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Aussage gegen Aussage

In den vereinigten Staaten, sowie in der EU ist es schon seit längerem Usus, dass internationale Verlage Interviews wiederverwerten. Sprich, erstellt eine Redaktion in Spanien einen Inhalt auf spanisch, ist die deutsche Redaktion durchaus in der Lage, denselben Inhalt noch einmal abzudrucken. Meist lediglich übersetzt, nicht revidiert und natürlich gratis.
In der Schweiz kommt diese Praxis eher selten zum Zug und wenn, dann meist zwischen Romandie (Le Temps/Edipresse) und Deutschschweiz (Ringier, TAMedia). Das Dumme daran: Die Schweizer müssen sich die Geschichten gegenseitig abkaufen, was die ganze Sache unrentabel werden lässt.

Die Deutschen, die Engländer und insbesondere die Amerikaner sind in dieser Beziehung schon einen Schritt weiter. Damit Stars und Sternchen nicht permanent von Journalisten belästigt werden, werden meist Roundtable-Interviews veranstaltet, oder, was meist noch üblicher ist, es wird eine Celebrity-Agentur wie etwa BANG-Showbiz mit einem Interview beliefert.
Der Star sichert sich so ab, dass er keine unangenehmen Fragen gestellt bekommt, die Agentur erhält für Vermarktung und Schein-Unabhängigkeit die Exklusiv-Rechte und verkauft diese zuerst an den Meistbietenden und danach an alle anderen.
Manchmal aber gehen solche Interessen-Tandems schief. Dann nämlich, wenn sich Agentur und Redaktion nicht schriftlich über Länge, Inhalt und Autorisierung des Interviews verständigen und die Erst-Redaktion das Interview gratis und ohne Präzisierung an eine Zweitredaktion innerhalb des Hauses weitergibt, wie dies Beispielsweise soeben bei der Hearst-Corp. und ihrem Flaggschiff Cosmopolitan geschehen ist.

Nun hat die britische Redaktion, laut Guardian eine ziemlich heftige Klage am Hals. Die Kägerin wird mit grosser Sicherheit recht bekommen, dazu muss man kein Hellseher sein. Sie hat das Recht, zumal sie in England und nicht in Amerika gegen ihre Agentur klagt, auf Ihrer Seite, denn sie hat die britische Version des Interviews nie zu Gesicht bekommen. Ändern wird das Urteil nichts an der Praxis, dass viele Journalisten in Metropolen längst nicht mehr dazu da sind, ihre Geschichten persönlich zu schreiben, sondern nur noch zu verarbeiten. Immerhin aber leuchten in solchen Fällen die Mechanismen kurz auf.

Dies soll all jenen ein Denkanstoss sein, die sich ständig über die Instrumentalisierbarkeit der Schweizer Journalisten mokieren. Sicherlich, dies ist keine Entschuldigung für schlechten Inhalt oder gar die Verweigerung, seine Arbeit kritisch zu reflektieren.
Doch – und dafür stehe ich ein – selbst „Friday“, das Magazin, welches das Wochen-Übel von 20 Minuten auf 20 Seiten komprimiert, schreibt die meisten Geschichten selbst. Zumindest momentan noch.

Picknick mit Muttermilch

Zwei Meldungen haben mich heute zutiefst verwirrt – aber so richtig. Und dann kam noch eine dritte, die gab mir den Rest. Aber alles der Reihe nach:

Heute früh lese ich: Frankreich führt Picknick-Steuer ein. Schön, denke ich, noch ein Grund weniger sich Nachmittags in den Pariser Parks rumzutreiben. Musizieren darf ich nicht, Fussballspielen ist auch verboten und jetzt muss ich auch noch fürs Futtern zahlen.

„Geplant sei eine Steuer von ungefähr 90 Eurocent pro Kilo auf nicht wiederverwertbare Teller, Bestecke und Becher.“
(Quelle: AP)
Die Umwelt freut’s und ich ess wieder mit Holzlöffel und Holzbrett und hole mir die Cholera. Eigentlich sind die Franzosen für einmal sogar konsequent, besteuern sie doch Waschmittel, Öle oder Pestizide mit einem Umweltzuschlag. Aber warum sind ausgerechnet die Franzosen so fortschrittlich? Das hat mich echt verwirrt. Schon leicht angeschlagen (vergl. Zustand Bundesrat Schmid VOR der Affäre Nef) torkle ich durch den Tag und bleibe vor folgender Meldung stehen:

„Wirt will mit Muttermilch kochen“

Die Idee ist nicht neu, zugegeben. Trotzdem sieht sich Herr H. Locher als Entdecker einer Lücke im Speiseplan. Der Wirt des Restaurants «Storchen» in Iberg hat offenbar bereits im privaten Rahmen damit experimentiert und ist begeistert:

«Es schmecke wirklich, versicherte Locher. Muttermilch sei süsslich und viel fetthaltiger als normale Kuhmilch. Um die Saucen sämig hinzukriegen, sei es aber wichtig, Rahm darunterzumischen. Zudem müsse man die Milch vor Gebrauch abkochen».
(Quelle: Tagesschau SF)

Wer noch nicht das Bedürfnis verspürt, sich zu übergeben, soll doch bitte weiterlesen:

«Jetzt will Locher die Muttermilch im Rahmen von mehreren «Aktionswochen» auf die Speisekarte nehmen. Wie der Winterthurer «Landbote» am Dienstag berichtet, sucht der Wirt per Flugblatt «Lieferantinnen». Gratis müssen die Mütter ihre Milch nicht hergeben. Für einen Vier-Deziliter-Becher bezahlt Locher 6.50 Franken. Zudem blieben die Mütter anonym, versichert er».
(Quelle: Tagesschau SF)

Reichlich angeschlagen (Vergleich Zustand BR Schmid während der Affäre Nef) versuche ich den Tag zu meistern und mich darüber zu freuen, dass ich als Frau durch eine Schwangerschaft doch nicht arbeitslos werden würde. Währendessen lese ich auf persönlich.com folgende Meldung:

«Snob – russisches Magazin für Karrieremenschen»

DAS ist mal ein Blatt! Wie gemacht für mich, erklärte Olga sowieso-irgendwie (das kann ich echt nicht ausschreiben) in einem Interview mit dem englischen «Independent»:

«Der Titel ist natürlich sehr ironisch gemeint, aber im Gegensatz zu anderen Ländern haben Snobs in Russland auch keine Angst davor, sich als solche zu bezeichnen.»

Diesen vor Arroganz und Prahlerei strotzenden Titel muss ich haben. So suche ich also das «Snob-Magazin» und entdecke: Richtig: Ein Magazin aus Saudi-Arabien, mit einem Predident als Chefredakteur. Das heisst so: Predident. Das „s“ liegt in der Tastatur dummerweise gleich neben dem „d“. Da können solche Sachen schon passieren.

Zumindest weiss ich jetzt was ich morgen machen werde (Vergleiche Zustand BR Schmid nach seinem Rücktritt Anfang Oktober, nach der Niederlage im Parlament): Ich sitze in den Park, futtere etwas Muttermilch und lese das Snob-Magazin.