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Des Henkers Anruf

Kann sich das eigentlich jemand vorstellen, wie es ist, wenn man auf diesen einen Anruf wartet? Wenn man weiss, seit Tagen, Wochen, ja schon seit Monaten, dass der Moment kommen wird, in dem jedes Klingeln zur Bedrohung wird?

Wer bei Ringier arbeitet, weiss wie es ist. Heute war D-Day. Wer bis 14Uhr keinen Anruf vom Henker bekommen hatte, stand auf der sicheren Seite. Die anderen müssen gehen. Darunter Leute, die sich in den vergangenen Jahren sehr für ihr Produkt, ihr Team und den Verlag eingesetzt hatten.

Einmal mehr zeigt sich, wie absolut ungeil Ringier mit seinen Angstellten umspringt. Für Schweizer Journalisten ist heute ein weiterer schwarzer Tag. Mögen keine weiteren mehr folgen.

Doch Gott ist tot, schon lange. Amen.

Kriegsrhetorik: Viel Wirbel um nix

Streit, Kleinkrieg, Schusswechsel – so geht es derzeit in der Schweizer Medienlandschaft zu und her.

Ich freue mich auf die ersten Leserzahlen zum „neuen Blick“, wenn man so will. Der „harte“ Boulevardkurs scheint sich offenbar auszuzahlen.

„Dieser Kurs habe «nicht zu einem signifikanten Anstieg an Reklamationen geführt», aber zu einer Zunahme des Kiosk- und Aboverkaufs.“

behauptet zumindest ein Unternehmenssprecher. Dummerweise führt „dieser Kurs“ aber auch zu Reibereien, etwa mit dem Bezirksgericht in Zürich. Dort streitet sich ein Richter mit den Ringier-Anwälten wegen den Bildrechten einer Verhandlung. Der betreffende Richter war zuvor ohne Einwilligung mit Foto in der Zeitung erschienen.

In der Ostschweiz tobt der mediale „Kleinkrieg„. Ausgerechnet das Newsportal des Schweizer Fernsehens berichtet, wie sich Tele Ostschweiz und Tele Säntis um die Konzession zoffen. Auch wenn der Vorwurf ins Leere zielt. Es ist schon etwas makaber, dass ausgerechnet der Monopolist, der seine Konzession auf sicher hat, über diese Geschichte berichtet.

Zum Schusswechsel schliesslich kommt es in der medialen Nachbearbeitung zu Erpressung und Bestechung Teil II. Wer so was liest, der denkt, in der Schweizer Medienlandschaft herrsche Krieg. Dabei ist doch alles ganz harmlos.

Hau den Roschee

 Die Weltwoche zu kloppen macht Spass. Zumindest dem Gros der Schweizer Journalisten. Es ist ja auch reichlich einfach. Wer nach Argumenten sucht, verbringt einfach mal einen Abend in einer Bar. Sagen wir in Zürich, irgendwo im Kreis 4 oder 5. Dort wo die Kreativen rumhängen, die Künstler, Grafiker und Werber, die Schreiber und Denker. Die Weltwoche sei ein Naziblatt und Roschee der heimliche Chefideologe der SVP, hört man da. Die Weltwoche sei fremdenfeindlich, schreibe absichtlich was nicht ist, nur um aufzufallen.

Richtig ist: Die Weltwoche polarisiert und provoziert, so wie der Blick es gerne täte und doch nicht hinkriegt. Die Weltwoche betreibt eine Art stumpfen Boulevard mit intellektuellem Anstrich. Und das macht sie richtig gut – völlig egal welche Meinung das Blatt dabei vertritt. Gäbe es keinen Markt für dieses Produkt, wäre Roschee schon lange verschwunden. Als statistische Beweisführung reicht diese Abstimmung.

Heute nun äussert sich der Kulturchef des Tages Anzeigers  zur „Männerriege der «Weltwoche» unter dem intellektuellen Vorturner Roger Köppel“ – der Satz gefällt mir ausgezeichnet.

Roger Köppel treibt ein gefährliches Spiel mit den zivilisatorischen Errungenschaften und Werten unserer Gesellschaft. Das Prinzip, dem sich seine Gefolgschaft gehorsamst unterwirft, ist denkbar einfach: Die Ausnahme bestimmt nicht die Regel, nein, sie ist sie! Wo es Missbrauch gibt, kann es nur Missbrauch geben. Für den Nachweis braucht es nur einen Fall – und dieser findet sich immer. Die Welt ist, was ein Fall ist! Chefideologe Roger Köppel, der überall ideologisches Denken wittert ausser bei sich selber, weiss um die verführerische Kraft des von Ressentiments geleiteten Denkens. Diesen Quell des kollektiven Unmuts zapft er geschickt an.

Stimmt. In anderen Worten: Es ist einfach nur gut gemachter Boulevard. Ich weiss nicht, ob sich Guido Kalberer bewusst ist, welch positive Würdigung er Roger Köppel hier zugeschrieben hat.

Die dritte Geschichte auf dem Cover handelt vom «netten Muslim mit der Bombe». Alles passt perfekt zusammen und bedient eine simple Ikonografie des Schreckens. Was für ein delikater Luxus, in einem Land zu leben, das, von historischer Unbill und Unglück weitgehend verschont, sich solche Horrorspielereien erlauben kann. Ein Wunder, dass es uns überhaupt noch gibt: ein keimfreier Sandkasten für grosse Kinder mitten in Europa.

Der einzige, den solche Texte tief treffen, ist vermutlich Frank A. Meyer. Diese Art Würdigung von höchster Stelle blieb dem Blick Chef-Ideologen bisher immer verwehrt.

Sprachliche Anekdoten I

 Es gibt Schreibfehler und Schreibfehler. Es gibt die Dummen, die Flüchtigen und die Katastrophalen. An einem guten Tag begegnet der Leser allen Gattungen im selben Medium.

An einem schlechten, so wie heute, braucht es zwei.

 Der Dumme:

Sänger Piero Esteriore will das Sorgerecht für seine Tochter Alessia. Grund: eine Ex-Freundin Sandrine verbiete ihm den Kontakt zu seiner Tochter. «Alles Blödsinn», behauptet die Mutter.

„eine Ex-Freundin Sandrine“ deutet sprachlich an, dass es noch mehrere Ex-Freundinnen mit Namen Sandrine gibt. Das passt allerdings nicht zur Behauptung Piero Esteriore wolle das Sorgerecht für seine Tochter.

Fazit: Piero Esteriore hatte mehrere Freundinnen mit Namen Sandrine, die ihm eine Tochter Namens Alessia geboren haben. Das wäre Piero sicher zuzutrauen. Hier liegt der Fehler aber wohl eher bei 20Minuten Journalistin I.R.*

Der Flüchtige:

Letzterer ist** dürfte auch beim Schweizer Publikum eine Glocke*** läuten lassen, schliesslich sorgte er erst diesen Sommer für Aufregung, als bekannt wurde, dass er 1999 eine damals 14-jährige Schweizerin geschwängert hatte.

Der Katastrophale:

Insgesamt wurden heute rund 70 Retter eingesetzt, darunter auch SSoldaten. «Wir suchen mit allem was uns zur Verfügung steht», sagte Bardill. «Wir setzen Lawinenhunde, Reco- und Lawinensuchegeräte und Sonden ein.» Zudem würden auch Helis der Rega, der Bohag und der Air Glaciers die Retter unterstützen.

Es gibt nicht viele Wörter, bei denen eine Verdoppelung eines Buchstabens soviel assoziatives Unheil auslösen kann wie das „S“ bei SSoldat.

*Name für die Redaktion uninteressant.

** Mobile-Applikation von 20 Minuten. Hier werden Texte offenbar – im Gegensatz zur Onlineversion – nicht mehr korrigiert.

*** Kann uns jemand dieses Sprachbild erklären? Tragen nicht Kühe Glocken die läuten? Aber Menschen? Lesen Schweizer Kühe 20Minuten? Erklärt das die hohen Leserzahlen? Auch hier liegt der Fehler wohl eher bei (tny).

Carl Blödmann

Es passiert leider selten, dass ich 20 Minuten nicht unfreiwillig, sondern wirklich komisch finde. Heute aber, unglaublich, war einer dieser Tage. Don Hirsch und Don Huisseling hatten gestern ins Kaufleuten geladen. Der eine präsentierte eine weitere Runde „wie man berühmte Menschen anödet“, der andere durfte sich für eben diese Anöderei (Carli der Grosse) in der Weltwoche revanchieren, was er dann nicht wirklich tat.

Blick feiert Carl Blödmann heute denn auch als „Satiriker“ *hüstel*, der einen geplanten Gag über Xenia auf Anraten seiner Berater *hüstel* fallen liess. Gott, was habe ich dank Blick heute wieder gelernt. Als Satiriker braucht man Berater die Gags aufgrund ihrer Brisanz einstufen, nur weil  etwaige Medienvertreter (und Blogger) im Publikum sitzen.

Aus aktuellem Anlass eine heute viel zitierte Pointe des Neo-Satirikers Blödmann: „Du willst den Leuten Stil, also – wie ihr Berner sagt – „Stiu“ beibringen. Das ist, wie wenn Renzo Blumenthal Brad Pitt sagen würde, wie er Angelina drannehmen soll“. Ein Schenkelklopfer erster Güte und ein harter Schlag in die Eingeweide von Don Huisseling. Für einmal titelt 20 Minuten zu Recht. „Hirschmann warf mit Watte“. Watte, die moderne Duellwaffe der Stadttunte.

Wer so eine Watte mit voller Wucht in die Fresse kassiert, der leidet.  Das erklärt vielleicht auch, warum Blödmann das Wort „Demonstration“ und „1. Mai“ nicht verstanden hat und sich anschliessend wunderte, warum sein Auge tatsächlich blau und nicht etwa nur blau geschminkt war.

Ich will mein Geld zurück! Auch wenn ich als Blogger selbstverständlich keinen Eintritt bezahlen musste.

We love Roschee – but do we really?

Die Rede war von einem Jahrhundersportler (BZ), der auf einer Ebene stehe wie Ali und Jordan, von einem Juwel (Aargauer Zeitung), dass die Schweizer zu wenig würdigen, ja gar von einem Vorbild, dass die Schweizer Politik und Wirtschaft positiv beeinflussen müsste (De Gregorio im Blick) und gefälligst auch soll (Nächstenliebe).

Ich habe den Unterschied gelernt zwischen einem ausserordentlich guten Spieler und einer Legende (NZZ) und was Unsterblichkeit bedeutet (Tages Anzeiger).

Ich sah einen Mann, der den Verkehr am Kreisel des Arc de Triumph in Paris zum erliegen brachte (Adrian Arnold vs. Federer in der Tagesschau) und das wie immer bescheiden abstritt (war ich das etwa?). Man erzählte mir von einem Sportler, der beharrlich an sich glaubte (dä rotschääär federärä: Bernhard Schär auf DRS1) und nie aufgab. Ein Mensch, der uns alle zu besseren Menschen macht, weil er Glück und Klasse in unsere teils öden Leben bringt (24 Heures), einen Menschen, der spielt, damit wir uns freuen dürfen (Le Matin).

Ich muss zugeben, das hat mich etwas überfordert. Ist das wirklich die Schweizer Presse? Sind das wirklich Schweizer Journalisten? Diese bedingungslose Verehrung, dieser Kniefall tief in den Staub der Unterwerfung – das habe ich noch nie erlebt. Und das werden ich auch nie mehr erleben. Das war eine Fata Morgana der Leidenschaft (das habe ich aus einem Schundroman geklaut), die genau so schnell wieder verschwindet, wie sie aufgetaucht ist.

Roger Federer ist ein Ausnahmetalent, keine Frage. Ob er eine Legende ist, ein Jahrhundertsportler oder gar unsterblich, wird die Geschichte entscheiden. Doch eines kann ihm niemand nehmen. Er hat ein ganzes Volk geeint. Das soll ihm erstmal einer nachmachen. Kein Pirmin, keine Vreni, keine Alinghi, kein Hayek, kein Michel Comte, keine Pipilotti, kein Herzog und auch kein DeMeuron, kein Max Bill sei er noch so Frisch, heisse er Jeremias oder Friedrich, Dufour oder Einstein hat das je geschafft. Sie alle haben ausserordentliches geleistet, aber ganz gereicht hat es nicht.

Roger Federer ist ein Nationalheld der bedingungslos geliebt und verehrt wird, weil er all die Qualitäten in sich vereint, die Schweizer so bewundern und an sich selbst so schätzen.

Er ist bescheiden, ausdauernd, zielstrebig, eigen, unbeugsam, loyal, erfolgreich.
Sprich: ein Übermensch. Schlicht und einfach weltklasse.

Ob ich das allerdings so toll finde, weiss ich ehrlich gesagt nicht. Noch nicht. Trotzdem. Der Nächste der sagt, das schweizer Volk sei uninspiriert oder gar leidenschaftslos, den mach ich platt. Am besten mit einem Tennisschläger.

Schön und dumm – lest ihm die Leviten

Eine Freude der besonderen Art bereitet uns heute Andre Reithenbuch, seit neustem nicht nur schönster sondern auch bekanntester Nicht-Leser der Schweiz. Der 22-jährige leidet an Illetrismus. Eine Schwäche die der Zimmermann mit rund 800´000 Schweizerinnen und Schweizern teilt.
Angesichts solch entblössender Offenheit wanken die Medien in ihren Artikeln zwischen Bewunderung (Stimme der Vergessenen) Vorurteilsbestätigung (schön und dumm) Mitleid (Er besitzt lediglich 1 Buch) und Häme (XY liest ihm die Leviten).

Besonders aktiv sind die Blick-Journalisten, die sich geradezu in einer Sinnkrise befinden. War der letzte Mister Schweiz noch ein Mister Weichei mit Gay-touch, müssen sie nun feststellen, dass dieser immerhin lesen konnte, was sie an Beleidigungen aufs Blatt pressten.

Mal ganz abgesehen davon, dass der neue Mister Schweiz ein wunderbares Vorbild für die Jugend ist („ich habe keinen Bock aufs lesen“ – „in der Schule habe ich halt zum Fester rausgeschaut“), kommen mir angesichts solcher Schlagzeilen definitiv die Tränen:

Andre Reithenbuch zeigt das einzige Buch, das er in seinem Leben gelesen hat

Stimmt. Er zeigt es. Was darin steht, erfahren wir in dieser Geschichte leider nicht.

Kritik: das rare Gut

Der Biometrische Pass teilt die Schweiz. Und zwar ziemlich genau in der Mitte. Im Kanton Glarus fiel die Entscheidung mit gerade mal fünf Stimmen unterschied. Für einmal gilt tatsächlich: Jede einzelne Stimme hätte gezählt. Alle zu Hause gebliebenen müssen sich deshalb den Vorwurf gefallen lassen, dass sie dieses Resultat deutlich mit verschuldet haben. Ein Zürcher Agglobezirk alleine hätte ausgereicht, um die Zahl zu drehen.

Fakt ist: der biometrische Pass beschäftigt die Schweiz. Auch in Blogs wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass die Informationsleistung seitens Medien und Bund mehr als mangelhaft war. Das Resultat ist daher auch als „Chaos“ zu deuten. Eine klare Meinungsbildung war für viele Menschen schlicht weg zu aufwändig. Kaum einer wusste, welche Regeln Schengen vorschreibt, was der biometrische Pass eigentlich für Daten speichert und welche Möglichkeiten diese Datenspeicherung bietet, bieten darf und nicht bieten kann. Spätestens heute wäre es darum an den Medien gewesen, Bund und Parlament für die Desinformationspolitik, der die Journalisten teilweise selbst unterlagen, zu rügen. Ausser der NZZ und der Aargauer Zeitung, die deutlich darauf hinweisen, tut das in der Deutschschweiz aber niemand. Alleine die Romandie protesiert mit Le Temps, Tribune, 24 Heures und Liberté geschlossen. Was also ist mit der kritischen Medienberichterstattung in der Deutschschweiz geschehen?

Am deutlichsten wird die Misere ausgerechnet beim Blick. Die Zeitung, die sich einst für „die Anliegen und Bedürfnisse der kleinen Leute“ einsetzte, erwähnt die Abstimmung auf der Titelseite mit keinem Wort. Stattdessen rollt die Boulevardzeitung eine Geschichte auf, die bereits Anfang letzter Woche in der Romandie erschien und in verschiedenen Deutschschweizer Blogs bereits für heftige Diskussionen sorgte. Ohne neue Informationen, ohne zusätzliche Inhalte oder Service. Es ist einfach nur ein billig abgekupferter Inhalt einer tragischen Geschichte, die zeigt, wie schlecht und unsorgfältig Initiativ-Texte manchmal durchdacht sind (was im Text aber leider nicht erwähnt wird).

Die Aktualität findet sich dann übrigens auf Seite 11. Klein, unwichtig und kaum beachtenswert. Genau so unreflektiert und undurchdacht übrigens wie mancher Initiativtext.

ESC – Der Exklusive Schwachsinns-Contest der Medien

Du hast so lange rum gesessen, Punkrock hast du längst vergessen. Deine Roots hast du verraten. Jetzt bist du am warten auf die nächste grosse Zeit, die dich zurück nach vorne treibt.
Céline Dion feat. Oli Schulz – Die Ankunft der Marsianer

Die Schweizer und der ESC. Es ist ein Drama.
Nicht das Ausscheiden. Nein, das ist völlig in Ordnung und durchaus berechtigt. Das Drama ist das Drama nach dem Drama. Diese Dramen tragen Namen wie Chris von Rohr, Sandra Studer oder H. Elias Fröhlich. Und ihre Epen stehen in Blick, 20 Minuten und im Blick am Abend.
Im Vorfeld wurden die Offbugs (kommt gut, OFFbugs) in den Himmel gelobt. Coole Einstellung, nix zu verlieren oder wie die Jungs zu sagen pflegen „gehen wir mal raus und blasen den 15 Nasen das Hirn raus“. Normal halt. Wir sprechen ja vom ESC, dem Exklusivsten Schwachsinns Contest Europas.

Das Ausscheiden war nur logisch. Denn Musik ist Show, Europapolitik dramatisch und ein Contest ist laut Definition ein Wettbewerb. Und die Offbugs sind halt nur eine Band – immerhin eine solide, so eine Art musikalisches Schweizer Sackmesser. Die einzelnen Bestandteile mögen mit den Jahren wechseln, aber der Name hält was er verspricht. Doch damit gewinnt man keinen Schwanzvergleich der Messerwerfer.
Nun ein Drama zu machen und das ewig mediale „wollen wir nicht doch nicht mehr nicht mitmachen?“-Drama predigen ist völlig überflüssig. Auch Kritik an den Offbugs zielt ins Leere. Es war von Anfang an klar, dass dies im besten Falle etwas Gratiswerbung für die Basler werden würde. Notabene vom Steuerzahler finanziert. In Anbetracht, dass wir für weit dümmeres Geld ausgeben (siehe Ali), geht das in Ordnung. Die Offbugs danken es. „Hey, unser Song stand heute Morgen auf Platz eins der schwedischen iTunes Alternative-Charts. Geil, oder?“ (BlaA von gestern/S.3).

Ja, doch. Geil. Das mögen wir ihnen gönnen. Den hiesigen Boulevardmedien aber verleihen wir für die ewig wiederkehrende Copy-Paste Argumention den Panik-Pokal des Monats Mai. Schnauze jetzt, es reicht. Bobo und Piero kamen nicht mal in die schwedischen Alternativ-iTunes-Charts. Deswegen forderte ja niemand, dass man iTunes oder gar Schweden abschafft.

Ueli der Tyrann

Gestern noch haben wir uns über die Druckversuche seitens der Verleger und Chefredakteure beschwert. Heute wurde uns nun von einem Informanten beim Schweizer Fernsehen folgendes brisante Dokument zugespielt. Es handelt sich dabei um einen hoch geheimen Blickartikel aus der gestrigen Ausgabe, der so geheim ist, dass er online leider nicht zugänglich ist. Aus diesem Grund haben wir uns nach intensiven Diskussionen entschlossen, die Klageschrift in ungekürzter Länge zu veröffentlichen:

Am Donnerstag muss TV-Chef Ueli Haldimann wieder mal vor Gericht antraben. Die Direktorin stellt sich hinter ihn.

Erst letzte Woche hat das Zürcher Obergericht das Strafmass für den verurteilten SF-Chefredaktor neu festgelegt. Jetzt steht Ueli Haldimann erneut vor dem Strafrichter – diesmal am Zürcher Bezirksgericht. Dort geht es um Aufnahmen mit versteckter Kamera 2007 in der Praxis von Schönheitschirurg Peter Meyer-Fürst (72). Haldimann begründete die Aufnahmen damit, man habe ja gesehen, wie der Arzt «sieben Mal an den Brüsten herumtöpelt». Auch im Fall einer Verurteilung stehe er als Chefredaktor «nicht zur Diskussion», sagte SF-Direktorin Ingrid Deltenre in der «SonntagsZeitung» (SoZ).
Trotzdem gibt Haldimann immer mehr zu reden – auch bei SF. Sein Problem sei, dass er «seine gerechte Sache mit publizistischen Grundgesetzen verwechsle», so ein Ex-Kadermitglied. Anders gesagt: Weil er Meyer-Fürst für einen «Grüsel» hält, rechtfertigt das für ihn den Einsatz der versteckten Kamera.

Haldimann stolperte schon früher über sein persönliches politisches Gewissen, was zu Patzern führte. So musste er sich 1996 als Chefredaktor der SoZ bei Bankier Hans Vontobel entschuldigen, nachdem ihm das Blatt vorgeworfen hatte, er habe sich mit Stasi-Leuten getroffen. Als Haldimann 1997 seinen Chefposten bei der SoZ «zur Verfügung stellte», war es ähnlich: Ein falsches Blocher-Zitat hatte diesen in den Dunstkreis von Rechtsextremen gestellt.
2002 wird Haldimann Chefredaktor beim Schweizer Fernsehen. Da zeigt sich noch ein Problem: Er ist verschlossen, technokratisch und nicht kritikfähig. « Haldimann betreibt ein Management by closed door – er löst Probleme am liebsten schriftlich», sagt ein News-Mann.
2006 verknurrt ihn das Bundesgericht gericht wegen eines «Kassensturz»-Beitrags dazu, für eine Privatschule Gratiswerbung in der Höhe von 400 000 Franken zu schalten. Er muss sich für ein Interview mit SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli vor dem ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald entschuldigen. Ebenso für die «Abhöraffäre» mit dem «verwanzten» Toni Brunner.

Die Fehler sieht er kaum bei sich – aber oft bei seinen Mitarbeitern. Die massregelt er gern in seinem Newsletter oder in seinem Blog auf der SF-Homepage. Als ein Reporter nach der Bundesrats-Nomination ein aggressives Interview mit Maurer und Blocher führt, kanzelt er ihn öffentlich im Blog ab.

Der scheue Chef, der immer seltener am TV kommentiert, gibt sich im Blog angriffig: Als es 2006 darum geht, dass SF-Mitarbeiter mit 62 pensioniert werden sollen, giftelt er: «Am liebsten würden wir die Zusammenarbeit mit allen (oder sagen wir fast allen) weiterführen.»
Bleibt für Haldimann zu hoffen, dass das auch für ihn selber gilt, auch wenn er erst 55 ist. Diese Woche wird es enger für ihn.