Schlagwort-Archive: Dose E.S.K.

Von Bierregeln und anderen Schnapsideen

Hallo David
 
Fast hätte ich letzte Woche ein schlechtes Gewissen gekriegt. Wenn Postings zu einer Art Bashing mutieren, dann ist das nicht in unserem Sinne.
Ich schreibe diese Eskalation unter anderem auch uns und unseren Artikeln aber auch Medienlese zu. Die arrogante und affektierte Art auf Kritik und belegte Zensurvorwürfe zu reagieren, gerade auch hier in diesem Blog, hat die nachfolgende, manchmal gar aggressive Diskussion erst los getreten. Ich hoffe, du nimmst uns das nicht übel.

Gerade deshalb danke ich dir auch für die mehr oder weniger persönliche Einladung zu einem gemütlichen Umtrunk, den ich leider ablehnen muss. Erstens schmeckt mir Bier nicht so und zweitens könntest du ja auch ein Mexikaner sein. Drittens würde das aber auch bedeuten, dass ich deiner Kritik zustimmen und dir damit Recht geben würde. Dem ist aber nicht so.
 
Zu allererst gilt festzuhalten, dass wir dich weder pauschal noch unangebracht oder anmassend kritisieren oder kritisiert haben. Unsere Argumente beruhen immer auf Beobachtungen, Feststellungen und damit in deinem Fall auf schriftlichen Tatsachen. Sie lassen sich daher auch logisch herleiten und begründen. Wer unser Blog regelmässig liest, der weiss das – ganz egal unter welcher Identität wir gerade bloggen. Dass wir alle nicht nur eine einzige Identität haben, darauf bist du sicherlich selbst schon gekommen. Gerade das ist ja Web2.0 – Selbstreferentiell bis zum geht-nicht-mehr, interaktiv und variabel.
 
So etwas wie eine „feste“ oder gar „starre“ Identität/IP gibt es im Internet nicht mehr, auch wenn du (wie zahlreiche deiner journalistischen Mitstreiter) das nach wie vor nicht glauben wollen. Manchmal bewundere ich gar, mit welch konservativem Enthusiasmus, ja mit welcher Naivität ihr dagegen anzukommen versucht. Im Netz bin auch ich David Bauer – nicht mehr oder weniger wie du. Daran kannst du dich stören, so lange du willst, es ändert nichts an der Tatsache, dass wir alle David Bauer sein können.

Warum wir bei hosenindosen anonym bloggen, haben wir dir und allen anderen schon mehrmals erklärt. Ein Argument muss auch ohne zuständige Referenzperson und/oder Position korrekt sein und einer Prüfung standhalten, sonst taugt es nichts. Und gerade Journalisten sollten verstehen, dass Kritik von Rezipienten aka undefinierte Leser-Masse mindestens so wertvoll ist, wie Inputs von Kollegen oder Vorgesetzten. Schliesslich schreibt ein Redakteur nicht für seinen Chef sondern für seine Leser. Folglich sollte er auch offen für deren Anliegen, Korrekturen und Anmerkungen sein.
Gerade Journalisten sind ja auf Output von aussen angewiesen, denn es gibt kaum ein anderes System, das selbstreferentieller operiert als das Mediensystem – und dabei trotzdem noch den Anspruch, ja gar die Frechheit besitzt zu behaupten, eine etwaige Realität abzubilden. Wir alle haben Luhmann gelesen, wir wissen um die Erklärungsnot autopoietischer Systeme in Bezug auf Interaktivität.  Wir nennen dies der Einfachheit halber die Realität der Massenmedien nach Luhmann.
 
Es ist folglich vorbildlich, dass du in deiner Funktion als Journalist offen für Kritik und zum Dialog bereit bist und Luhmann damit in den Arsch trittst. Diese Bereitschaft allerdings grundsätzlich an eine etwaige Identität einer Person zu knüpfen, macht dich letzten Endes nur selbst verdächtig. Zu nahe liegt in unserer Gesellschaft der Gedanke, deine Motive könnten networking- und damit karrierebedingt sein.
 
Ein Argument ist ein Argument und bleibt ein Argument. Solltest du Mühe haben die Argumente von uns anzunehmen, nur weil du meinst unsere Gesichter nicht zu kennen, dann werde ich dir meine Inputs in Zukunft von jemandem auf der Redaktion vortragen lassen – natürlich ohne dass du weißt oder auch nur ahnst, dass die Argumente von uns stammen. Nein, mehr noch. Solange du auf etwaigen Bierregeln beharrst, werden wir das so handhaben. Bedenke folglich, jede Frage, jeder Input, jede Kritik seitens deiner Kollegen könnte letzten Endes von uns, von den Dose E.S.K.’s stammen. Vielleicht hilft dir das einzusehen, dass eine so genannte Schnapsidee keine adäquate Lösung ist.
 
Ich bin, wie du siehst nicht nur David Bauer. Ich bin weit mehr.

Das Magazin: Soziologie aus der Dose

Dose E.S.K. kürt Mathias Plüss für einen Artikel im Magazin zum Helden des Tages. Plüss berichtet von der These des Berner Klimahistorikers Christian Pfister, wonach die kleine Eiszeit während des europäischen Mittelalters mitverantwortlich ist für die damaligen Hexenjagden. Diese These nun gezielt im Kontext der aktuellen Finanzkrise lesen zu wollen, mag zwar lustig sein, mehr ist es aber nicht. Es schwappt garantiert kein Erklärungsgehalt über.

In einem anderen Kontext betrachtet, ist der Text von Plüss nämlich richtig ärgerlich. Er lässt als Kritiker der Klimathese den Soziologen Wolfgang Sofsky auftreten. Diesen lässt er einwenden, dass es ja nicht überall Hexenverfolgungen gab, obwohl das Klima überall zu kalt war. Damit hat Plüss seinen Strohmann aufgestellt, dem er dann entgegenhalten kann, dass gesellschaftliche Verhältnisse nicht monokausal bedingt seien. Hält er uns als Leser des Magazins für so dumm, dass wir in Bilderbuchmanier die Komplexität der sozialen Welt vorgeführt bekommen müssen?

Ich zweifle schwer daran, dass Sofsky glücklich ist über diese Darstellung der Dinge. Als Soziologe hat er vermutlich die Grundlagen seines Faches präsent und spätestens seit Max Weber ist da bekannt, dass eine richtige kausale Erklärung meist nicht mehr als eine Chance, eine Häufigkeit oder eine Annäherung angeben kann. Das ist es denn auch, was die These behauptet, eine erhöhte Chance, dass Hexenverfolgungen auftreten. Was uns der Artikel aber nicht sagen will, ist, dass die Soziologie aus ganz anderen Gründen skeptisch ist, wenn Naturereignisse als Erklärungen für soziale Phänomene angeboten werden.

Die Skepsis kommt daher, dass alle Ereignisse – egal ob natürlich oder kulturell – erst mal bedeutungsoffen sind. Wie eine bestimmte Gemeinschaft ein Ereignis deutet, ist äusserst flexibel. Eine Naturkatastrophe kann für eine Strafe Gottes gehalten werden, aber auch für ein vollkommen zufälliges Ereignis. Abhängig von der Deutung des Ereignisses handeln dann auch die Individuen dieser Gemeinschaft. Demnach ist es nicht das Ereignis an sich, das ein bestimmtes Verhalten auslöst, sondern die Bedeutung, die diesem Ereignis zugeschrieben wird.

In diesem Sinne erklärt die These überhaupt nichts, da sie nichts dazu sagt, weshalb das Ereignis als die Schuld von gesellschaftlichen Aussenseitern gedeutet wird. Es hätte ja auch als die Schuld von Allen oder von anderen Gemeinschaften gesehen werden können. Erwartbare Verhaltensweisen darauf wären dann wohl kollektive Busse oder Angriffskriege gewesen. Daran erkennt man den Unterschied zwischen Klimageschichte und Soziologie.

Schön wäre dann jeweils, wenn Journalisten diesen Unterschied auch noch vermitteln könnten, ohne gleich in Trivialitäten abzugleiten. Leider gelingt es ihnen dabei offensichtlich besser naturwissenschaftliche Ergebnisse zu vermitteln als sozialwissenschaftliche. Grund dafür ist allzuoft, dass Schreiber wie Leser davon überzeugt sind, dass gesellschaftliche Zusammenhänge genau gleich erklärt werden können wie natürliche. Weite Teile der Soziologie behaupten aber genau das Gegenteil. Soziale Phänomene sind bestimmt durch sinnhafte Zusammenhänge und diese werden wiederum von reflexionsbegabten Individuen getragen. Ein Baum deutet seine Umwelt nicht. Er kann das Vertrauen in die Luft oder den Boden nicht verlieren. Wie die aktuelle Finanzkrise zeigt, ist das in gesellschaftlich verfassten Zusammenhängen ganz anders.

(btw: Wer jetzt immer noch „soziologische“ Thesen lesen will, die mit Naturereignissen argumentieren, dem empfehle ich das brilliante „Guns, Germs, and Steel“ von Jared Diamond.)