dasmagazin.ch – der unmündige User

Es ist kaum zwei Jahre her, da lancierte dasmagazin.ch mit grossem Brimborium die Web 2.0-Taktik. Wir erinnern uns: User-Accounts, User-Texte und Kommentare – alles Dinge, die helfen sollten „bessere Beiträge (im Heft) zu publizieren„, wie die Redaktion damals glauben machen wollte. Es war Interaktivität und „online journalismus“ wie er in jedem zweiten Durchschnittslehrbuch steht.

Gestern nun hat dasmagazin.ch eine Kehrtwende vollzogen. Die Kommentare und Texte der User mussten weichen, wie einige Blogger bereits verwundert festgestellt haben. Persoenlich.com war so nett bei Chefredaktor Finn Canonica nachzufragen. Und die Antworten erstaunen. Der Hauptgrund, so Canonica sei, dass man schlicht zu wenig Zeit und Personal habe, „um die Diskussionen auf unserer Webseite zu begleiten.“ Und nicht nur das, offenbar macht man sich beim kümmerlichen Rest, der von der anspruchsvolleren Tagespresse übrig blieb gar Gedanken darüber, wie mündig die Masse der Rezipienten heutzutage überhaupt noch ist: „Kommentare zu Artikeln auf dem Web sind manchmal sehr „dahingerotzt“, oft wird gar nicht auf den Artikel eingegangen. Die User nutzen die Gelegenheit, um irgendwelchen sonstigen Ballast loszuwerden.“

Lustig auch, dass Caonica im Interview dennoch betonen muss, dass ihm Meinung und Kritik wichtig sei. Er wünscht sich dieser aber künftig wieder in Form des guten alten Leserbriefs (Eine Technik die seit über 100 Jahren praktiziert wird). So ist offensichtlich gewährleistet, dass Inhalte nicht einfach „dahingerotzt“ werden.

(Ich mach hier eine kurze Pause, damit genug Zeit bleibt zum Lachen)

Interessant auch Canonicas Meinung zu Content und Internet: „Ich persönlich bin skeptisch geworden gegenüber den journalistischen Möglichkeiten im Internet. Das Gerede um die Möglichkeiten des Citizen Journalism begreife ich nicht. Wir sollten uns allmählich Gedanken machen, ob es klug ist, qualitativ hochstehende Inhalte kostenlos anzubieten.“

Es geht also bei weitem nicht nur um die Abkehr von Web 2.0, sondern auch darum, ob die breite Masse überhaupt fähig ist, selbst  brauchbaren Inhalt beizusteuern. Das lässt sich auch so interpretieren: Forum, Interaktion und User-Accounts finden sich in Zukunft weiterhin bei 20minuten.ch. Dort tummelt sich der Pöbel, dort hat es Platz für Leute die „Ballast“ loswerden möchten, denn dort verfügt man offenslicht über genug Personal um Debile zu korrigieren.

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3 Antworten zu “dasmagazin.ch – der unmündige User

  1. Dose E.S.K

    Stellt sich auch die Frage ob der „Leserbrief“, so wie wir ihn heute kennen, überhaupt noch einen Nutzen hat. Eine „Diskussion“ kann so nicht mehr statt finden. Der Leserbrief nützt alleine noch der Redaktion – wenn überhaupt. Die Interaktion zwischen Leser und Medium findet nicht mehr statt.

    Stellt sich weiter auch die Frage, ob so etwas in der heutigen Zeit überhaupt noch vertretbar ist. Ist es legitim den Leser auf diese Art und Weise zu entmündigen, per Interview gar noch als Trottel zu beleidigen, sich selbst aber gleichzeitig als „hochestenden Inhaltslieferanten“ zu bezeichnen?

    Selbstverständlich kann jedes Medium selber entscheiden, in welcher Form es Interaktivität zulassen will. Aber gerade ein Medium, dass eine breit angelegte Diskussion anstossen möchte, müsste dafür heute auch die Plattform bieten. Ansonsten hat das Web 2.0 als Demokratisierungskatalysator ausgedient.

  2. Leserbriefe schreiben? Wieso sollte man einer Zeitung qualitativ hochstehenden Content kostenlos zur Verfügung stellen? :->

  3. Pingback: Tom Kummer – The Movie « Hose&Dose

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