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Ein Tisch mit drei Beinen

 Newsnetz: der schnellste Qualitätsjournalismus im Netz.

 Diese Formulierung lässt mich immer wieder leer schlucken. Was ist Qualität? Ist Schnelligkeit nicht per se ein Wort, das dem Ausdruck „Qualität“ eher schadet als nützt?

Gerne würde ich den Verbund von Tages-Anzeiger, Basler-, Berner Zeitung und Bund beim Wort nehmen. Wenn ich aber bereits morgens um 0830 Uhr Artikel lese, die mich schon im Vorspann ärgern, dann frage ich mich:

Werden Journalisten heute noch brauchbar ausgebildet? Was ist Journalisten heute wichtig? Welche Vorbilder haben Journalisten noch ausser sich selbst? Und was wollen sie mit ihren Geschichten bei ihren Lesern erreichen? Stellen sich Journalisten diese Fragen überhaupt noch, was ist ihr Selbstverständnis?

Manchmal habe ich das Gefühl, viele Journalisten betrachten ihren Job als einfachen Bürojob, in dem Fehler, Objektivität, saubere Recherche, Ausgewogenheit, Quellenüberprüfung und brauchbares Deutsch keine Rolle mehr spielen.

Dem ist aber nicht so. Journalist zu sein bedeutet auch 2010 nicht, einen „Bürojob“ zu haben. Genau so wie K(C)arl Hirschmann eine gesellschaftliche Vorbildfunktion hat (die er vorzüglich nutzt um sowohl seine eigene Reputation wie auch die seiner Freunde in die unterste Schublade zu verfrachten), haben auch Journalisten eine Vorbildfunktion. Sie geben vor, was im Gedächtnis der Gesellschaft haften bleibt – und damit auch; wie es haften bleibt. Es ist ein toller Job, beneidenswert und begehrt. Journalist zu sein ist ein Privileg – auch im Jahre 2010.

Was aber sollen Lehrer ihren Schülern sagen, was Dozenten ihren Studenten, was Lehrmeister ihren Lehrlingen, wenn Qualitätsjournalisten Sachen schreiben wie:

Die BVB wollen ihren CO2 weiter reduzieren. Nun sollen verschiedene Bustypen getestet werden. In der Diskussion sind Biogas- und Hybridantriebe als Nachfolger für über vierzig Gelenkbusse.

oder

Die amerikanische Notenbank Fed sorgt sich zunehmend um den Arbeitsmarkt in den USA, weil keine Erholung in Sicht ist. Nicht die einzige Baustelle.

Wenn ein Schüler seinem Lehrer sagt, Sätze wie: „Meine Mutter macht Apfel“, seien korrekt, in der Zeitung stehe das auch so, dann hat er recht. Wenn ein Student seinem Dozenten sagt: (..) erhöht die Infektionsgefahr. Nicht das einzige Problem. Das sei korrekt, in der Zeitung stehe das auch so, dann hat er recht. Wenn ein Schreinerlehrling einen Tisch mit drei Beinen fabriziert, der wackelt wenn man einen Teller drauf stellt, dann hat er recht. Bei Newsnetz ist das auch so.

Sicher: Es ist schön, dass Newsnetz die Texte im Verlauf des Tages korrigiert. Da ich die Texte in der Regel aber nicht zwei Mal lese, bringt mir das herzlich wenig.

Die beste Zeitung der Schweiz Teil II

Wie gross ist die Chance, dass WW-Kolumnist Kurt W. Zimmermann und Ta-Media Verwaltungsratspräsident Pietro Supino gerne mal miteinander Golf spielen? Ich würde meinen: ziemlich gross. Den Hang zu utopischen Ideen und überrissenen Ansprüchen zumindest teilen sie bereits.

Seit Anfang Jahr haben die Schweizer Tageszeitungen rund 250 Journalisten entlassen“, schreibt Zimmermann in der neusten WW-Ausgabe (mal abgesehen davon, dass ich mich frage, wie er auf diese Zahl kommt) „Aus Lesersicht ist das kein Grund zur Besorgnis“ Natürlich nicht, überhaupt nicht. „Im Gegenteil, es gibt dadurch Hoffnung, dass die Zeitungen wieder echte Zeitungen werden“.
Damit hat uns Zimmermann gezeigt, wo der Pietro den Most holt. Offenbar gab es mal eine Zeit, in der Zeitungen noch richtige Zeitungen waren. „Echte“ Zeitungen eben (hö? könnte mir bitte mal jemand „Zeitung“ definieren..?). Damals, als sie sich die Blätter noch auf ihre Kernkompetenzen (?) beschränkt haben. „Sie haben die Aktualität zu vermitteln und diese Aktualität intelligent zu analysieren“. Nur mache das heute kaum mehr jemand. Stattdessen investiere man in Lifestyle, medizinischen Schwachsinn und Kulturhistorischen Unsinn. „In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre begannen die Zeitungen, sich in Zeitschriften zu verwandeln“. Ich erlaube  mir Herrn Zimmermanns Gedanken hier noch ein wenig auszudeutschen. Er meint: In den 90er Jahren hat die aufkommende Sonntagspresse bewiesen, dass man mit zusätzlichen Themen ein grösseres Anzeigenvolumen akquirieren kann. Das wollten sich die Verleger verständlicherweise nicht entgehen lassen.

Ich bin so frei und spinne Zimmermanns Gedanken noch etwas weiter. Wenn man jetzt also schon 250 Journalisten entlässt, kann man auch gleich seine Anzeigenkunden zur Hölle schicken und sich wieder auf ein Kerngeschäft konzentrieren, dass, wie die Beispiele 20 Minuten und Blick zeigen, bei den auflagestärksten schweizer Tageszeitungen offenbar im Bereich „Aktualität vermitteln und intelligent analysieren“ liegen soll. Alles andere als eine Reduktion der 20 Minuten und Newsnetz-Redaktionen auf 10% des jetzigen Bestandes wäre ein Stolperstein auf dem Weg zu Pietro Supinos „besten Zeitung der Schweiz“.

Vielleicht wird das ja doch nix mit dem Golf spielen. Nicht weiter schlimm, sparen tut Not. Denn unser Beraterhonorar entspricht 10% der eingesparten Redaktionskosten und damit einiges mehr als die Golfplatzmiete. Die Daten finden sie, Herr Supino, wie immer in der Menüleiste „contact“.

Mediale Zukunft: „Tages Bund Zeitungs Anzeiger“

Wie könnte die mediale Zukunft dereinst aussehen? Wie fühlt sich das morgen an, wenn drei grosse Zeitungen demselben Verlag gehören? Steht dann überall auch dasselbe drinn? „Nein“ sagt die Ta-Media. Man bekenne sich zur Qualität und zur Eigenständigkeit der einzelnen (Regional-) Redaktionen. In Tat und Wahrheit kann man aber bereits jetzt beobachten, wie sich ein Meinungsmonopol auswirken kann.

Die Sportberichterstattung bei Bund und Berner Zeitung ist schon seit längerem identisch. Das heisst: die Bundredaktion verfügt über keine eigene Sportredaktion mehr, sehr wohl aber Tages Anzeiger und Berner Zeitung. Und trotzdem teilen sich alle drei Zeitungen schon jetzt die gleichen Texte und Autoren. Wer heute beispielsweise nach Meinungen und Berichterstattung zu Roger Federers grossem Sieg in Madrid sucht, findet dreimal denselben Text von René Stauffer als Aufmacher im Sportbund – bei Tages Anzeiger, Berner Zeitung und Bund. Solche Dinge sind Anzeichen für das, was uns dereinst erwartet. Nicht nur bei Zeitungsverlagen sondern auch beim Schweizer Fernsehen und Radio DRS. Bei der SRG nennt sich dieser Prozess Konvergenz, bei der Ta-Media Kostenoptimierung, Effizienzsteigerung und Regionalisierung. De Fakto aber bedeutet dies, das immer weniger Journalisten immer mehr Macht in die Hände fällt. Die Produkte tragen verschiedene Namen, aber die Inhalte gleichen sich an.

Konvergenz führt in diesem Sinne zu einer Scheinvielfalt. Die Zeitungen als „Berner Zeitung“ und „Bund“ und „Tages Anzeiger“ anzubieten ist eigentlich Betrug. Sie mögen anders heissen, auf kurz oder lang aber sind sie bis auf den Regionalteil und Textlänge bzw. Bilderauswahl deckungsgleich. Derselbe Prozess gilt auch für die Informations- und Kulturangebote der SRG. Dagegen lässt sich einwenden, es gäbe in der Schweiz sowieso zu viele Journalisten und Medienerzeugnisse. Diese Argumentation ist zulässig, wenn man grosse Meinungsvielfalt und hohe Divergenz als lästig  oder überflüssig empfindet, aber die Frage stellt sich trotzdem: Warum fusionieren die Verlage ihre Blätter nicht zu einer einzigen Zeitung mit individuellen Regionalteilen?

Korrekte Berichterstattung – oder die Angst inkompetent zu wirken

Schon seit einigen Tagen weisen wir hier auf Pannen und Ungereimtheiten bei der Berichterstattung über die Influenza Porzine hin. Offensichtlich geht es nun munter weiter. Denn Es scheint niemandem wirklich klar zu sein, welche Fakten in Bezug auf Kerry F. tatsächlich gelten. Und mit einer fast schon bewundernswerten Selbstverständlichkeit kolportieren Journalisten , was sie für Tatsachen halten.

Am verlässlichsten müsste eigentlich die Aargauer Zeitung berichten. Schliesslich liegt das Kantonsspital Baden in ihrem Hoheitsgebiet. Und die MZ-Regionaltrüffelschweine müssten über das beste Informationsnetz verfügen. Und das stand heute in der AZ:

16 Spitalangestellte, die mit Kerry F. in Kontakt waren, wurden nach Hause geschickt und mit Tamiflu versorgt. Ebenso 15 Personen ausserhalb des Spitals, darunter Kerrys Freunde, die mit ihm in Mexiko waren (..)

Der einzige Qualitätstitel der heute/1.Mai erscheint, ist der Berner Bund. Auch dessen Informationen gelten im Normalfall als verlässlich. Dieser beschreibt dieselben Massnahmen wie folgt:

Um eine mögliche Verbreitung des Virus zu verhindern, hat der Aargauer Kantonsarzt deshalb Quarantänemassnahmen beschlossen für alle, die mit dem Erkrankten vorher Kontakt hatten: Es handelt sich um 13 Personen aus seinem privaten Umfeld sowie um 11 Personen der Spitalpflege. Sie müssen einige Tage zu Hause bleiben und werden mit Tamiflu behandelt.

Wer die Berner Zeitung liest, macht das Chaos perfekt. Dort heisst es:

Insgesamt wurden 13 Personen identifiziert, die in der Zwischenzeit mit dem jungen Mann Kontakt gehabt hatten. diese werden laut Beer vorsorglich mit Tamiflu behandelt und zu Hause in Quarantäne gehalten. Weitere 11 Personen, die im Krankenhaus mit dem Patienten Kontakt hatten, wurden ebenfalls informiert.

In der BZ wurden also 11 Personen des Personals „informiert“, im Bund mussten diese 11 zu Hause bleiben und Tamiflu futtern in der Aargauer Zeitung waren´s plötzliche 16? Von den „Freunden“ von Kerry F wollen wir erst gar nicht reden. Weiss eigentlich überhaupt jemand zuverlässig was passiert ist? Oder geht es einfach darum die eigene Version der Geschichte zu kolportieren und die Angst inkompetent zu wirken, wenn deklariert wird, dass die genauen Umstände sowie die Anzahl der Betroffenen schlicht nicht bekannt sind?

Wie der Spiegel die Schweiz sieht

Eigentlich  mag ich die Polemik um, von und mit Peer Steinbrück nicht mehr hören und auch nicht mehr lesen. Wenn aber ein schweizer Journalist im deutschen Spiegel das Verhältnis Deutschland-Schweiz aus der Sicht eines schweizer Deutschen beschreibt, dann werde ich hellhörig.

Eigentlich wäre Mathieu von Rohr, Absolvent der sagenumwobenen Henri-Nannen Schule in Hamburg Redaktor im Ressort „Ausland“. Wenn es allerdings um Schweizer Politik geht („Ausland“), insbesondere um SVP-nahe Themen, dann wird Mathieu abkommandiert – oder lässt sich abkommandieren, wobei ich eher auf das Erstere tippe. Nun ist Amok-Peer (das passt auch hier) aber eher eine FDP-Angelegenheit. Nicht nur, weil das betroffene Departement derzeit in den Händen dieser Partei liegt, sondern auch weil Finanz- und Wirtschaft in der Schweiz geschichtlich gesehen eher liberal statt konservativ geprägt sind. Dementsprechend entgleist der Artikel auch ziemlich, wird es aber vermutlich trotzdem in die Printausgabe der kommenden Woche schaffen.

Warum? Ganz einfach. Weil sie in Hamburg derzeit niemand haben, der auch nur einigermassen über schweizer Politik Bescheid weiss. Und so muss halt ein ehemaliger BAZ-Feuilletonist den Kopf hinhalten.

Boulevard – wenn Journalisten leiden

Es ist schrecklich, wie oft Kinder und Jugendliche in einem kleinen Land wie der Schweiz entführt, missbraucht und letzten Endes getötet werden. Solche Ereignisse füllen dann jeweils über Wochen die Seiten der Boulevardtitel. Fragen wie:  wie hat der Täter gelebt, wo hat er welche Tat begangen und wie hat er das Opfer umgebracht, beschäftigen die Boulevardjournalisten von früh bis spät.

Doch auch der härteste Journalist hat ein Herz. Hoffe ich zumindest. Während sich 20 Minuten und Blick am Abend über Twitter um die Bildrechte im Fall Lucie streiten, wünscht sich der eine oder andere Journalist etwas mehr Respekt, ein wenig Zeit zu trauern und Ruhe, um das Gelesene und Gesehene zu verarbeiten.

Blattkritik: Dr Abdel-WEF-H&M

Diese Woche habe ich mich nach langer Zeit wieder einmal dazu gezwungen, den Blick am Abend etwas ausführlicher zu lesen. Ausführlicher bedeutet hier:  Nicht nur aus der Box nehmen und nach der obligaten Gleichung: Schlagzeile + Titelbild = Overkill wieder wegwerfen, sondern auch mal durchblättern.

Und das habe ich dabei erlebt:

„Die Chefs am WEF“ (S.3)

Überflogen und gemerkt, dass die Quotes von Bill Clinton nicht vom BaA-Reporter stammen, wie im Text angegeben, sondern der Tagesschau abgeschrieben waren.

„Bodycheck – Dr. Adel Abdel-Latif“ (S.10)

Den ersten Satz gelesen (Mariana Bridi Da Costas, eines der hoffnungsvollsten Nachwuchs-Topmodels der Welt..) und danach aufgegeben weil:

a.) Mir im nächsten Satz niemand erklären wollte, warum die Dame so voller Hoffnung war.

b.) Abdel das auch gar nicht sagen wollte, sondern wohl ihr Potential meinte

c.) Das auch keine Rolle spielt, da Mariana zwar Model war, aber mit 20 Lenzen den Zenit für ein etwaiges Nachwuchspotential schon vor ca 3 Jahren unwiderruflich überschritten hatte.

„H&M´s next Star-Designer“ (S.19)

Interview  kurz überflogen und folgenden Satz gelesen:

Und er ist der Lieblingsdesigner von den Stars“

Die Schreibe von dem Journalisten ist einmalig.

„Die Singles des Tages“ (S.30)

Ich hab mir echt Mühe gegeben, stark zu sein. Aber auf Seite 30 musste ich die Waffen strecken.

Wenn einer schreibt: „Ich werde schwach bei: CD-Gestellen“ – dann hat er entweder die Frage nicht verstanden, oder aber er bleibt ewig single. (Richtige Antwort: Plattenladen).

Fazit: Es ist eine reife Leistung ein tiefes Niveau noch zu unterbieten. Schön, dass es trotzdem immer wieder gelingt.

Ron Orp und die Journalisten Teil II

Eigentlich dachte ich, der Ron Orp Beitrag wäre abgeschlossen. Mal abgesehen von denen die nicht lesen können und den Übrigen, die denken, es sei nötig sich zu wiederholen. Dass Argumente durch Repetition nicht besser werden, scheint bei vielen Lesern keine Rolle zu spielen.

Glücklicherweise hat sich die Diskussion heute etwas weiter entwickelt. Auf einer, nennen wir es mal, praktischen Ebene. Wir erinnern uns: Am Anfang stand die von mir gemachte Behauptung: Doppelpunkt- (DRS1) und Aeschbacher- (SF1) Redakteure, deren Job daraus besteht, Protagonisten zu rekrutieren, suchen bei Ron Orp (Trend-Forum) per Inserat nach Protagonisten. Dies erinnere an eine in Deutschland prosperierende Methode, wonach es nicht mehr im Interesse des Journalisten liege eine etwaige Realität abzubilden, sondern nur noch darum gehe, sein Format abzufüllen.

Der Vorwurf zielte zudem darauf ab, Ron Orp als Plattform für etwaige Suchaufrufe in Frage zu stellen. Die Argumente waren: kontext-, sinn- und bezugsfreie Umgebung, erschwerte Quellenüberprüfung und erhöhte Gefahr telegener Selbstdarsteller. Vielleicht ist es noch nötig zu sagen, dass ein Grossteil der Kommentare lediglich davon handelte, ob es legitim sei, die Arbeit und Ethik von Journalisten grundsätzlich in Frage zu stellen, oder auf den Nenner zu zwingen, dass gemachte Aussagen nur dann zulässig sind, wenn der Autor nicht aus der Anonymität heraus argumentiert. Beide Kritiken zielen ins Leere und sind für eine inhaltliche Diskussion zum genannten Thema irrelevant. Meine Meinung bleibt: Beide Journalisten handeln unzulässig und gehören gerügt.

In den Kommentaren hat sich allerdings trotzdem eine andere Frage (Stichwort: aufgeschlossener Internetjournalismus) herauskristallisiert:

Ist es legitim per Online-Aufruf nach Quellen zu suchen?

Die Frage ist ganz allgemein gehalten und beinhaltet keine Bindung an Medien, Statuten oder Journalisten. Daher lautet die Antwort hier simpel: Ja. Das ist legitim. Solange keine Kriterien oder Regeln bestehen, ist jede Hilfe und Erleichterung willkommen. In Anlehnung an die Kommentare von Bruder Bernhard und Ronnie Grob, war und ist dies eine gängige Methode vieler Journalisten, die ihre Artikel mit entsprechenden Quotes „enhancen“ müssen. In Anlehnung an Matthias Daum bleibt hier gar anzufügen, dass es einen etwaigen Suchradius ungemein erweitern kann. Ich verweise als Beispiel auf entsprechende Aufrufe, die DRS1 (z.b. Wunschkonzert) selber im Tagesprogramm tätigt, um auf diese Weise ein Maximum an Protagonisten zu erhalten. Die Frage ist daher nicht interessant und muss auch nicht weiter besprochen werden, wie dies beispielsweise von David Bauer gefordert wird.

Interessant wird die Frage aber dann, wenn Regeln und Leitlinien sowie der Anspruch des Mediums und des Journalisten selbst in die Diskussion fliessen. Ich möchte dies am Punkt von Matthias Daums Beispiel erläutern. Der Text soll dazu dienen zu diskutieren, unter welchen Umständen eine Online-Suche vertretbar oder gar wünschenswert ist und unter welchen nicht.

Matthias Daum spricht in seiner Funktion als Redaktor des NZZ Campus-Magazins. Einer Beilage der NZZ. Im Speziellen handelt es sich dabei um Branchenportraits, welche angehenden Arbeitnehmern ermöglichen soll, mögliche zukünftige Arbeitgeber etwas besser kennen zu lernen. In diesem Fall soll der Online-Aufruf gar als qualitätssteigerndes Element dienen:

„Dabei würde der einfache Weg über die PR-Stellen der ausgewählten Firmen führen. Diese würden mir dann ein Treffen mit einem HR-Verantwortlichen sowie einer jungen Vorzeige-Mitarbeiterin ermöglichen. Der Nachteil dabei: Dreiviertel des Gesagten ist Firmenslang-Geschwätz. Viel lieber mache ich da einen Online-Aufruf, auf welchen sich eine mir auch ausserhalb der virtuellen Welt bekannte Kollegin meldet, die mir wiederum eine Kollegin vermitteln kann, die in der von mir porträtierten Branche arbeitet.“

Das Resultat sei so vielfach spannender als ein Gespräch mit Vorzeige-Mitarbeitern, da diese unter Druck der entsprechenden PR-Abteilung stehen würden. Das einzige Kriterium, welches hier an den Online-Aufruf gestellt wird ist also: Du darfst nicht von der PR-Abteilung instrumentalisiert worden sein. Die Beschränkung ist singulär und erfordert keine weiteren Massnahmen. Da es sich bei der Campus-Beilage zusätzlich um eine PR-Beilage der NZZ handelt und nicht um einen Teil des Stammblatts selbst, gilt das Redaktionsstatut hier auch nur ansatzweise. Oder besser gesagt: Darf nur ansatzweise gelten. Viele Artikel trennen in diesen Beilagen viel zu wenig zwischen Inhalt und Werbung, als dass es für das Mutterhaus vertretbar wäre. Als Beispiel sei auf weitere NZZ-Beilagen wie etwa „Z“ verwiesen. Dass Beilagen-Mitarbeiter und NZZ-RedakteurInnen zum Teil kongruent sind, spielt dabei keine Rolle, solange es sich nur um einen Teil der Belegschaft handelt.

Im weiteren führt Daum an, für andere Artikel sei die Methode ungeeignet. Nicht weil die Kriterienschwelle zu hoch sei für etwaige Aufrufe, sondern weil die Gefahr bestehe, dass der Journalist seine These offenlege und seine Idee fremdverwendet werde. Hier bin ich anderer Meinung. In Abhängigkeit von Medium, Statut, Anspruch und Ressort variieren auch die Möglichkeiten der Informationsbeschaffung. Entsprechend dazu steigen oder fallen auch die Beschränkungen. Im Falle der erwähnten Redaktionen (DRS1 und SF) bleibe ich dabei und verweise auf entsprechende Verstösse. Im Falle der NZZ sowie des Tages Anzeigers tendiere ich je nach Ressort auf eine ähnliche Vorgehensweise. Da weder David Bauer noch Matthias Daum für diese Ressorts tätig sind, entfällt – wie bisher – eine entsprechende Kritik. Die in den Kommentaren angeführten Beispiele sind daher für das von Anfang an genannte Exempel nicht aussagekräftig. Anders die von mir erwähnten Redaktionen. Beide fallen unter entsprechende Ressorts. Beide sind ähnlichen Statuten verpflichtet und für beide gilt es, auf solche Praktiken zu verzichten.

Und in eigener Sache: Die Aufgabe dieses Blogs besteht nicht darin, Journalisten per se zu kritisieren. Sowohl Hose wie auch Dose wollen viel mehr auf Grauzonen verweisen und entsprechende Fälle aufzeigen. Im besten Falle entsteht eine Diskussion, so wie hier. Dies ist um so nötiger, da wir uns in Zeiten der Rezession befinden, in denen es vielen Verlegern darum geht auf Kosten der Qualität zu sparen und erfahrenes Personal durch billigere und jüngere Kräfte zu ersetzen.

Der Webreporter – Der Idiot des Tages

Immer wieder höre ich: Journalist zu sein, ist nicht schwer. Alle tun es, jeder weiss wie und alle können es besser. Wer dem wiederspricht wird gleich mit Blog-Beispielen, Youtube und den Namen von Neo-Talenten zugemüllt. Screw you!

Richtig ist: Fähige Menschen gibt es überall. Auch Kandidaten bei MusicStar-Castings treffen hin und wieder den richtigen Ton. Was ihnen aber fehlt ist Erfahrung,  Wissen und das daraus resultierende Können. Denn Talent alleine nützt nicht viel.

 

Heute lese ich im Netz folgende Schlagzeile:

13-jährige Schülerin wurde unbemerkt Mutter und brachte gesundes Baby zur Welt„.

(Blick-Geschichte von Anfang Woche, abgeschrieben bei der Baslerzeitung die wiederum beim 20 Minuten abgeschrieben hat).

 

Verbrochen hat die Geschichte Webreporter jsbach. Nicht nur hat Johann-Sebastian bei seiner Namenswahl etwas zu hoch gegriffen, offensichtlich hat er auch noch nie der Geburt eines Kindes beigewohnt. Keine Frau wird unbemerkt Mutter, es sei denn sie ist Hirntot.

Die Theorie, dass Herr jsbach doch schon älteren Semesters ist und daher zumindest über Erfahrung und vielleicht auch etwas Wissen verfügen müsste, gilt zumindest in diesem Fall als Wiederlegt.

 

Wäre Herr jsbach mein Redaktions-Assi würde ich ihm dafür nicht nur kräftig in den Arsch treten und ihn als Chauvinisten und Rüppel bezeichnen, ich würde ihn zur Strafe auch noch 30 mal: „Auch Frauen haben Gefühle“ an die Wandtafel schreiben lassen.

Damit hätte er folgende Erfahrung gemacht: Beleidige nie eine Frau, denn jetzt weisst du, so was kann ins Auge gehen.

 

Aussage gegen Aussage

In den vereinigten Staaten, sowie in der EU ist es schon seit längerem Usus, dass internationale Verlage Interviews wiederverwerten. Sprich, erstellt eine Redaktion in Spanien einen Inhalt auf spanisch, ist die deutsche Redaktion durchaus in der Lage, denselben Inhalt noch einmal abzudrucken. Meist lediglich übersetzt, nicht revidiert und natürlich gratis.
In der Schweiz kommt diese Praxis eher selten zum Zug und wenn, dann meist zwischen Romandie (Le Temps/Edipresse) und Deutschschweiz (Ringier, TAMedia). Das Dumme daran: Die Schweizer müssen sich die Geschichten gegenseitig abkaufen, was die ganze Sache unrentabel werden lässt.

Die Deutschen, die Engländer und insbesondere die Amerikaner sind in dieser Beziehung schon einen Schritt weiter. Damit Stars und Sternchen nicht permanent von Journalisten belästigt werden, werden meist Roundtable-Interviews veranstaltet, oder, was meist noch üblicher ist, es wird eine Celebrity-Agentur wie etwa BANG-Showbiz mit einem Interview beliefert.
Der Star sichert sich so ab, dass er keine unangenehmen Fragen gestellt bekommt, die Agentur erhält für Vermarktung und Schein-Unabhängigkeit die Exklusiv-Rechte und verkauft diese zuerst an den Meistbietenden und danach an alle anderen.
Manchmal aber gehen solche Interessen-Tandems schief. Dann nämlich, wenn sich Agentur und Redaktion nicht schriftlich über Länge, Inhalt und Autorisierung des Interviews verständigen und die Erst-Redaktion das Interview gratis und ohne Präzisierung an eine Zweitredaktion innerhalb des Hauses weitergibt, wie dies Beispielsweise soeben bei der Hearst-Corp. und ihrem Flaggschiff Cosmopolitan geschehen ist.

Nun hat die britische Redaktion, laut Guardian eine ziemlich heftige Klage am Hals. Die Kägerin wird mit grosser Sicherheit recht bekommen, dazu muss man kein Hellseher sein. Sie hat das Recht, zumal sie in England und nicht in Amerika gegen ihre Agentur klagt, auf Ihrer Seite, denn sie hat die britische Version des Interviews nie zu Gesicht bekommen. Ändern wird das Urteil nichts an der Praxis, dass viele Journalisten in Metropolen längst nicht mehr dazu da sind, ihre Geschichten persönlich zu schreiben, sondern nur noch zu verarbeiten. Immerhin aber leuchten in solchen Fällen die Mechanismen kurz auf.

Dies soll all jenen ein Denkanstoss sein, die sich ständig über die Instrumentalisierbarkeit der Schweizer Journalisten mokieren. Sicherlich, dies ist keine Entschuldigung für schlechten Inhalt oder gar die Verweigerung, seine Arbeit kritisch zu reflektieren.
Doch – und dafür stehe ich ein – selbst „Friday“, das Magazin, welches das Wochen-Übel von 20 Minuten auf 20 Seiten komprimiert, schreibt die meisten Geschichten selbst. Zumindest momentan noch.