduziert, wird das Niveau ganz allgemein etwas sinken, womit die NZZ zumindest ihren relativen Unterschied in der Niveauskala halten dürfte.

Dass die Reduktion des Redaktionspersonals die skurrilsten Blüten trägt, darauf haben wir hier schon mehrfach hingewiesen. Was ich gestern allerdings in der Gratis Zeitung BlickAmAbend lesen durfte, stammt vermutlich nicht mal aus der Feder eines Praktikanten. Vielleicht handelt es sich auch nur um ein Missverständnis zwischen Bildredaktion und Newsdesk. Oder, wer weiss, eventuell ist dies die neuste Methode, Geld für Bilder zu sparen.

Blick am Abend - Die Bild-Text-Schere
Mit dieser Art Journalismus lässt sich übrigens ein Primeur nach dem anderen schreiben. Zum Beispiel könnte die SOZ nächsten Sonntag mit folgender Schlagzeile titeln:

In rasender Fahrt: Moritz Leuenberger

Leuenberger am Steuer seines getunten Mitsubishi Colt bei 198km/h auf der Autobahn (Lichter gelöscht).

Praktikum beim SF gefällig?

Manchmal frage ich mich, über welche Qualifikationen man verfügen muss, um beim Schweizer Fernsehen als Praktikant zu arbeiten. Kochen? Basteln? Oder gar Turmspringen?  Wollte mich soeben kurz per Live-Ticker ins Fussballspiel Schweiz-Finnland einlesen und stelle fest:

eishockeyOder anders gesagt: Sport ist Sport. Ob Ball oder Puck ist scheissegal.

Wenn Studenten Primeure schreiben – Der TA und das Bankgeheimnis

Heute titelt der Tages Anzeiger in seiner Printausgabe: „CIA überwacht Bankzahlungen von Schweizern – Bundesrat und Banken haben falsch informiert“. Klingt nach einer grossen Geschichte, doch der Text beruht lediglich auf einer Behauptung. Der vermeintliche Primeur entstammt der Feder eines 26-jährigen Studenten aus Genf, der noch nie zuvor einen Satz geschrieben hat. Questions anyone?

Beginnen wir vorne. 2006 deckt die NY-Times auf, dass die CIA seit den Anschlägen vom 11. September 2001, die so genannten S.W.I.F.T.-Transaktionen überwacht. Dies betrifft in der Schweiz vor allem den internationalen Zahlungsverkehr, der auch hierzulande über SWIFT abgewickelt wird. Das führte im Juni 2006 zu Diskussionen in der schweizer Presse, in den Parteien und vor allem im Bundesrat, inwiefern diese Überwachung das Schweizerische Bankgeheimnis gefährde. Wir erinnern uns, die offizielle Kommunikation lautete: Das Bankgeheimnis innerhalb der Schweiz ist nicht in Gefahr, da der Inlandverkehr über das SIC-System, einem vom SWIFT-Verfahren losgekoppelten System, abgewickelt werde. Wer allerdings Geld ins Ausland, sprich per SWIFT überweist, wird vom CIA gescannt. Wie gesagt: Offiziell. Inoffiziell gab es bereits 2006 Widerstand an dieser Lesart.

Am 20 Juli forderte beispielsweise die Basler Zeitung: „Der Bundesanwalt müsste ermitteln„. Da die Schweizer Banker (und damit auch ein Teil der Behörden) durchaus über die SWIFT-Aktionen im Bilde waren, wurde eine Untersuchung gefordert. Diese kam allerdings nie zustande. Im Oktober desselben Jahres schaltete sich der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte, Hanspeter Thür ein und bemängelte eine Verletzung des Datenschutzes bei SIC und SWIFT, die einer Prüfung bedürfe. Banken und Behörden bekamen einen Rüffel und versprachen Besserung. 2007 informierten die Banken ihre Kunden über die Problematik so genannter SWIFT-Überweisungen. Wer Überweisungen ausserhalb von SWIFT, sprich innerhalb der Schweiz, über SIC, tätige, stehe aber weiterhin auf der sicheren Seite. Das glaubten die Schweizer – bis heute.

Denn jetzt behauptet der Tages Anzeiger, auch der Inland-Zahlungsverkehr werde vom CIA gescannt. Bundesrat und Banken hätten gelogen. Das wäre ein ziemlich heftiger Skandal, der eventuell sogar eine PUK nach sich ziehen könnte. Der Knotenpunkt, so der Tages Anzeiger, nenne sich remoteGATE. Da dass Schweizer SIC-System sehr kompliziert und teuer in der Handhabung sei, wählen immer mehr Finanzinstitute den Umweg über ein System namens remoteGATE, eine Art Kopplungsverfahren zwischen SIC und SWIFT. Die Überweisung wird in SWIFT getätigt, remoteGATE koppelt und übermittelt für das Finanzinstitut an SIC und erspart dem Kunden damit das mühsame und teure abwickeln per SIC. Und bei dieser Umwandlung wiederum schalte sich der US-Geheimdienst ein.

remoteGATE

Da remoteGATE seit der Gründung offen und transparent kommuniziert, kann jeder selbst nachprüfen, ob seine Bank ein Mitglied der SIC-SWIFT Kopplungsschleife ist, wie beispielsweise die Coop-Bank Filiale am Tellplatz in Basel oder die UBS-Vertretung in Flims-Dorf. Wie der Tages Anzeiger aber zur Behauptung kommt, dass die CIA Zugang zu den remoteGATE-Datensätzen haben soll, bleibt in dieser Titelgeschichte ein Rätsel. Besser noch, es bleibt eine Behauptung. Ob die Datensätze im Umwandlungsverfahren codiert oder anonymisiert werden, was sie unter Einhaltung des Bankgeheimnisses und den Datenschutzbestimmungen eigentlich müssten, scheint dem Autor offensichtlich schnurz egal zu sein. Doch das ist nicht die einzige Ungereimtheit.

Sucht man nach dem Autor der Geschichte landet man bei einem Johannes Köppel, 26 Jahre alt, aus Genf. Dort studiere er derzeit internationale Studien und Entwicklung. Zuvor habe er Wirtschaftsgeschichte in Moskau studiert. Wir repetieren. Der Tages Anzeiger bezichtigt den Bundesrat auf Grund von öffentlich zugänglichen Daten der Lüge. Das Hauptargument beruht nach momentaner Erkenntnis (und solange vom TA nicht anders kommuniziert) auf einer Behauptung. Als Autor dieser Behauptung, die notabene die Titelgeschichte samt Titelkommentar der heutigen Ausgabe darstellt, fungiert ein junger Student aus Genf, zu dessen Name Google nicht mal ein Unitext ausspuckt.

Macht das nur bei mir keinen Sinn oder ist das tatsächlich etwas merkwürdig?

Offensichtlich. Denn der Rest der Schweiz liest unkritisch mit. Siehe dazu auch, und, aber auch (…)

Mediensünden der Woche

Die Aargauer Zeitung zockt ihre Leser ab und verlangt neuerdings 90 Rappen pro Anruf. Die Journalisten beim Blick am Abend haben offensichtlich Mühe mit Worten und Quellen und Punkt CH bombt die Börse in die Steinzeit zurück – oder so ähnlich. Die Böcke der Woche:

1. Platz: Aargauer Zeitung

90 Rappen pro Anruf

Der Zeitung mit Sitz in Baden muss es wahrlich schlecht gehen. Inserateschwund, teurer neuer Chefredakteur, teure Qualitätsjournalisten, was weiss ich. Wenn Geld fehlt, dann holt man es sich halt bei der eigenen Leserschaft zurück. Neuerdings verkündet die AZ auf der Titelseite, dass sich die Leser per Telefon an einer TED-Abstimmung zur Regionalpolitik beteiligen sollen. (für was gibt es eigentlich das Internet?) Die Abstimmung liefert der Zeitung zwar Material für einen weiteren Artikel. Allerdings mit Konsequenzen für den Leser. ein Anruf kostet radikale 90 Rappen.

2. Platz: Blick am Abend

Vom Tagesspiegel zur ZEIT

Im Tagesspiegel trompete Ökonom Hans-Werner Sinn etwas sinnfrei, die Bankmanager seien die neuen Juden. Der Zentralrat empörte sich und forderte per Neuer Ruhr Zeitung eine Entschuldigung. Die kam prompt per offenem Brief, den u.a. die FAZ veröffentlichte. Was DIE ZEIT damit zu tun hat, wissen nur die Qualitätsjournalisten beim Blick am Abend. Oder anders gesagt: Hauptsache Deutschland, ist ja eh alles das Gleiche.

3. Platz: .CH

Von der Wallstreet in die Steinzeit

Die mit Abstand dümmste Titelschlagzeile der Woche. Was will uns dieser Text eigentlich sagen? Was genau hat die Steinzeit mit der Börse zu tun? Ausser, dass es in der Steinzeit keine Börse gab, sehe ich keine Konnotation. Und da sind wir uns einig, der Kurs ist zwar volatil mit Abwärtstrend, aufgelöst hat sich die Börse deswegen noch lange nicht.

4. Platz: Blick am Abend

Wenn ganze Verben im Lead fehlen..

Es ist derzeit zwar Mode in Artikeln ganze Worte wegzulassen. Passiert sowas aber im Lead, dann waren wohl sowohl Korrektoren, als auch Produzent und Journalist gleichzeitig krank. Wer will schon Artikel lesen, die bereits in der Einleitung keinen Sinn machen?

P.s.: Dass 20 Minuten nicht vorkommt heisst nicht, dass die Ausgaben diese Woche besonders gut waren. Ich konnte mich einfach nicht überwinden, mehr als die Comic-Seite zu lesen. Und die war einwandfrei.