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Blick am Abend Superstar

Der Nachrichtenchef der Abendzeitung Blick am Abend unkte jüngst, er vermisse konstruktive Kritik an seinem Produkt. Wir wollen Namen von der Redaktion zensiert, weil der Genannte sonst wieder mit Eier-Kritik auf uns eindrischt’s Wunsch gerne erfüllen. Darum habe ich mich gestern gezwungen mit Freude wieder einmal den Blick am Abend gelesen überflogen. Da wir unsere Arbeit gerne richtig machen, habe ich auch gleich die Ausgaben aus Bern und Basel mitgelesen, schliesslich will man ja wissen, welche Art Mehrwert so ein Regionalsplit liefert.

Leider muss ich die Zeitung online lesen. In meiner Heimatstadt in Burkina Faso gibt es keine Boxen. Daher beziehen sich folgende Feststellungen auf die online zugänglichen Flashpapers.
Besonders beeindruckend wäre der Basler-Split gewesen (S.5 „Dem Van Gogh ein Ohr ab“). Passend zur derzeit aktuellen Van Gogh-Ausstellung hat Journalist Ronny Wittenwiler eine „blutige Geschichte“ recherchiert. Deren Inhalt: Vincent schnitt sich sein Ohr nicht selbst ab. Im Gegenteil. Es wurde abgesäbelt, von Vincents grossem Vorbild, von Paul Gauguin persönlich. Wer eine solche kühne Behauptung abschreibt aufstellt, sollte auch ein paar Worte zu den Motiven des Täters verlieren. Sonst wirkt das Ganze irgendwie surreal. Dummerweise hat Ronny das in seiner Geschichte aber vergessen. Der einzige Hinweis: „Gauguin galt als begnadeter Fechter“. Der Leser muss folglich selbst kombinieren, dass Vincent wohl zufälligerweise mit seinem Ohr in ein Fecht-Training stolperte.

Ohr des Anstosses: Van Gogh

Ohr des Anstosses: Van Gogh

Ansonten stütz sich Ronny auf ein Buch in dem „historische Polizeiberichte und Zeugenaussagen“ vorkommen. Also entweder ist eine Zeugenaussage bereits Teil eines historischen Polizeiberichtes, oder aber Ronny wollte uns klar machen, dass es tatsächlich heute noch Zeugen gibt, die beobachtet haben, wie Vincent mit seinem Ohr dem Fechttraining lauschte.
Alles nicht so schlimm, wenn schon die Basler Ausgabe so tolle News bereit hält, die allen formalen journalistischen Anforderungen bis ins letzte Detail genügen, dann kann’s in Zürich und Bern nur noch besser werden. Wird es auch. Dort findet sich anstelle der Van Gogh-Story die Geschichte, die in Basel auf der nächsten Seite stand. Eine abgekupferte Blickgeschichte.

Die war so gut, dass sie in Bern und Zürich gleich zweimal erscheinen musste. Anstelle von Van Gogh und dort, wo sie auch in Basel stand, auf der nächsten Seite nämlich.

 

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Erfolgreich Themen setzen

(Begrüssung)

Es freut mich, dass ihr so zahlreich erschienen seid (blabla). Heute gehen wir folgender Frage nach: Was sind relevante Themen? Und was macht eine „gute“ Geschichte aus?

Ich habe euch darum zwei Beispiele mitgebracht. Das eine stammt aus der Hauptstadt, das andere aus der innoffiziellen Hauptstadt, erschienen sind sie in der Berner Zeitung und im Tages Anzeiger, jeweils im Regionalteil.

(Kurz ausholen). Der Regionalteil ist die Grundmauer einer jeden Regionalzeitung. Hier ist das Papier dem Internet und den nationalen Agenturen immer noch weit überlegen. Mit eigenen Geschichten und eigenem Dreh wird das Publikum erfolgreich bei Laune gehalten. Dazu gehört auch, dass Redaktoren ein „Gespür“ für die Bedürfnisse der Leserschaft zu entwickeln beginnen. Fast jede Zeitung in der Schweiz verfügt über mindestens ein regionales Journalistenurgestein, über diese eine Schreiberin oder diesen einen Schreiber, der seit Jahren das gleiche Ressort beackert und um keinen Preis in eine andere Redaktion wechseln möchte.

(Hauptteil Referat) Kommen wir also auf unsere zwei Beispiele zurück (blabla). In der Berner Zeitung machte sich Tobias Habegger Gedanken über „Das Schweizer Hauptstadt-Problem: Gratis-WC verzweifelt gesucht„. Sicherlich, wir alle kennen dieses Problem. Allerdings habe ich bis jetzt noch niemanden getroffen, der einen Plan in der Tasche hatte, auf dem das nächste WC eingezeichnet war. Wieso auch? Zum Pinkeln geht Frau einfach ins nächste Restaurant. Dass deren Besitzer oft protestieren, ist auch nix neues. Der Ansatz des Artikels ist zwar kreativ, das alleine macht aber noch keine gute Regional-Geschichte aus. Über fehlende WCs hat sich meines Wissens in Bern bisher noch niemand nachhaltig beschwert.

Im Tages Anzeiger machte sich gleichentags Liliane Minor Gedanken zu „Parks oder Luxuswohnungen: Gezänk um Grundstücke am Seeufer„. Statt die Geschichte (Seeufer für alle blabla), die zudem für viele Schweizer Seeanwohner relevant ist, noch einmal aufzurollen, zeigt Minor anhand von fünf Beispielen aus der Region, von Freienbach (SZ) über Schmerikon (SG) bis Uetikon (ZH), wie schwer es ist, das Seebecken der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Und beweist damit, dass viele Gemeinden mit ihren vermeintlichen „Einzelfällen“ nicht alleine dastehen. Das macht Mut und ist ein Aufreger erster Güteklasse, der beweist, dass oftmals nur durch Intervention des Stimmvolkes mittels Beschwerde oder Initiative etwas Bewegung in die Sache kommt.

Welche der beiden Geschichten relevanter ist, muss nicht speziell erwähnt werden. Ich bin zudem der Überzeugung, dass die WC-Story weit mehr an Recherche-Arbeit zur Folge hatte, als der See-Anstoss Artikel (blabla).