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R.I.P .CH

Manchmal wünscht man sich echt, man würde mit seinen Prognosen nicht derart ins Schwarze treffen. Die Gratiszeitung .CH wird per sofort eingestellt. Bereits heute ist die letzte Ausgabe erschienen. Obwohl wir auch .CH immer wieder inhaltlich kritisiert haben, bedauern wir die Einstellung der Zeitung. Wir schliessen uns der strikten Forderung der Gewerkschaft nach einem Sozialplan für die betroffenen Mitarbeiter an. Es kann nicht sein, dass die Quote der arbeitslosen Journalisten in der Schweiz mittlerweile höher liegt, als in die jeder anderen Berufsgruppe.

Wir betonen noch einmal, dass wir mit diesem Blog nicht zur Reduktion, sondern zur Verbesserung der bereits existierenden Produkte beitragen wollen.

.CH – das Anna-Meyer-Syndrom

Eigentlich wäre es noch interessant einen Countdown auf dieser Seite zu installieren. Einen kleinen Zähler oben in der linken Ecke, der die Tage zählt, bis die Gratiszeitung .CH dicht macht. Ich gebe dem Blatt noch bis Ende Sommer. Das Umsatzloch während der langen Ferien dürfte die dünne Kapitaldecke zum Einstürzen bringen.

Sollte es dereinst soweit sein, ist dies nicht etwa der Verdienst von „News“ oder der TA-Media. Die beiden Blätter zielen in Sachen Zielpublikum und Inhalte längst völlig aneinander vorbei. .CH hat sich in einem überfüllten Zeitungsmarkt schlicht falsch positioniert und anschliessend selbst durch Ineffizienz und Unoriginalität zu Grunde gerichtet.
Dass Verdrängungsstrategien aber durchaus erfolgreich und effizient sein können, zeigt ein aktuelles und lesenswertes Beispiel aus Frankreich.
Was wir daraus lernen? Wer eine ernsthafte Konkurrenz sein will muss:

  • schnell reagieren
  • entweder identische oder bessere Produkte anbieten
  • dort präsent sein wo die Konkurrenz präsent ist
  • immer wieder anpassungsfähig sein

So gesehen torpediert sich die TA-Media im besten Falle selbst mit ihren Produkten. Ich nenne dies fortan: das Anna-Maier-Syndrom.

Journalisten, die neuen Billigstlohnarbeiter

Bei Karl Lüönd hatte ich immer den Eindruck, der Mann sei irgendwie ein Leben lang Journalist geblieben. In seiner Art zu denken, in seiner Art zu handeln, selbst dann noch als er längst Chefredaktor und Verleger war. Eine Qualität Lüönds besteht darin, Rentabilität und journalistischen Anspruch nicht als Gegensätze zu verstehen. Zudem fehlt Lüönd die Gabe, aufgeregt von „Trends“, „Gadgets“ und „Hits“ zu schwärmen. Dafür ist er mit seinen 64ig Jahren einfach zu alt. Vielleicht liegt aber eben auch gerade darin eine Qualität. Denn der Urner hat sehr wohl verstanden, welche Herausforderungen auf anspruchsvollen, integeren Journalismus warten.

Liest man dieses Interview, dann wird man fast schon optimistisch, obwohl die Perspektiven düster sind. Den Medien geht es wie den meisten globalen Konzernen in der Wirtschaftskrise. Sie haben sich im internationalen Geschäft verspekuliert. Nun müssen sie zu ihren Kernkompetenzen, der regionalen Berichterstattung, der Wirtschaft oder der Politik zurück kehren. Lüönd hat vermutlich auch recht, wenn er sagt, dass der Trend nicht unbedingt hin zu Kurznews geht, sondern mehr dahin, dass Journalisten den Rezipienten gezielt dann mit Infos versorgen müssen, wenn er Zeit hat.

Gratis- und Sonntagszeitung bewirtschaften eine Zeitlücke: die Gratiszeitung die tote Pendelzeit; die Sonntagszeitung die langweiligen Stunden am Sonntagmorgen, in denen das Eheleben Pause macht.“

So gesehen ist das Internet kein Fluch für Zeitungen, sondern ein Segen. Kombiniert man, jetzt mal rein hypothetisch, Applikationen wie Post Personal News mit iPhone und Kindle Freeware App., steht dieser Methode nicht mehr viel im Wege. Ich lese die Regionalnews meiner Heimatgemeinde,  den Wirtschaftsbund der NZZ und die politische Berichterstattung des Bundes. Und das auf dem Weg zur Arbeit auf meinem iPhone. Klasse.

Lüönds Überlegungen zielen ferner darauf hin, dass Redaktionen noch schrumpfen können und müssen, wenn sie überleben wollen. Zum anderen sollten sie aber auch gleichzeitig ihre Kernkompetenz ausbauen. Das heisst, es wird wieder mehr „richtige“ Journalisten mit Fachgebieten geben und weniger Redaktionsassistenten, die sowohl News posten, zusammenfassen als auch Online-Kommentare verwalten. Diese Funktion wird, daran glaube ich fest, in naher Zukunft, ähnlich einem Call-Center in Indien, ausgelagert. Es macht keinen Sinn, dass alle dasselbe tun. Immer und immer wieder. Und dabei erst noch jede Menge Fehler machen. Redaktionen sollen sich ihre Pakete bei einem qualitativen Dienstleister einkaufen können, wenn es denn schon eine „ganze“ Zeitung sein muss. Jeder der einen Internetanschluss besitzt weiss, dass diese Utopie eh nicht mehr existiert. Kein einzelnes Produkt deckt mein kumuliertes Informationsbedürfnis ab. Auch nicht die New York Times.

Ich würde Fixkosten in variable Kosten umzuwandeln versuchen. Wenn ich Hunger habe und Fleisch will, kaufe ich ein Steak. Redaktionen kaufen immer noch ganze Kühe: Wollen sie eine bestimmte Kompetenz, schaffen sie dafür eine Stelle mit fixen Lohnkosten, statt diese Kompetenz bei freien Journalisten einzukaufen, die nur dann etwas kosten, wenn sie etwas schreiben. Wenn derzeit gespart wird, werden als erstes die Honorare für freie Journalisten gekürzt, weil es dagegen wenig Widerstand gibt. Entlässt eine Zeitung aber drei fest angestellte Journalisten, gilt das schon als Krise und kommt in die anderen Zeitungen“.

Ob man nun mit variablen oder fixen Pensen auf solche Situation reagiert ist eigentlich egal. Auch Freie werden so mehr oder weniger zu regelmässigen „Festen“, die allerdings, wie das Beispiel Deutschland zeigt, um die Früchte der Gesamtarbeitsverträge geprellt werden. Da müssen die Mediengewerkschaften wohl oder übel in naher Zukunft über die Bücher. Ansonsten geht der Medienkanibalissmus ungehindert weiter. Und dann werden Journalisten zu reinen Informationsverarbeitern. Oder anders gesagt: Zu Billiglohnarbeitern. Denn reine, global zugängliche Information ist wie die Aktie von GM- nichts mehr wert.

Bye bye „.ch“ – oder warum gratis doch nicht gratis ist

Letzte Woche fragte mich der Ressortleiter einer grossen deutschen Tageszeitung, warum das Gratis-Konzept in der Schweiz eigentlich noch funktioniere? Überall sonst in Europa befänden sich die Gratistitel auf dem Rückzug. Meine Gedanken waren weiter nicht erstaunlich: Warum muss mir das ausgerechnet ein Deutscher erklären? Es gibt nicht viele Europäer, die von Gratiszeitungen noch weniger verstehen. Der ehemalige Blick-Chefe Karl Lüönd hat darum völlig recht, wenn er in lesenswerter Weise (via) schreibt, dass die deutschen Verleger und Nachfahren Goethes für Gratiszeitungen wohl bisher schlicht zu geizig, ich würde sogar schreiben: zu arrogant waren.

Wie sich zeigt, haderten die Deutschen bisher vermutlich gar zu Recht. Denn heute erreichte uns eine Hiobsbotschaft, die wohl das Ende der blühenden Gratiszeitung-Ära in der jetzigen Form in der Schweiz einläutet. Die Media Punkt AG, welche die Gratiszeitung „.ch“ herausgibt, spricht in einem Communiqué (via) von einem „Geschäftsgang, der nicht den Erwartungen entsprochen“ hätte. Sprich, die Kohle die reinkam deckt bei weitem nicht, was an Kohle rausging. Gründe dafür zu suchen (Hauszustellung funktioniert nicht bla bla), ist müssig. Fakt ist: Rentabel ist und bleibt in der Schweiz bis zum heutigen Zeitung nur eine nationale Gratiszeitung: 20Minuten. Dies verdankt sie absoluter Marktdominanz durch Auflagenstärke. Wer sich in der PR- und Marketing-Szene ein wenig auskennt weiss, dass niemand, der nationale Aufmerksamkeit für sein Produkt sucht, am Konsortium „TA-Media/20Minuten“ vorbeikommt. Ein Anzeigenkombi Blick/Blick am Abend wirkt dagegen etwa so sexy wie der Single der Woche.
Alle anderen Gratistitel, „heute“, „Blick am Abend“ „News“ und „.ch“ hinken diesem Vorbild mehr oder weniger dämlich hinterher. „News“ gar in doppelter Weise: Inhaltlich gibt es keine Verwendung für das Blatt, die Sparte Blödsinn deckt bereits die Schwesterzeitung ab, und auch Verlagstechnisch happert die Argumentation, da „News“ einen Teil des Gewinns von „20Minuten“ wieder wegfrisst.

Denn wie Karl Lüönd in seinem Artikel sehr schön aufzeigt, dauert es sehr, seeeehr lange, bis eine Gratiszeitung tatsächlich schwarze Zahlen schreibt. Den meisten Verlegern geht unterwegs verständlicherweise die Luft aus, heissen sie nun Metropol oder .ch. Und falls dies wiedererwartend doch nicht zutreffen sollte, wird die kriselnde Wirtschaft 2009 den Rest erledigen.

Was also habe ich dem deutschen Journalisten geantwortet?

Der Eindruck täusche. Wer eine hohe Auflage habe, fahre nicht automatisch hohe Gewinne ein. Im Gegenteil. Da mit Ausnahme von „.ch“ alle Verlage noch mit kriselnden Bezahl- und Abonnements-Zeitungen aufwarten müssen wollen (Tagi WEMF -2%/ Blick WEMF -4%), sei es grob geschätzt ein Nullsummenspiel.
Nun, da der einzig wirklich ernstzunehmende, da unabhängige Konkurrent eine Niederlage verkünden muss, dürfte meine Antwort noch etwas gröber ausfallen:

Das Konzept der Gratiszeitungen dürfte zumindest in der jetzigen Form gescheitert sein.