Monatsarchiv: Juni 2009

Armin der Grosse, Roger der Schnelle

Eines muss man Roger Schawinski lassen. Er ist schnell, verdammt schnell. Kaum hatte Armin Walpen, Chefdirigent der SRG, SSR, Idée Suisse das Wort Rücktritt ausgesprochen, da stand der Kommentar seines Kontrahenten auch schon online. Ein Narr wer denkt, Schawi hatte diesen „Grabstein“ schon lange vorfabriziert.

Ein Narr übrigens auch, wer glaubt, mit den angekündigten Sparmassnahmen werde das Budget der SRG irgendwann wieder ausgeglichen. Ein Lohn- und Investitionsstop kann die Ausgaben in bestem Fall auf heutigem Niveau halten. Die Schulden verschwinden aber ohne Zustupf nicht – und den wird es in absehbarer Zeit nicht geben. Auch wird die Wirtschaftskrise weiter anhalten. Logisch also, dass Szenario „Priorität 2“ ab 2010/2011 zum Zuge kommt. Auch Szenario „Priorität 3“ dürfte mehr oder weniger beschlossene Sache sein, auch wenn uns jetzt noch nicht ganz klar ist, wie man einen Radiosender wie die DRS-Musikwelle ohne Proteste und Aufgabe der ehrgeizigen DAB-isierungspläne der Schweiz realisieren will.

Hat übrigens jemand bemerkt, dass Szenario „Priorität 2“ bereits die Abschaltung des Jugendsender „Virus“, eine Reduktion der Programme bei HD-Suisse, Wegfall von Sponsoring (u.a. Filmfestival Locarno, Estival Jazz u.a.) sowie eine „publizistische Neuausrichtung der italienischsprachigen Radioprogramme“ vorsieht?

Cara mia.

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Carl Blödmann

Es passiert leider selten, dass ich 20 Minuten nicht unfreiwillig, sondern wirklich komisch finde. Heute aber, unglaublich, war einer dieser Tage. Don Hirsch und Don Huisseling hatten gestern ins Kaufleuten geladen. Der eine präsentierte eine weitere Runde „wie man berühmte Menschen anödet“, der andere durfte sich für eben diese Anöderei (Carli der Grosse) in der Weltwoche revanchieren, was er dann nicht wirklich tat.

Blick feiert Carl Blödmann heute denn auch als „Satiriker“ *hüstel*, der einen geplanten Gag über Xenia auf Anraten seiner Berater *hüstel* fallen liess. Gott, was habe ich dank Blick heute wieder gelernt. Als Satiriker braucht man Berater die Gags aufgrund ihrer Brisanz einstufen, nur weil  etwaige Medienvertreter (und Blogger) im Publikum sitzen.

Aus aktuellem Anlass eine heute viel zitierte Pointe des Neo-Satirikers Blödmann: „Du willst den Leuten Stil, also – wie ihr Berner sagt – „Stiu“ beibringen. Das ist, wie wenn Renzo Blumenthal Brad Pitt sagen würde, wie er Angelina drannehmen soll“. Ein Schenkelklopfer erster Güte und ein harter Schlag in die Eingeweide von Don Huisseling. Für einmal titelt 20 Minuten zu Recht. „Hirschmann warf mit Watte“. Watte, die moderne Duellwaffe der Stadttunte.

Wer so eine Watte mit voller Wucht in die Fresse kassiert, der leidet.  Das erklärt vielleicht auch, warum Blödmann das Wort „Demonstration“ und „1. Mai“ nicht verstanden hat und sich anschliessend wunderte, warum sein Auge tatsächlich blau und nicht etwa nur blau geschminkt war.

Ich will mein Geld zurück! Auch wenn ich als Blogger selbstverständlich keinen Eintritt bezahlen musste.

Ach, ach Ahmadinedschad

Seit heute morgen haben wir also endlich Gewissheit. Der Sprecher des Wächterrats hat bestätigt, was alle schon wussten. Es gab deutlich mehr Stimmzettel als Wähler.

Doch eigentlich kommt es gar nicht mehr auf die Anzahl Stimmen an. Denn der Ayatollah hat sich entschieden, das Machtwort ist gesprochen. Für Ahmadinedschad, die Regierung und den geistlichen Führer gibt es kein Zurück mehr.  Letzten Endes geht es für die Opposition nur noch darum, dieser Dreierallianz die Stirn zu bieten, in der Hoffnung, das ansonsten eher apolitische Iranische Volk lasse sich nicht über den Tisch ziehen.
Die Regierung versucht derweil mit immer drastischeren Mitteln, die Opposition und vor allem die oppositionellen Medien mundtot zu machen. Der Einzige, den man in diesem Gewirr noch reden lässt, ist erstaunlicherweise der Korrespondent des Schweizer Fernsehens, Ulrich Tilgner. Ausgerechnet der Ulrich Tilgner, der soeben seinen Vertrag mit dem ZDF nicht mehr verlängert hat, mit dem Hinweis, er werde von der Redaktion zu sehr zensiert. Mit anderen Worten, von allen kritischen Journalisten lässt die Regierung ausgerechnet jenen Reporter im Land, der schon am Abend des 11. Juni, also am Abend vor der Bekanntgabe des offiziellen Ergebnisses, von Betrug sprach.  Und nicht nur das. Am 12. Juni verurteilte er Ahmadinedschad deutlich schärfer als alle anderen Medien. Und von diesem Konfrontationskurs ist er bis heute nicht abgewichen. Immer noch berichtet er täglich live aus Teheran, in klarer Bild- und Tonqualität. Und das in einer Zeit, da die Opposition längst aufs Internet ausgewichen ist, da Telefon, Print und TV nicht mehr funktionieren.

Irgendwie passt da etwas nicht zusammen. Entweder hat der Ulrich Aktfotos von Ahmadinedschad in seiner Schublade, oder er hat sich bei einem Ayatollah in die Familie eingeheiratet.

Ach – und bevor ichs vergesse: Schön zu sehen, dass Twitter doch noch einen Sinn zu haben scheint.

Wirtschaftskrise+Sparmassnahmen=Preiserhöhung

In den letzten Tagen war es an der journalistischen Front vergleichsweise ruhig. Dafür kommt´s nun um so dicker. Den Anfang machte NZZ-CEO A.P. Stähli mit seiner Ankündigung, man wolle die Abopreise erhöhen und in Sachen Internet zumindest teilweise von „free“ auf „paid“ wechseln. Einerseits muss man vor dieser Entscheidung den Hut ziehen, schliesslich haben wir in den letzten Wochen zur Genüge miterlebt, wie es ist, wenn das Management aus Renditegründen (oder roten Zahlen / siehe NZZ) auf Kosten des Personals spart. Im Falle der NZZ muss jetzt also zuerst einmal der Leser bluten. Soweit ich mich erinnern kann ist das in der aktuellen „es muss noch billiger produziert werden“-Phase ein Novum (Der Bund sei hier ausgenommen, denn dabei handelt es nach dem Zusammenschluss mit dem Tages Anzeiger um eine „neue“ Zeitung, zudem war der Bund vergleichsweise billig). Man darf gespannt sein, wie die Abonnenten auf diese Erhöhung reagieren werden.

Für eine Qualitätszeitung ist dies derzeit aber leider einer der wenigen gangbaren Wege aus der aktuellen Krise. Entweder das, oder man definiert das Redaktionsstatut neu. Eine Massnahme, zu der sich auch der Tages Anzeiger früher oder später genötigt sehen wird, auch wenn mir Jean-Martin Büttner hier widersprechen würde.

Die NZZ ist übrigens nicht die einzige, die etwas gar laut über etwaige Preiserhöhungen nachdenkt. Auch die SRG plant derlei, behauptet zumindest die Weltwoche. Während die NZZ selbständig entscheiden kann, hat der Bundesrat bei der SRG das letzte Wort. Und es dauerte keine 12 Stunden (!), da mischte sich auch schon die SVP ein. Allerdings wäre bei dieser These durchaus Vorsicht angebracht. Die WW hat sich in den letzten Wochen geradezu auf Armin Walpen und die SRG eingeschossen. Sätze wie:

Tatsache ist: Generaldirektor Walpen will die Radio- und TV-Gebühren um fünf Prozent erhöhen. So steht es im Finanzierungsplan, den er am 22. Juni in den SRG-Verwaltungsrat bringen wird.

Klingen zwar plakativ und logisch, entsprechen aber selten der Wahrheit. Walpen ist zwar auch nur ein Mensch, allerdings kein kompletter Vollidiot.

So Long High Knee

Sprache und Schreiben wären allem für sich eine tolle Sache. Journalisten neigen allerdings dazu, ihren Lesern manchmal etwas gar gewagte Konstellationen zu präsentieren. Meistens nimmt man das schulterzuckend hin. In diesem Fall aber machen wir eine Ausnahme.

Jane Fonda verabschiedet sich von ihrem Knie

Allerdings nicht ohne vorher mit ihrem Knie zu dinieren und eine Oper am Broadway zu besuchen. Ganz nach dem Motto: wenn der Text schon dämlich ist, dann darf es auch der Titel sein. A propos Text. Man lese selber:

In einem scherzhaften Eintrag unter dem Titel «So Long Old Knee» – Mach’s gut, altes Knie – schrieb Fonda, dass ihr linkes Kniegelenk herausgesägt werde und an seiner Stelle ein Titanstab und ein Keramikgelenk eingepasst würden.
Ihr altes Knie bezeichnete die 71-Jährige als stark und verlässlich. Es habe sie auf viele Berge und über raues Gelände getragen. Und sie erinnerte sich an ihren früheren Ehemann Roger Vadim, der gerne ihre Knie geküsst habe.
Jane Fonda, zweifache Oscar-Preisträgerin und frühere Aktivistin gegen den Vietnamkrieg, galt in den letzten Jahren dank zahlreicher Aerobic-Videos als Fitness-Queen. Sie spielt nach wie vor in Filmen mit und wirbt für L’Oréal

Und so ganz nebenbei: who cares?

Die Entlassungen enttäuschen die Abonnenten – Leserbriefe und so..

Es ist schön zu sehen, dass doch noch so etwas wie eine „Debatte“ in den Leserbriefspalten des Tages Anzeigers stattfinden kann. Dumm halt, dass es nur noch spärlich geschieht. Mittlerweile ist es wohl aber bereits soweit, dass man froh sein kann, dass so etwas überhaupt passiert.

Da der Tages Anzeiger seine Leserbriefe online nicht zugänglich macht, müssen wir die Debatte hier 1 zu 1 abdrucken. Man merke: Die Leser machen sich sehr wohl Gedanken um ihre Zeitung (TA vom Freitag 12.).

«Die Entlassungen enttäuschen die Abonnenten»

Wohin steuert der Tagi? Als langjähriger Leser bin ich zunehmend verwirrt. Vor drei Jahren hat Tamedia mit Pauken und Trompeten die Regionalstrategie verkündet, jetzt rudert man wieder zurück, lässt aber verlauten, dass die Regionalisierung damit gestärkt werde. Der Verlag baut auf einen Schlag Dutzende von Stellen ab, verspricht aber gleichzeitig, der Tagi werde jetzt «noch besser». In seinen Kommentaren profiliert sich der Tagi durch seine Kritik an rücksichtslosen Managern, nun sickert aber immer mehr durch, wie rücksichtslos Tamedia beim Personalabbau vorgegangen ist. Glaubt Tamedia ernsthaft, sie erhöhe mit solchen Floskeln und Methoden den Ruf des Tagi als unabhängige Qualitätszeitung?
TOBIAS STRAUMANN, ZÜRICH

Existenzielle Bedrohung. Der Tagi begleitet mich seit vielen Jahren, und ich habe der liberalen Kultur des Unternehmens naiv vertraut. Ich nahm die verschiedenen Meinungen und die politischen Auseinandersetzungen der schreibenden Arbeitnehmenden mit Zufriedenheit zur Kenntnis und nahm an, dass die obersten Chefs und Besitzer der Zeitung menschlich ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auch bei einmal auftretenden Schwierigkeiten nicht gleich fortschicken würden, so wie andere Unternehmen dies tun. Dem ist leider nicht so. Es wurde echt treuen und engagierten Journalisten und Journalistinnen, die über Jahre die Qualität der Zeitung erfolgreich geprägt und gewinnbringend aufrechterhalten haben, gekündigt. Es seien finanzielle Gründe, die die Entscheidungsträger zu diesem notwendigen Entschluss gedrängt hätten. Ein für viele sehr schmerzhafter Entschluss, weil Kündigungen verletzen und unwiderruflich sind und weil diese für die Journalisten und Journalistinnen des «Tages-Anzeigers» echt und nicht scheinbar existenziell bedrohlich sind. Die zahlreichen Entlassungen enttäuschen die Abonnenten und Abonnentinnen. Wer will denn nun den «Tages-Anzeiger» noch vor der Haustür oder im Briefkasten?
GERDA STILLI, ZÜRICH

Verstümmelung von Ressorts. Die wirtschaftliche Situation des Tagi sei so schlecht, dass rigoros gespart und auch bei der Redaktion «abgebaut» werden müsse, liess Tamedia die Öffentlichkeit vor einigen Wochen wissen. Mit der Entlassung von rund einem Viertel der Redaktion werden aber nicht nur Kosten vermindert, sondern auch journalistische Leistungen abgebaut.
Damit verspielen Herausgeberschaft und Chefredaktion das eigentliche Kapital ihrer Zeitung – sie opfern über lange Jahre aufgebaute journalistische Kompetenz und Glaubwürdigkeit auf dem Altar der Wirtschaftlichkeit. Besonders die Entlassungen von Auslandskorrespondenten und in den Bereichen Kultur sowie Wissen und Leben kommen einer regelrechten Verstümmelung dieser Ressorts gleich. Dabei scheinen die Verantwortlichen aus dem Blick zu verlieren, dass es die kompetente Berichterstattung, Analyse und Kommentierung vielfältiger Themen sind, die LeserInnen an ihre Zeitung binden. Streichen sie diese zusammen, geht der wichtigste Anreiz verloren, den Tagi weiterhin zu abonnieren. Ich werde mir jedenfalls sehr gut überlegen, ob sich mein Abo weiterhin lohnt.
STEFAN SANDMEIER, WINTERTHUR

Alles nur Image? Der «Tages-Anzeiger» profiliert sich mit Anprangerungen von Ungerechtigkeiten und Gesetzesverstössen der Mächtigen zu Lasten des einzelnen machtlosen Bürgers. Mit diesen medialen Stellungnahmen zugunsten der Schwächeren hat sich der «Tages-Anzeiger» ein linksliberales Image erworben, verstärkt nun auch durch den Beizug von Res Strehle als Chefredaktor, auch er bekannt durch soziale Positionierungen. Wenn man nun aber hört, wie mit den verdienten Mitarbeitern umgesprungen wurde, stellt man mit Empörung fest, dass dem äusseren Schein kein echtes inneres Engagement zugrunde liegt, dass die Feigenblätter und der Lack abblättern. 32 Millionen Franken für die Aktionäre einerseits, Massenentlassungen mit entsprechenden Folgen für die einzelnen Arbeitnehmer andererseits.
Daniel Suter, bald 60-jährig, seit 22 Jahren beim «Tages-Anzeiger», bekannt unter anderem durch seine klugen, kritischen Kolumnen, wird als Präsident der Personalkommission entlassen, ohne ein Wort des Dankes, ohne Angebot einer Frühpensionierung. Es ist offensichtlich, dass sein Engagement als Personalvertreter für die Rechte der Belegschaft bestraft werden musste, zwei Tage nach seiner öffentlichen Kritik an den Tamedia-Verantwortlichen.
URSULA KOHLBACHER, ZÜRICH

Gewinnstreben. Angesichts der Massenentlassung in der Redaktion des «Tages-Anzeigers» machen folgende Gedanken von Paul Parin sehr nachdenklich und ohnmächtig. Als Leser empfinde ich es besonders stossend, dass sich die Unternehmensleitung meines Hausblatts sich in exorbitanter Weise dem Gewinnstreben verschrieben hat und mit einer übereilten Hauruckaktion die Glaubwürdigkeit des «Tages-Anzeigers» aufs Spiel setzt. Paul Parin äussert sich zum Thema Macht und Medien in der jüngsten Ausgabe des «Tages-Anzeiger-Magazins» vom Samstag, 30. Mai. Ihm schwebt dabei eine Institution vor, die den Mächtigen wieder die Macht entzieht. Laut Parin sollten eigentlich die Medien diese Rolle übernehmen. Diese seien jedoch selber süchtig nach der Macht. Hm, wie wahr, wenn man sich die jüngsten Ereignisse im Hause Tamedia vor Augen führt.
SONYA ZÜND, ZÜRICH

Quid pro quo

Schön, dass endlich auch einmal eine Gewerkschafterin der Meinung ist, dass Verhalten der TA-Media sei einer Demokratie unwürdig. Nichts Bahnbrechendes. Aber immerhin. Erstaunlich allerdings, wie sich der Verlag immer wieder rauszuwinden versucht.

Wir haben einen Drittel unserer Leser verloren. Es ist daher verständlich, dass wir auch die Redaktion restrukturieren mussten“ – um einen Drittel, wohlgemerkt.

Quid pro quo.