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Mediale Zukunft: „Tages Bund Zeitungs Anzeiger“

Wie könnte die mediale Zukunft dereinst aussehen? Wie fühlt sich das morgen an, wenn drei grosse Zeitungen demselben Verlag gehören? Steht dann überall auch dasselbe drinn? „Nein“ sagt die Ta-Media. Man bekenne sich zur Qualität und zur Eigenständigkeit der einzelnen (Regional-) Redaktionen. In Tat und Wahrheit kann man aber bereits jetzt beobachten, wie sich ein Meinungsmonopol auswirken kann.

Die Sportberichterstattung bei Bund und Berner Zeitung ist schon seit längerem identisch. Das heisst: die Bundredaktion verfügt über keine eigene Sportredaktion mehr, sehr wohl aber Tages Anzeiger und Berner Zeitung. Und trotzdem teilen sich alle drei Zeitungen schon jetzt die gleichen Texte und Autoren. Wer heute beispielsweise nach Meinungen und Berichterstattung zu Roger Federers grossem Sieg in Madrid sucht, findet dreimal denselben Text von René Stauffer als Aufmacher im Sportbund – bei Tages Anzeiger, Berner Zeitung und Bund. Solche Dinge sind Anzeichen für das, was uns dereinst erwartet. Nicht nur bei Zeitungsverlagen sondern auch beim Schweizer Fernsehen und Radio DRS. Bei der SRG nennt sich dieser Prozess Konvergenz, bei der Ta-Media Kostenoptimierung, Effizienzsteigerung und Regionalisierung. De Fakto aber bedeutet dies, das immer weniger Journalisten immer mehr Macht in die Hände fällt. Die Produkte tragen verschiedene Namen, aber die Inhalte gleichen sich an.

Konvergenz führt in diesem Sinne zu einer Scheinvielfalt. Die Zeitungen als „Berner Zeitung“ und „Bund“ und „Tages Anzeiger“ anzubieten ist eigentlich Betrug. Sie mögen anders heissen, auf kurz oder lang aber sind sie bis auf den Regionalteil und Textlänge bzw. Bilderauswahl deckungsgleich. Derselbe Prozess gilt auch für die Informations- und Kulturangebote der SRG. Dagegen lässt sich einwenden, es gäbe in der Schweiz sowieso zu viele Journalisten und Medienerzeugnisse. Diese Argumentation ist zulässig, wenn man grosse Meinungsvielfalt und hohe Divergenz als lästig  oder überflüssig empfindet, aber die Frage stellt sich trotzdem: Warum fusionieren die Verlage ihre Blätter nicht zu einer einzigen Zeitung mit individuellen Regionalteilen?

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ach wie gut dass niemand weiss..

Wäre ich Journalist, würde ich mich langsam wehren. Es kann einfach nicht sein, dass Verleger und Chefredaktoren in derart mieser Weise kommunizieren, dass alle ausser der betroffenen Redaktion wissen, was auf sie zukommt. .CH ist lediglich das aktuellste Beispiel einer Reihe, die mit der Restrukturierung des Bundes ihre Fortsetzung finden wird.  

Am Wochenende kommunizierte die Nachrichtenagentur SDA , dass der Stv. Chefredaktor der NZZaS zum Tagesanzeiger wechsle. Er werde dort Mitglied der Redaktionsleitung und..

..darüber hinaus wird Senn auch Chef einer allfälligen gemeinsamen Bundeshausredaktion, wie „Bund“ und „Tages-Anzeiger“ mitteilten. Martin A. Senn begann seine Laufbahn beim Berner „Bund“. (..)
Mit der Anstellung Senns sei kein Vorentscheid in Richtung Kooperation mit dem „Tages-Anzeiger“ gefallen, betonte Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer auf Anfrage. Sollte sich der Tamedia-Verwaltungsrat nicht für das Kooperationsmodell entscheiden, wird Senn als Bundeshauschef und Mitglied der Chefredaktion des „Tages-Anzeigers“ tätig sein.

Keine Vorentscheidung my Ass. Das fleissige Artikel-Austauschen von TA und Bund ist schliesslich auch kein Hinweis auf eine mögliche Prozessoptimierung, sondern ein Dienst unter befreundeten Redaktionen. Das klingt genauso unschuldig wie die Behauptung des .CH-Verwaltungsrates, die Neuausrichtung und Neupositionierung der Gratiszeitung .CH von Anfang Jahr sei mitnichten ein Hinweis auf ein baldiges Ende.

Korrekte Berichterstattung – oder die Angst inkompetent zu wirken

Schon seit einigen Tagen weisen wir hier auf Pannen und Ungereimtheiten bei der Berichterstattung über die Influenza Porzine hin. Offensichtlich geht es nun munter weiter. Denn Es scheint niemandem wirklich klar zu sein, welche Fakten in Bezug auf Kerry F. tatsächlich gelten. Und mit einer fast schon bewundernswerten Selbstverständlichkeit kolportieren Journalisten , was sie für Tatsachen halten.

Am verlässlichsten müsste eigentlich die Aargauer Zeitung berichten. Schliesslich liegt das Kantonsspital Baden in ihrem Hoheitsgebiet. Und die MZ-Regionaltrüffelschweine müssten über das beste Informationsnetz verfügen. Und das stand heute in der AZ:

16 Spitalangestellte, die mit Kerry F. in Kontakt waren, wurden nach Hause geschickt und mit Tamiflu versorgt. Ebenso 15 Personen ausserhalb des Spitals, darunter Kerrys Freunde, die mit ihm in Mexiko waren (..)

Der einzige Qualitätstitel der heute/1.Mai erscheint, ist der Berner Bund. Auch dessen Informationen gelten im Normalfall als verlässlich. Dieser beschreibt dieselben Massnahmen wie folgt:

Um eine mögliche Verbreitung des Virus zu verhindern, hat der Aargauer Kantonsarzt deshalb Quarantänemassnahmen beschlossen für alle, die mit dem Erkrankten vorher Kontakt hatten: Es handelt sich um 13 Personen aus seinem privaten Umfeld sowie um 11 Personen der Spitalpflege. Sie müssen einige Tage zu Hause bleiben und werden mit Tamiflu behandelt.

Wer die Berner Zeitung liest, macht das Chaos perfekt. Dort heisst es:

Insgesamt wurden 13 Personen identifiziert, die in der Zwischenzeit mit dem jungen Mann Kontakt gehabt hatten. diese werden laut Beer vorsorglich mit Tamiflu behandelt und zu Hause in Quarantäne gehalten. Weitere 11 Personen, die im Krankenhaus mit dem Patienten Kontakt hatten, wurden ebenfalls informiert.

In der BZ wurden also 11 Personen des Personals „informiert“, im Bund mussten diese 11 zu Hause bleiben und Tamiflu futtern in der Aargauer Zeitung waren´s plötzliche 16? Von den „Freunden“ von Kerry F wollen wir erst gar nicht reden. Weiss eigentlich überhaupt jemand zuverlässig was passiert ist? Oder geht es einfach darum die eigene Version der Geschichte zu kolportieren und die Angst inkompetent zu wirken, wenn deklariert wird, dass die genauen Umstände sowie die Anzahl der Betroffenen schlicht nicht bekannt sind?

Medien: irrelevant vs. relevant

Mit der Relevanz ist das so eine Sache. Was wollen wir aus den Medien erfahren? Wo benötigen wir zusätzliche Informationen und wo nicht? Oder anders gefragt: Werden Journalisten in der Schweiz ihrer Rolle als «Gate-Keeper» gerecht?

Dieses Wochenende sind mir zwei Artikel aufgefallen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Beide sind komplett irrelevant und daher eigentlich unnötig. Und trotzdem erfüllt eine der beiden Geschichten die mediale Kriterien einer etwaigen kompetenten und nötigen Information. Wie ist das möglich?

Zum einen erzählt mir die Pendlerzeitung NEWS heute die Geschichte einer US-Non-Profit-Organisation, die sich um Pornographie für Blinde bemüht. Höhepunkt (Wortwitz) des Artikels ist die Feststellung, dass „wer Stöhnen, Schreien und Dirty Talking erwartet„, enttäuscht wird. „Die weiblichen und männlichen Sprecher beschreiben, was sie sehen – mit neutralem Timbre und eher gelangweilt„. Wer die Pointe bereits im ersten Satz bringt, hat sowieso verloren. Zudem ist es usus, dass Blindenorganisationen Programme entwickeln, die Webcontent, Filme und Texte nacherzählen. Es ist daher eine komplett irrelevante und leider auch sehr unnötige Geschichte aus der Abteilung: „Was ich wirklich nicht wissen muss.“

Dieselben Kriterien erfüllt im ersten Augenblick auch diese Geschichte im Berner Bund. Dabei geht es um Äusserungen von Kaiser Wilhelm II., welche einen Zwist zwischen einem Schweizer Journalisten und den Deutschen provozierte. Da es sich um ein Ereignis handelt, das vor über 120 Jahren statt fand, darf man durchaus sagen: Die Geschichte ist unnötig, irrelevant und überflüssig.

Und trotzdem: Bund-Redaktor Daniel Goldstein liefert hier ein kleines Recherche-Meisterwerk ab. Weit besser als die Berichterstattung im Spiegel oder der Frankfurter Allgemeinen. Zudem führt mir die Geschichte als Leser durchaus verständlich vor, woher die traditionellen Berührungsängste der Schweizer mit den Deutschen tatsächlich kommen könnten.

Will ich das als Leser wirklich wissen?
Ja. Wer den Blick am Abend liest und glaubt, damit wäre alles gesagt, der muss das sogar wissen. Dieser Artikel war überfällig.
Und die Geschichte beweist: Irrelevanz ist nötig. Denn manchmal ist Irrelevanz einfach nur gut getarntes, vorbildliches «Gate-Keeping». Es liegt am Leser, solches zu erkennen und von blinder Text-Pornographie zu unterscheiden.

Das Beste was Züri West zu bieten hat..

..sei der Bund, behauptet Kuno Lauener wie immer mit etwas grimmiger und geistesabwesender Miene auf Plakaten, die seit gestern in der Schweizer Hauptstadt rumhängen aushängen. Gestern informierte des Komitee „Rettet den Bund“ denn auch erstmals etwas genauer, wie es denn den Bund zu retten gedenkt. Das amüsiert besonders die Redaktoren der Berner Zeitung, die im Artikel „auf der Suche nach neuem Modell“ (S.25)von den „grossen Plänen“ der Kollegen berichten. Eine etwas deplazierte Wortwahl. Das Komitee hat leider keine andere Möglichkeit als über eine etwaige unabhängige Finanzierung und Erscheinungsweise nachzudenken. Zudem drängt die Zeit. Nun muss es schnell gehen, denn die TA-Media wird demnächst entscheiden, wie es mit der Bund-Redaktion weiter gehen soll.

Wie also handelt nun das Komitee? „In einer ersten Phase will das Komitee mittels Umfrage eruieren, was die Berner Medienkonsumenten in Zukunft wünschen“. (Zitat Oliver Buamann/AZ S.30). Oder, etwas direkter gesagt: Wie viel Geld wäre ein potentieller Abonnent bereit für eine unabhängige Stimme locker zu machen. „Für eine Tageszeitung im Raum Bern brauchte es laut Branchenkennern gar Investitionen von 70 bis 100 Millionen Franken“. Bei 50´000 derzeitigen Abonnenten macht das, öh, zu viel.

Die Pläne des Komitees mögen von aussen betrachtet reichlich naiv erscheinen“. Nö, sie mögen nicht nur, sie sind es auch. Wir schliessen uns daher der Bund-Redaktion an. „Nur Bares ist Wahres“ (S.22). Mehr noch, wir bewundern den Realismus und die Skepsis, welche das Team in Bern dem Komitee entgegen bringt. „Falls das Komitee tatsächlich Investoren hinter sich hat, dann sollten sie ihre Schatullen sehr bald öffnen. Geld ist nicht alles, aber ohne Geld geht gar nichts.“

Mediensolidarität – oder rette sich wer kann

Schon seit einigen Wochen kursieren auf diversen Ringier-Redaktionen so genannte „Energy-Petitionen“. Diese, in mieser Qualität fotokopierten Gesuche sollen die Regierung mittels Unterschriften überzeugen, Radio Energy doch noch eine Konzession zu geben.

 

Auf die Frage, aus welchem Grunde man diese Petition unterschreiben soll, habe ich bisher von Chefredaktoren folgendes zur Antwort erhalten:

 

„Wir wollen die Kollegen doch jetzt nicht hängen lassen.“

 

„Die geben sich so Mühe und kämpfen so verbissen um eine Konzession. Die haben das verdient“.

 

„Die tun mir leid“.

 

Auf die Frage ob die betreffenden Chefredaktoren denn auch Radio-Energy hören, kamen bisher folgende Antworten zusammen:

 

„Nein“

 

„Nein“

 

„Ich habs mal probiert, aber das funktioniert bei mir im Internet nicht“.

 

Auf meine Frage, ob es nicht das grösste Kompliment für einen Radiomacher sei, wenn man sein Programm auch tatsächlich höre und nicht, wenn man einen Wisch unterschreibe, der einem von der Chefredaktion aufgedrückt werde, habe ich keine Antwort erhalten.

 

Immerhin hat nun der Zürcher Regierungsrat ein Einsehen und hat die Petition (der Regierungsräte) fürs Erste mit einem Fusstritt in den Äther befördert. Zu recht, wie ich finde, denn ich bleibe dabei. Das Konzessionsgesuch von Energy-Chef Dani Büchi ist so dermassen schlecht, das alles andere als eine Absage blanker Hohn gewesen wäre. Zumindest für alle jene, die etwas mehr als Copy-Past-Methoden angewandt haben, um ihr Formular mit Worten zu füllen.

 

Seit dieser Woche nun kursiert eine ähnliche Petition im Netz. Allerdings unterstützt sie nicht Radio-Energy, sondern den Berner „Bund“.

Der „Bund“ musste sich allerdings nicht um eine Konzession bewerben. Nein, dem „Bund“ wird mit grosser Wahrscheinlichkeit aus rein wirtschaftlichen Gründen der Hahn zugedreht. Obwohl er einer entsprechenden Qualitätsprüfung in konzessionsähnlicher Weise durchaus standhalten würde, wenn es denn eine gäbe.

 

Die Konzession kommt denn auch nicht vom Bund selbst, sondern von einem unabhängigen Unterstützungskomitee. Niemand bei der Espace-Media wird von der Chefredaktion aufgefordert, diese Petition zu unterzeichnen. Auf solche Ideen kommt man in Bern (noch) nicht. Auf meinen Hinweis, man könnte bei Ringier, wenn man schon fleissig sammle, doch auch dieses Ansinnen unterstützen – das seien ja auch Kollegen, habe ich bis heute keine Antwort erhalten.

 

  

Held des Tages I: Endo Anaconda

Endo Anaconda ist seit zwei Wochen Kolumnist beim Bund (und alibimässig auch beim Tages Anzeiger, der die Kolumne annektiert übernommen hat).

Wer Sätze zum Thema Emo schreibt wie:

Manchmal fühle ich mich selber wie eine nur aus mir selbst bestehende, unverstandene Jugendkultur.

oder:

Wahrscheinlich ist sogar unsere Regierung leicht emo . Der Finanzminister liegt im Koma. Die Justizministerin, welche seine Geschäfte weiterführen soll, gehört zwar zu keiner Clique und wird trotzdem nur abgeklatscht.

und:

Micheline Calmy-Rey entspricht schon äusserlich mit ihrer Haartracht einem Vollbild- Emo.

..ist, man kann es nicht anders sagen, ein Held.
Und so schliessen wir diese Erkenntnis mit folgenden, weitsichtigen Worten, denen wir nur zustimmen können:

Ich mag die Emos zwar auch nicht, aber immer noch besser, die googeln sich Baudelaire und Rimbaud herunter, als dass sie Rambo spielen. Weil es unsere Armee in dieser Form wahrscheinlich nicht mehr lange geben wird, wenn alle auf ihr herumhacken. Die Hobbykrieger würden womöglich ihre eigenen Armeen gründen. Im Ernstfall könnten wir uns nur noch weinend in die Arme nehmen und dazu die traurigsten Verse von Georg Trakl rezitieren. Wenn ich an mein Alterskapital denke, dann möchte ich auch in die Arme genommen werden und weinen, bloss fehlte mir immer schon eine Clique.


Hoch sollen sie leben, die Emos.