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Eidg. geprüfte Linkschleuder

Die Pendlerzeitung .CH ist nun doch definitiv am Ende. Der Verwaltungsrat habe zwar Alternativprojekte geprüft, aber keines für wirtschaftlich realisierbar befunden, schreibt die SDA. Die Angestellten erhalten die Kündigung auf Ende Mai. „..niemand erhalte weniger als 2 Monatslöhne“, sagte Ernst Buob, Verwatlungsratspräsident der Punkt ch AG.
Soviel zum Thema Sozialplan.

Am Donnerstag in einer Woche startet Giuseppe Scaglione mit Radio 105 auf UKW in der Region Zürich. Eigentlich müsste es ja heissen: startet Scaglione mit seinem Musikprogramm auf UKW. Moderiert ist das „Radio“ nämlich erst ab September. Im Tages Anzeiger findet sich heute das Interview und folgendes Verpsrechen, auf die Frage, welche Musik Scaglione denn selber toleriere und folglich auch spielen werde: Ich bin diesbezüglich ziemlich tolerant. Bands wie Franz Ferdinand, Kings of Leon, oder Kaiser Chiefs finde ich toll, zeitgemäss, gut gemacht und auch nicht zu abgefahren, aber auch Exotischeres wie Sébastien Tellier oder Röyksopp gefällt mir. Es geht nicht um einzelne Titel. Was mich fertigmacht ist ein Musikprogramm, das die immer gleichen Songs laufen lässt und diese kaputt spielt. Als Band würde ich da auf Schadenersatz klagen. Wir werden Songs senden, die bei uns etwas auslösen – Verkaufszahlen, Covers und Namen interessieren uns nicht.
Ich hab meine Klageschrift schon mal vorbereitet.

NZZ-Redaktor Rainer Stadler erklärt, was Schweizer Rezipientinnen und Rezipienten denken. Denn eigentlich geht den Menschen der Strukturwandel der Medien am Arsch vorbei. Und, zwischen den Zeilen erfährt man, warum sich die Schweiz damit in die untere europäische Meinungsliga katapultiert.

46 Chefredaktoren und leitende Journalisten aus 19 Ländern haben eine „Europäische Charta für Pressefreiheit“ verabschiedet. Die Charta formuliert Grundsätze für die Freiheit der Medien gegenüber staatlichen Eingriffen. Das klingt ein wenig nach UNO. Diskutieren tut gut, handeln wäre besser.

ach wie gut dass niemand weiss..

Wäre ich Journalist, würde ich mich langsam wehren. Es kann einfach nicht sein, dass Verleger und Chefredaktoren in derart mieser Weise kommunizieren, dass alle ausser der betroffenen Redaktion wissen, was auf sie zukommt. .CH ist lediglich das aktuellste Beispiel einer Reihe, die mit der Restrukturierung des Bundes ihre Fortsetzung finden wird.  

Am Wochenende kommunizierte die Nachrichtenagentur SDA , dass der Stv. Chefredaktor der NZZaS zum Tagesanzeiger wechsle. Er werde dort Mitglied der Redaktionsleitung und..

..darüber hinaus wird Senn auch Chef einer allfälligen gemeinsamen Bundeshausredaktion, wie „Bund“ und „Tages-Anzeiger“ mitteilten. Martin A. Senn begann seine Laufbahn beim Berner „Bund“. (..)
Mit der Anstellung Senns sei kein Vorentscheid in Richtung Kooperation mit dem „Tages-Anzeiger“ gefallen, betonte Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer auf Anfrage. Sollte sich der Tamedia-Verwaltungsrat nicht für das Kooperationsmodell entscheiden, wird Senn als Bundeshauschef und Mitglied der Chefredaktion des „Tages-Anzeigers“ tätig sein.

Keine Vorentscheidung my Ass. Das fleissige Artikel-Austauschen von TA und Bund ist schliesslich auch kein Hinweis auf eine mögliche Prozessoptimierung, sondern ein Dienst unter befreundeten Redaktionen. Das klingt genauso unschuldig wie die Behauptung des .CH-Verwaltungsrates, die Neuausrichtung und Neupositionierung der Gratiszeitung .CH von Anfang Jahr sei mitnichten ein Hinweis auf ein baldiges Ende.

R.I.P .CH

Manchmal wünscht man sich echt, man würde mit seinen Prognosen nicht derart ins Schwarze treffen. Die Gratiszeitung .CH wird per sofort eingestellt. Bereits heute ist die letzte Ausgabe erschienen. Obwohl wir auch .CH immer wieder inhaltlich kritisiert haben, bedauern wir die Einstellung der Zeitung. Wir schliessen uns der strikten Forderung der Gewerkschaft nach einem Sozialplan für die betroffenen Mitarbeiter an. Es kann nicht sein, dass die Quote der arbeitslosen Journalisten in der Schweiz mittlerweile höher liegt, als in die jeder anderen Berufsgruppe.

Wir betonen noch einmal, dass wir mit diesem Blog nicht zur Reduktion, sondern zur Verbesserung der bereits existierenden Produkte beitragen wollen.

.CH – das Anna-Meyer-Syndrom

Eigentlich wäre es noch interessant einen Countdown auf dieser Seite zu installieren. Einen kleinen Zähler oben in der linken Ecke, der die Tage zählt, bis die Gratiszeitung .CH dicht macht. Ich gebe dem Blatt noch bis Ende Sommer. Das Umsatzloch während der langen Ferien dürfte die dünne Kapitaldecke zum Einstürzen bringen.

Sollte es dereinst soweit sein, ist dies nicht etwa der Verdienst von „News“ oder der TA-Media. Die beiden Blätter zielen in Sachen Zielpublikum und Inhalte längst völlig aneinander vorbei. .CH hat sich in einem überfüllten Zeitungsmarkt schlicht falsch positioniert und anschliessend selbst durch Ineffizienz und Unoriginalität zu Grunde gerichtet.
Dass Verdrängungsstrategien aber durchaus erfolgreich und effizient sein können, zeigt ein aktuelles und lesenswertes Beispiel aus Frankreich.
Was wir daraus lernen? Wer eine ernsthafte Konkurrenz sein will muss:

  • schnell reagieren
  • entweder identische oder bessere Produkte anbieten
  • dort präsent sein wo die Konkurrenz präsent ist
  • immer wieder anpassungsfähig sein

So gesehen torpediert sich die TA-Media im besten Falle selbst mit ihren Produkten. Ich nenne dies fortan: das Anna-Maier-Syndrom.

Idiot des Tages IX: Bazonline.ch-Leser

So schrieb Bazonline.ch-Leser Peter Thommen  im Kommentar zum Interview mit .ch-Verleger Sacha W.:

«Jetzt ist endlich klar, was die Gratiszeitungen sollen: Werbung transportieren, mit einem Feigenblatt aus Text! Wieso nennt man das überhaupt „Zeitung“?»

Ja, warum wohl Peter?

Bye bye „.ch“ – oder warum gratis doch nicht gratis ist

Letzte Woche fragte mich der Ressortleiter einer grossen deutschen Tageszeitung, warum das Gratis-Konzept in der Schweiz eigentlich noch funktioniere? Überall sonst in Europa befänden sich die Gratistitel auf dem Rückzug. Meine Gedanken waren weiter nicht erstaunlich: Warum muss mir das ausgerechnet ein Deutscher erklären? Es gibt nicht viele Europäer, die von Gratiszeitungen noch weniger verstehen. Der ehemalige Blick-Chefe Karl Lüönd hat darum völlig recht, wenn er in lesenswerter Weise (via) schreibt, dass die deutschen Verleger und Nachfahren Goethes für Gratiszeitungen wohl bisher schlicht zu geizig, ich würde sogar schreiben: zu arrogant waren.

Wie sich zeigt, haderten die Deutschen bisher vermutlich gar zu Recht. Denn heute erreichte uns eine Hiobsbotschaft, die wohl das Ende der blühenden Gratiszeitung-Ära in der jetzigen Form in der Schweiz einläutet. Die Media Punkt AG, welche die Gratiszeitung „.ch“ herausgibt, spricht in einem Communiqué (via) von einem „Geschäftsgang, der nicht den Erwartungen entsprochen“ hätte. Sprich, die Kohle die reinkam deckt bei weitem nicht, was an Kohle rausging. Gründe dafür zu suchen (Hauszustellung funktioniert nicht bla bla), ist müssig. Fakt ist: Rentabel ist und bleibt in der Schweiz bis zum heutigen Zeitung nur eine nationale Gratiszeitung: 20Minuten. Dies verdankt sie absoluter Marktdominanz durch Auflagenstärke. Wer sich in der PR- und Marketing-Szene ein wenig auskennt weiss, dass niemand, der nationale Aufmerksamkeit für sein Produkt sucht, am Konsortium „TA-Media/20Minuten“ vorbeikommt. Ein Anzeigenkombi Blick/Blick am Abend wirkt dagegen etwa so sexy wie der Single der Woche.
Alle anderen Gratistitel, „heute“, „Blick am Abend“ „News“ und „.ch“ hinken diesem Vorbild mehr oder weniger dämlich hinterher. „News“ gar in doppelter Weise: Inhaltlich gibt es keine Verwendung für das Blatt, die Sparte Blödsinn deckt bereits die Schwesterzeitung ab, und auch Verlagstechnisch happert die Argumentation, da „News“ einen Teil des Gewinns von „20Minuten“ wieder wegfrisst.

Denn wie Karl Lüönd in seinem Artikel sehr schön aufzeigt, dauert es sehr, seeeehr lange, bis eine Gratiszeitung tatsächlich schwarze Zahlen schreibt. Den meisten Verlegern geht unterwegs verständlicherweise die Luft aus, heissen sie nun Metropol oder .ch. Und falls dies wiedererwartend doch nicht zutreffen sollte, wird die kriselnde Wirtschaft 2009 den Rest erledigen.

Was also habe ich dem deutschen Journalisten geantwortet?

Der Eindruck täusche. Wer eine hohe Auflage habe, fahre nicht automatisch hohe Gewinne ein. Im Gegenteil. Da mit Ausnahme von „.ch“ alle Verlage noch mit kriselnden Bezahl- und Abonnements-Zeitungen aufwarten müssen wollen (Tagi WEMF -2%/ Blick WEMF -4%), sei es grob geschätzt ein Nullsummenspiel.
Nun, da der einzig wirklich ernstzunehmende, da unabhängige Konkurrent eine Niederlage verkünden muss, dürfte meine Antwort noch etwas gröber ausfallen:

Das Konzept der Gratiszeitungen dürfte zumindest in der jetzigen Form gescheitert sein.