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Michael Ringiers kurze Weitsicht

Nun erwischts also auch die Neue Luzerner Zeitung. 20 Stellen werden gestrichen. Das macht, kumuliert man diese Zahl mit den ausgesprochenen Kündigungen von Anfang Woche bei .CH, 81 Verlags-Stellen, die definitiv verschwinden. Das sind ne ganze Menge. Und jeder Journalist, der noch regulär arbeitet, hofft sein Chef möge etwas weit- und umsichtiger handeln und damit solch harte Konsequenzen vermeiden.

Hannes Britschgi hat nicht ganz unrecht, wenn er die Familie Coninx als den einst sozialsten Arbeitgeber für Journalisten bezeichnet. Seit Knall-hart am Drücker ist, hat der Wind aber gedreht. Wie lange dass Britschgis Angestellte allerdings den jetzt neu „sozialsten“ Arbeitgeber geniessen dürfen, ist fraglich, wenn wir lesen, was Verleger Michael Ringier für mögliche um- und weitsichtige Zukunftsszenarien prognostiziert.

Ich hätte nicht gedacht, dass der Tag kommen wird, an dem ich  mit Klaus J. Stöhlker zumindest in Ansätzen einer Meinung sein werde. Und doch ist dieser Moment heute gekommen, denn Stöhlker schreibt: Der “Mittelland Zeitung” verdanken wir die Aussage des Zürcher Grossverlegers: “Mit 18 musste ich die NZZ lesen (Anm. freiwillig hat er es nicht getan) – wir hatten nichts anderes. Warum habe ich sie gelesen? Damit ich wenigstens über das Sportgeschehen informiert war. Ich habe mich damals sicher nicht für den Auslandteil interessiert.” Dreimal Tusch für die Interviewer Olivier Baumann und Christian Dorer. Unter gebildeten Kreisen liest man mit 18 den Auslandteil, aber Tennisspieler? Wer meint, dies sei ein Ausrutscher, wird im gleichen Interview von Michael Ringier belehrt: “Es liest ohnehin niemand drei verschiedene Tageszeitungen, um sich eine Meinung zu bilden.” Herr Verleger, wer will sich eine Meinung bilden, liest er nur eine Zeitung? Mit wem verkehren Sie? Der “MZ” sei Dank für dieses Interview. Ich kenne es nur deshalb, weil ich täglich mehr als drei Zeitungen lese, um mir eine Meinung zu bilden.


Bis auf den Punkt des „wer sich eine Meinung bilden will, muss heute mehrere Zeitungen lesen“ stimme ich Stöhlker zu. Doch dazu ein anderes Mal mehr, denn heute scheint tatsächlich mein Tag der grossen Übereinstimmungen zu sein. Nicht nur finde ich das Nachhaken der AZ u.a. bei Nick Lüthi (Klartext) richtig und gut durchdacht, mir gefallen auch Lüthis Gedankengänge. Wer sich das skizzierte Szenario und die möglichen Konsequenzen für den Ringier-Verlag durch den Kopf gehen lässt, der muss sich tatsächlich fragen, wie lange Hannes Britschgi beim jetzt noch sozialsten Arbeitgeber für Journalisten arbeiten wird.

Denn wenn der Verleger so denkt, können sich die Angestellten Mühe geben so viel sie wollen. Das nützt dann auch nix mehr.

 

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Sex nach neun – Hauen sie ab!

Eigentlich bin ich gegen Linkschleuder-Rubriken wie sex vor 9 sex nach 9. Doch manchmal gibt es Tage (wie heute) da passieren mehr aufregende Dinge, als man in einem Blog besprechen kann. Und trotzdem möchte man die medieninteressierten Blogbesucher auf ein paar Dinge aufmerksam machen. So werden wir heute also, zwecks Klickhurerei eine Rubrik namens sex nach 9 gründen, die selbstverständlich nix mit sex und auch nichts mit nach neun zu tun hat, schliesslich ist jetzt gerade mal 8 und irgendwas.

  • SoBli Obermufti Hannes Britschgi erklärt was beim Tages Anzeiger Sache ist. Nicht nur werden Zeitungskolporteure entlassen, auch der Tagi muss bluten. Laut Britschgi müssen mindestens 50 Journalisten den Hut nehmen. Es herrsche eine „bleierne Stimmung“ und „Verhältnisse wie in der DDR“. Besser hätten wir’s selbst nicht sagen können.

 

  • Nicht nur die Kolporteure werden arbeitslos, auch die Konkurrenz muss bluten. Die Zeitungsautomaten werden nicht mehr bedient. Das Verdikt: Zu unrentabel.

 

  • Die Redakteure von .CH fühlen sich vom Verwaltungsrat im Stich gelassen. Verständlich, schliesslich verzichtet der Verlag auf einen Sozialplan. Wobei, ganz richtig ist diese Aussage nicht. Der Verwaltungsrat stellt den Redakteuren die Gratiszeitung gratis (Wortwitz) zur Verfügung. Die Angestellten könnten das Blatt, so sie denn Investoren finden, weiterführen. Mehr dazu bei Facebook und pimp.ch

 

  • Peter Vögeli, USA-Korrespondent von Radio DRS, im Gespräch mit Max Frankel, dem ehemaligen Chefredaktor der NY-Times. Die Fragen dazu: Wie schlecht geht es dem Boston Globe wirklich? Hat Qualität im Journalismus eine Chance? Und dazu das übliche: wie soll es weitergehen? Trotzdem – Frankel ist nicht irgendwer.

 

  • Und hier mein persönliches Highlight: Pascal Couchepin im Interview mit einer Tessiner Fernsehjournalistin Namens Serena Tinari. Das Thema: die Komplementärmedizin, Papa Couchepins Lieblingsthema. Offensichtlich war die Journalistin etwas zu hartnäckig. Die Antwort des Bundesrates: „hauen sie ab! Sie werden hier nie mehr erscheinen!“