Schlagwort-Archive: Boulevard

Hau den Roschee

 Die Weltwoche zu kloppen macht Spass. Zumindest dem Gros der Schweizer Journalisten. Es ist ja auch reichlich einfach. Wer nach Argumenten sucht, verbringt einfach mal einen Abend in einer Bar. Sagen wir in Zürich, irgendwo im Kreis 4 oder 5. Dort wo die Kreativen rumhängen, die Künstler, Grafiker und Werber, die Schreiber und Denker. Die Weltwoche sei ein Naziblatt und Roschee der heimliche Chefideologe der SVP, hört man da. Die Weltwoche sei fremdenfeindlich, schreibe absichtlich was nicht ist, nur um aufzufallen.

Richtig ist: Die Weltwoche polarisiert und provoziert, so wie der Blick es gerne täte und doch nicht hinkriegt. Die Weltwoche betreibt eine Art stumpfen Boulevard mit intellektuellem Anstrich. Und das macht sie richtig gut – völlig egal welche Meinung das Blatt dabei vertritt. Gäbe es keinen Markt für dieses Produkt, wäre Roschee schon lange verschwunden. Als statistische Beweisführung reicht diese Abstimmung.

Heute nun äussert sich der Kulturchef des Tages Anzeigers  zur „Männerriege der «Weltwoche» unter dem intellektuellen Vorturner Roger Köppel“ – der Satz gefällt mir ausgezeichnet.

Roger Köppel treibt ein gefährliches Spiel mit den zivilisatorischen Errungenschaften und Werten unserer Gesellschaft. Das Prinzip, dem sich seine Gefolgschaft gehorsamst unterwirft, ist denkbar einfach: Die Ausnahme bestimmt nicht die Regel, nein, sie ist sie! Wo es Missbrauch gibt, kann es nur Missbrauch geben. Für den Nachweis braucht es nur einen Fall – und dieser findet sich immer. Die Welt ist, was ein Fall ist! Chefideologe Roger Köppel, der überall ideologisches Denken wittert ausser bei sich selber, weiss um die verführerische Kraft des von Ressentiments geleiteten Denkens. Diesen Quell des kollektiven Unmuts zapft er geschickt an.

Stimmt. In anderen Worten: Es ist einfach nur gut gemachter Boulevard. Ich weiss nicht, ob sich Guido Kalberer bewusst ist, welch positive Würdigung er Roger Köppel hier zugeschrieben hat.

Die dritte Geschichte auf dem Cover handelt vom «netten Muslim mit der Bombe». Alles passt perfekt zusammen und bedient eine simple Ikonografie des Schreckens. Was für ein delikater Luxus, in einem Land zu leben, das, von historischer Unbill und Unglück weitgehend verschont, sich solche Horrorspielereien erlauben kann. Ein Wunder, dass es uns überhaupt noch gibt: ein keimfreier Sandkasten für grosse Kinder mitten in Europa.

Der einzige, den solche Texte tief treffen, ist vermutlich Frank A. Meyer. Diese Art Würdigung von höchster Stelle blieb dem Blick Chef-Ideologen bisher immer verwehrt.

Advertisements

äxgüsi Herr Blick?

Es liegt mir fern hier täglich auf den Blick einzudreschen. Vielleicht ist manchmal auch etwas Pech im Spiel. Denn alleine in der Opposition liegt noch kein Heil. Während heute praktisch alle Schweizer Printmedien Keulen schwingen wie „Schweiz zahlt es OECD heim“ (Neue Luzerner Zeitung), findet der Blick:

Wir sind so doof

Sicherlich, die Schlagzeilen der meisten Printprodukte sind heute so übertrieben, wie wenn Dieter Bohlen sagt: „deine Winselei lässt meine Eier schrumpfen“ – wer keine hat, kann so etwas kaum bemerken. Bei knapp 300’000 Franken von „heimzahlen“ oder gar „Sanktionen“ (Aargauer Zeitung) zu schreiben, ist doch etwas arg überspitzt. Ausgerechnet heute aber mit Schlagzeilen wie: „Was ist nur aus der stolzen Schweiz geworden?“ (S.2) aufzumachen, ist wirklich Pech.

So wird das nix, liebe Blick-Redaktion. Dabei war doch gestern schon Ground Zero.

Boulevard vs. Boulevard

Lieber Michael Ringier

Dio Mio. Wir haben das schon richtig verstanden. Der Blick will wieder näher bei den Leuten sein, näher am Einzelschicksal, näher an der Trauer und am Unglück. Und dann serviert Gott dem Ringier-Verlag eine Katastrophe ans Bett und was machen die zahnlosen „Kampfhunde vom Seefeld“ damit? Vier magere Seiten, zwei davon mit einer chronologischen Auflistung der Ereignisse. Und auf den anderen zwei Seiten darf ein ETH-Seismologe erklären, dass Erdbeben auch in der Schweiz vorkommen können. Top. Näher dran wäre schon mittendrinn, ne.

Heute sollte jeder Blick-Journalist den Le Matin auswendig lernen. Solange bis er folgende Sätze im Schlaf rezitieren kann: „Ich habe mit meinen eigenen Händen nach meiner Familie gegraben„. Sechs Seiten Einzelschicksal. Sechs Seiten Trauer, Versagen, Anschuldigungen Wut und Leiden. Naturkatastrophen sind furchtbar. Das ist Boulevardjournalismus übrigens auch. Wenn’s also schon sein muss, dann sollte man auch das Schlechteste daraus machen.

Oder anders gesagt: Noch am Sonntagabend mokierten sich Giacobbo / Müller in ihrer „Late Service Public“-Show im SF über die Warnung vor Erdbebenfolgen durch Bundesrat Moritz Leuenberger. Möglicherweise ist ihnen in Anbetracht der verheerenden Auswirkungen des Erdbebens in Italien für einmal das Lachen im Hals stecken geblieben. Und vielen anderen hoffentlich auch.

Das sagen nicht wir, sondern Christoph Meier von der Südostschweiz. Aber wir teilen immerhin seine Meinung.

Newsnetz – oder wie man Meldungen verschläft

Manchmal verwirrt mich die publizistische Taktik von Newsnetz etwas. Das Onlineportal ist sich sonst auch nicht zu schade, über die Heirat von Schweizer Stars und Sternchen zu berichten, notabene gerade dann, wenn es sich dabei um Möchtegern-Stars mit journalistischem Anstrich handelt. Aber diese Nachricht hat Newsnetz bisher offenbar übersehen.

Gratulation an den Blick, der immerhin so schlau war, die Meldung heute morgen beim SF abzuschreiben. (Stand 08.30).

Online-Journalismus – was nun?

Wir stänkern an dieser Stelle ja gerne Mal über die innovative aber dämliche Rubrik „Tweet des Tages“ der Gratiszeitung Blick am Abend. Die Rubrik ist tatsächlich ziemlich doof, denn ausser einem Je-Ka-Mi für Twitter-User hat diese Sparte nix zu bieten. Und eine Antwort auf die Frage, warum Twitter für Journalisten irgendwie von Nutzen sein sollte, auch nicht. Ausser vielleicht, dass damit etwas Gratis-Content für faule Alpha-Journalisten generiert wird.

Ich habe also lange und gründlich darüber nachgedacht, welchen Nutzen und welche Zukunft Twitter haben könnte und ob es sich tatsächlich lohnt, das Thema ernsthaft anzugehen. Meine Antwort lautet: Ja. Twitter kann tatsächlich einen Nutzen haben. Schuld daran ist der Linke Einfalftspinsel Namens Thomas Benkö, mit dem mich nebst meiner vermeintlichen RL-Identität nix verbindet. Ich Er habe hat nämlich letztens vor versammelten Redaktionskollegen eine kleine Präsentation gehalten, in der relativ verständlich erklärt wird, welchen Sinn und Nutzen Twitter für vermeintliche Alpha-Journalisten haben könnte. Die Präsentation ist, gemessen an dem was Twitter wirklich bietet, sogar richtig gut, einigermassen vollständig und immer wieder ansatzweise peinlich, was verhindert, dass der Zuschauer einschläft. Aber, die Präsentation zeigt auch, welch tieferen Sinn Twitter hat und wer in absehbarer Zukunft davon profitieren kann.

Twitter ist und bleibt ein dummes Tool, perfekt für das Aufschnappen und Verbreiten dummer Nachrichten von dummen Leuten. Es ist daher in erster Linie ein Boulevard- und Gratiszeitungs-Tool, dass hilft, etwas aktueller und näher am Geschehen zu sein, so jemand aus der Community vor Ort ist. Und natürlich, darauf verweisen wir hier immer wieder gerne, ist es ein ideales Tool für faule Journalisten, einen möglichen Pool von Möchtegern-Protagonisten um sich zu scharen.

Ich bleibe dabei: Nicht jede Idee die Anhänger findet, ist automatisch eine gute Idee. Manche Erfindungen dienen auch nur dazu, bereits existierende Dummheiten noch etwas schneller in Umlauf zu bringen. Wer daran zweifelt, soll sich dieses Filmchen reinpfeiffen. Ein, wie ich finde, ziemlich abschliessender Lehrgang zum Thema: Onlinejournalismus, was nun?

Idiot des Tages: Blick, Frank A. Meyer, Michael Ringier

.. und und und.. Die Liste könnte beliebig lang sein.

Der Blick reisst sein gesamtes Konzept um. Konsequenz: Mehr und härterer Boulevard, neue Chefredaktion, neues Format, kurz: Der neue Kurs gilt als gescheitert, Millionen wurden in den Sand gesetzt und der Blick fährt zum ersten Mal seit seiner Gründung wieder Verlust ein. Aber nun ist kein Papa Ringier mehr da, kein starker Mann, der Vertrauen hat und sagt, wo´s lang geht. Nö. Nun müssen die Kinder alleine – und haben ganz schön Mühe damit.

Hose&Dose Superstar

Seit 30 Jahren 3 Monaten versuchen wir nun täglich unserem Image vom inkompetenten, unwissenden, linken Einfaltspinsel gerecht zu werden. Es war folglich nur eine Frage der Zeit, bis wir zum ersten Mal in einer Zeitung zitiert werden. Dumm nur, dass die Aargauer Zeitung nicht erwähnt, woher sie ihre Informationen hat. So erfreuen wir uns an gewagten Konstruktionen wie:

Offenbar hatte der Online-Ableger der Pendlerzeitung «20 Minuten» unerlaubterweise ein «Blick»-Bild von Hofmanns Vater für die eigene Internet-Galerie verwendet.

Und

So monierte das Branchenportal « persönlich . com », dass der «Blick am Abend» am Dienstag in seiner E-Paper-Ausgabe das Gesicht von Lucies Mörder › wohl aufgrund eines technischen Versehens › unzensiert gezeigt habe. Der Fehler wurde inzwischen behoben. Und er ist so oder so hinfällig: Die Aargauer Polizei hat gestern ein offizielles Bild von Daniel Hofmann veröffentlicht.

Natürlich, ganz blöd sind wir nicht. Sicherlich ist es möglich und auch höchst wahrscheinlich, dass Herr Baumann seine Informationen aus verschiedensten Quellen bezieht und alles brav und gewissenhaft überprüft. So bleibt uns mindestens die Genugtuung, einer dieser Quellen zu sein.

Wir gehen jetzt feiern. Schliesslich sind wir ab heute Teil der offiziellen Mediengesellschaft und haben damit Anspruch auf Groupies, Freikarten und die Aufhebung der Billag-Gebühren.