Tagesarchiv: 19/05/2009

Eidg. geprüfte Linkschleuder

Irgendwie sterben derzeit alle, die mal was zu sagen hatten. Und diejenigen die noch leben, versteht man erst gar nicht.

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Hessen desavouiert die NZZ

Eine merkwürdige Posse spielt sich derzeit im Kulturteil der Neuen Zürcher Zeitung ab. Dabei geht es um die Verleihung des Hessischen Kulturpreises, beziehungsweise um dessen Widerrufung.

Im Zentrum steht ein Artikel von Navid Kermani, der am 14. März in der NZZ erschienen ist. Der Text des muslimischen Schriftstellers beschäftigt sich mit dem Symbol der Kreuzigung Jesu und stellt diesen Symbolismus in ein kritisches Licht. Dabei zeigt ausgerechnet der HK-Preis, der in diesem Jahr für Religion, Verständigung und Toleranz stehen sollte, dass es mit der viel beschworenen Toleranz nicht weit her ist. Nebst Kermani haben auch noch der Mainzer Bischof und der Präsident des Zentralrats der deutschen Juden den Preis erhalten. Die beiden weigerten sich aber aufgrund des NZZ-Textes an einer gemeinsamen Preisverleihung teilzunehmen. Die Verleihung wurde vertagt, die Auszeichnung Kermani vorerst aberkannt. Siehe dazu auch eine Notiz in der ZEIT.

NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann schreibt in diesem Zusammenhang von „Besorgnis und Verwunderung der publizistischen Leitung“ der NZZ, von „Desavouierung und Beschädigung des Ansehens“. Harte aber wahre Worte der Schweiz an das Deutsche Komitee.

Zwar will das Komitee mittlerweile wieder mit allen Beteiligten an einen runden Tisch sitzen, doch der Schaden lässt sich nicht mehr beheben. Wenn Spillmann von „Irritation“ schreibt, dann ist dies noch Milde ausgedrückt. Es kann nicht sein, dass wir uns darüber aufregen, dass Mohammed-Karrikaturen zu Protesten in der islamischen Welt führen, dass wir dies verurteilen und Meinungsfreiheit geltend machen, gleichzeitig aber den religiösen Dialog nur dem Schein nach tolerieren und führen.

Eine junge Qualitätszeitung für die Schweiz

Es gibt Tage an denen ich mich fürchterlich nerve, dass ich Holländer zwar mag, aber nicht verstehe.
In der Aargauer Zeitung verweist Medienredaktor Oliver Baumann heute auf eine Medienbeilage der belgischen Tageszeitung „De Morgen“, die sich mit Erfolgsmodellen im Zeitungsbusiness auseinandersetzt. Mir gefallen solche Geschichten unheimlich gut. Nicht nur weil sie zeigen, dass eine Krise auch eine Chance sein kann. Sondern eben gerade auch weil sie beweisen, dass es nie schaden kann, eigene Wege zu gehen, sich seine eigenen Gedanken zu machen und es sich lohnt mutig und unkonventionell zu sein.

Nebst den üblichen Verdächtigen wie Wall Street Journal, USA Today oder Guardian erwähnt Baumann auch einen Ableger des NRC Handelsblat, das „NRC Next“. Das NRC versteht sich heute als holländische Qualitätszeitung. Mit einer Auflage von etwas über 200´000 beschäftigt die Abendzeitung (!) immerhin noch etwas über 20 feste Korrespondenten, was gemessen an der Grösse des Landes und der Distribution des Blattes tatsächlich ein Spitzenwert ist.

Das NRC Next ist ein kleiner „junger“ Ableger des NRC. Inhaltlich übernimmt das Next einen Teil des Handelsblat, rund 20 Redakteure beschäftigen sich aber speziell mit zielpublikumsrelevanten Inhalten. Quasi so, wie wenn es eine „junge“ NZZ gäbe, für Studenten, Berufseinsteiger und Junggebliebene mit Fokus auf Politik, Wirtschaft, Karriere und Lifestyle. Die Zeitung schreibt nach Baumann bereits heute, zwei Jahre nach ihrer Einführung schwarze Zahlen. Die Auflage beträgt knapp 65´000 Stück. Das, so denke ich, müsste auch in der Schweiz machbar sein. Eigentlich müsste man den Mut haben, sich eine solche Projektskizze auszudenken und damit bei TA-Media oder NZZ anzuklopfen. Ich würde so etwas sofort kaufen.

Wikipedia gibt leider nicht viel her und mein holländisch hält sich in Grenzen. Der Blog zumindest sieht toll aus und ich würde eine Menge dafür geben, zu verstehen was da geschrieben steht. Ich glaub, ich verbringe meine nächsten Ferien in Rotterdam.