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Die Entlassungen enttäuschen die Abonnenten – Leserbriefe und so..

Es ist schön zu sehen, dass doch noch so etwas wie eine „Debatte“ in den Leserbriefspalten des Tages Anzeigers stattfinden kann. Dumm halt, dass es nur noch spärlich geschieht. Mittlerweile ist es wohl aber bereits soweit, dass man froh sein kann, dass so etwas überhaupt passiert.

Da der Tages Anzeiger seine Leserbriefe online nicht zugänglich macht, müssen wir die Debatte hier 1 zu 1 abdrucken. Man merke: Die Leser machen sich sehr wohl Gedanken um ihre Zeitung (TA vom Freitag 12.).

«Die Entlassungen enttäuschen die Abonnenten»

Wohin steuert der Tagi? Als langjähriger Leser bin ich zunehmend verwirrt. Vor drei Jahren hat Tamedia mit Pauken und Trompeten die Regionalstrategie verkündet, jetzt rudert man wieder zurück, lässt aber verlauten, dass die Regionalisierung damit gestärkt werde. Der Verlag baut auf einen Schlag Dutzende von Stellen ab, verspricht aber gleichzeitig, der Tagi werde jetzt «noch besser». In seinen Kommentaren profiliert sich der Tagi durch seine Kritik an rücksichtslosen Managern, nun sickert aber immer mehr durch, wie rücksichtslos Tamedia beim Personalabbau vorgegangen ist. Glaubt Tamedia ernsthaft, sie erhöhe mit solchen Floskeln und Methoden den Ruf des Tagi als unabhängige Qualitätszeitung?
TOBIAS STRAUMANN, ZÜRICH

Existenzielle Bedrohung. Der Tagi begleitet mich seit vielen Jahren, und ich habe der liberalen Kultur des Unternehmens naiv vertraut. Ich nahm die verschiedenen Meinungen und die politischen Auseinandersetzungen der schreibenden Arbeitnehmenden mit Zufriedenheit zur Kenntnis und nahm an, dass die obersten Chefs und Besitzer der Zeitung menschlich ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auch bei einmal auftretenden Schwierigkeiten nicht gleich fortschicken würden, so wie andere Unternehmen dies tun. Dem ist leider nicht so. Es wurde echt treuen und engagierten Journalisten und Journalistinnen, die über Jahre die Qualität der Zeitung erfolgreich geprägt und gewinnbringend aufrechterhalten haben, gekündigt. Es seien finanzielle Gründe, die die Entscheidungsträger zu diesem notwendigen Entschluss gedrängt hätten. Ein für viele sehr schmerzhafter Entschluss, weil Kündigungen verletzen und unwiderruflich sind und weil diese für die Journalisten und Journalistinnen des «Tages-Anzeigers» echt und nicht scheinbar existenziell bedrohlich sind. Die zahlreichen Entlassungen enttäuschen die Abonnenten und Abonnentinnen. Wer will denn nun den «Tages-Anzeiger» noch vor der Haustür oder im Briefkasten?
GERDA STILLI, ZÜRICH

Verstümmelung von Ressorts. Die wirtschaftliche Situation des Tagi sei so schlecht, dass rigoros gespart und auch bei der Redaktion «abgebaut» werden müsse, liess Tamedia die Öffentlichkeit vor einigen Wochen wissen. Mit der Entlassung von rund einem Viertel der Redaktion werden aber nicht nur Kosten vermindert, sondern auch journalistische Leistungen abgebaut.
Damit verspielen Herausgeberschaft und Chefredaktion das eigentliche Kapital ihrer Zeitung – sie opfern über lange Jahre aufgebaute journalistische Kompetenz und Glaubwürdigkeit auf dem Altar der Wirtschaftlichkeit. Besonders die Entlassungen von Auslandskorrespondenten und in den Bereichen Kultur sowie Wissen und Leben kommen einer regelrechten Verstümmelung dieser Ressorts gleich. Dabei scheinen die Verantwortlichen aus dem Blick zu verlieren, dass es die kompetente Berichterstattung, Analyse und Kommentierung vielfältiger Themen sind, die LeserInnen an ihre Zeitung binden. Streichen sie diese zusammen, geht der wichtigste Anreiz verloren, den Tagi weiterhin zu abonnieren. Ich werde mir jedenfalls sehr gut überlegen, ob sich mein Abo weiterhin lohnt.
STEFAN SANDMEIER, WINTERTHUR

Alles nur Image? Der «Tages-Anzeiger» profiliert sich mit Anprangerungen von Ungerechtigkeiten und Gesetzesverstössen der Mächtigen zu Lasten des einzelnen machtlosen Bürgers. Mit diesen medialen Stellungnahmen zugunsten der Schwächeren hat sich der «Tages-Anzeiger» ein linksliberales Image erworben, verstärkt nun auch durch den Beizug von Res Strehle als Chefredaktor, auch er bekannt durch soziale Positionierungen. Wenn man nun aber hört, wie mit den verdienten Mitarbeitern umgesprungen wurde, stellt man mit Empörung fest, dass dem äusseren Schein kein echtes inneres Engagement zugrunde liegt, dass die Feigenblätter und der Lack abblättern. 32 Millionen Franken für die Aktionäre einerseits, Massenentlassungen mit entsprechenden Folgen für die einzelnen Arbeitnehmer andererseits.
Daniel Suter, bald 60-jährig, seit 22 Jahren beim «Tages-Anzeiger», bekannt unter anderem durch seine klugen, kritischen Kolumnen, wird als Präsident der Personalkommission entlassen, ohne ein Wort des Dankes, ohne Angebot einer Frühpensionierung. Es ist offensichtlich, dass sein Engagement als Personalvertreter für die Rechte der Belegschaft bestraft werden musste, zwei Tage nach seiner öffentlichen Kritik an den Tamedia-Verantwortlichen.
URSULA KOHLBACHER, ZÜRICH

Gewinnstreben. Angesichts der Massenentlassung in der Redaktion des «Tages-Anzeigers» machen folgende Gedanken von Paul Parin sehr nachdenklich und ohnmächtig. Als Leser empfinde ich es besonders stossend, dass sich die Unternehmensleitung meines Hausblatts sich in exorbitanter Weise dem Gewinnstreben verschrieben hat und mit einer übereilten Hauruckaktion die Glaubwürdigkeit des «Tages-Anzeigers» aufs Spiel setzt. Paul Parin äussert sich zum Thema Macht und Medien in der jüngsten Ausgabe des «Tages-Anzeiger-Magazins» vom Samstag, 30. Mai. Ihm schwebt dabei eine Institution vor, die den Mächtigen wieder die Macht entzieht. Laut Parin sollten eigentlich die Medien diese Rolle übernehmen. Diese seien jedoch selber süchtig nach der Macht. Hm, wie wahr, wenn man sich die jüngsten Ereignisse im Hause Tamedia vor Augen führt.
SONYA ZÜND, ZÜRICH

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Von Journalisten und Köchen

Wir haben uns lange überlegt, ob wir die Vorgänge in- und um die bei der TA-Media ausgesprochenen Entlassungen kommentieren sollen. Ugugu hat einmal kurz darauf aufmerksam gemacht, dass es dabei unter aller Sau zugeht. Wobei das noch milde ausgedrückt ist. Ein Solidaritätsplan innerhalb der Tagi-Redaktion wurde kategorisch abgelehnt, 60-jährige Mitarbeiter, die seit über 20 Jahren zum Team gehören werden mit Hinweis auf Frühpensionierung in die Wüste geschickt (obwohl die Rente zu diesem Zeitpunkt deutlich unter dem Existenzminimum liegt). So gesehen ist die TA-Media nicht besser, als ein x-beliebiger Industriebetrieb, der seine Belegschaft aus Rentabilitätsgründen auf die Strasse stellt. Einzig mit dem Unterschied halt, dass die TA-Media für sich in Anspruch nimmt, mehr zu sein als ein normaler Industriebetrieb. Unter anderem will man dort ja die „beste Zeitung der Schweiz“ herstellen.Die Frage nach dem „wie (bitte)?“ ist berechtigt.

Es steht ausser Frage, dass es nie einfach ist, einen Stellenabbau durchzuführen. Irgendjemand muss gehen. Und es ist meistens irgendwie der Falsche. Auch bin ich skeptisch was anschliessendes „Abrechnen“ mit der eigenen Branche in fremden Titeln betrifft (selbst wenn es sich dabei um den von uns sehr geschätzten Daniel Suter und die WOZ handelt). Es ist nicht nötig, die Details weiter zu erläutern. Wer nach entsprechenden Missständen sucht, wird auch in unserem eigenen Archiv fündig..

Nein, was uns am Verlauf der Dinge irritiert, ist mit welch kühler und selbstgefälliger Ignoranz der derzeitige Medienwandel von den Rezipienten ertragen wird. Selbstverständlich geht es dabei auch um die Angestellten und ihr Schicksal, nicht zuletzt aber handelt es sich bei einer Zeitung auch um eine Dienstleistung, für die wir bezahlen. Oder wie würde ein Kunde reagieren, wenn seine Lieblingspizzeria eine Pizza plötzlich mit deutlich schlechteren und teils gar weniger Zutaten servieren würde als bis anhin? Dies notabene ohne Preissenkung und mit dem Hinweis auf Personalreduktion aus Rentabilitätsgründen?

Richtig, der Kunde würde protestieren.

Das dieser Rezipienten-Protest ausbleibt hat vermutlich mehrere Gründe. Beruhigend ist keiner davon. Sei es, dass die Rezipienten an einer Überinformierung leiden, dass sie nicht wissen, was auf sie zukommt, sei es, dass Journalisten gemeinhin als Schmarotzer, Linke und überprivilegierte Halbwissende gelten, die schon lange den Kontakt zur Realität verloren haben. Denn all diese Gründe verdecken den Blick auf das Wesentliche. Die Welt wird immer komplexer, zusammenhängender und dadurch unübersichtlicher. Stellt die Pizzeria Nahrung für Menschen zur Verfügung, welche zu faul zum Kochen sind, kümmert sich der Journalist um die Informationsaufnahme derjenigen, die zu faul sind um selbst nach Sri Lanka, ins EU-Parlament oder ins Bundeshaus zu reisen.

Gute Köche verfügen vor allem über eines: Erfahrung. Dasselbe gilt für gute Journalisten. Um zu wissen, ob eine Massnahme tatsächlich so toll ist, wie der (Europa-/Bundes-/Regierungs-/Regional-) Rat in seiner Pressekonferenz erläutert, ist es nötig zu wissen, welch ähnlichen Massnahmen in den letzten Jahren mit welchem Erfolg und welchen Versprechungen durchgeführt wurden. Für dieses Wissen und diese Erfahrung bezahlen wir mit einem Zeitungsabonnement.

Von 20 Minuten verlange ich diesen Service nicht. Gratiszeitungen sind ein guter Pool um angehende Talente auszubilden und anzubinden. Um ihnen formale und stilistische Grundfertigkeiten beizubringen, und einen brauchbaren Rucksack in Form eines Kontaktnetzes mitzugeben. Darum sind solche Produkte auch gratis und die Mitarbeiter in aller Regel jung. Vielleicht leuchtet das dem einen oder anderen Zeitungsleser und Zeitungsmacher auch ein. Es würde mich freuen, in Zukunft wenigstens den einen oder anderen brauchbaren Leserbrief zu finden, der sich nicht nur darüber aufregen mag, dass der Artikel lausig geschrieben oder unvollständig ist. Sondern der sich fragt, ob diese Art Kritik wirklich gerechtfertigt ist und warum einem Daniel Suter solche Fehler eben gerade nicht passieren würden.

Das hier ist meine Art für die in 22 Jahren geleistete Arbeit danke zu sagen, Daniel Suter. Zu sagen, dass wir den Stellenabbau bedauern, die Art und Weise wie alles passiert ist. Und es ist unsere Art zu zeigen, dass wir sehr wohl wissen, dass ein guter Journalist mehr ist als ein selbstgefälliger Halbwissender. Zumindest dann, wenn er seine Sporen mal abverdient hat.