Tagesarchiv: 18/05/2009

Kritik: das rare Gut

Der Biometrische Pass teilt die Schweiz. Und zwar ziemlich genau in der Mitte. Im Kanton Glarus fiel die Entscheidung mit gerade mal fünf Stimmen unterschied. Für einmal gilt tatsächlich: Jede einzelne Stimme hätte gezählt. Alle zu Hause gebliebenen müssen sich deshalb den Vorwurf gefallen lassen, dass sie dieses Resultat deutlich mit verschuldet haben. Ein Zürcher Agglobezirk alleine hätte ausgereicht, um die Zahl zu drehen.

Fakt ist: der biometrische Pass beschäftigt die Schweiz. Auch in Blogs wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass die Informationsleistung seitens Medien und Bund mehr als mangelhaft war. Das Resultat ist daher auch als „Chaos“ zu deuten. Eine klare Meinungsbildung war für viele Menschen schlicht weg zu aufwändig. Kaum einer wusste, welche Regeln Schengen vorschreibt, was der biometrische Pass eigentlich für Daten speichert und welche Möglichkeiten diese Datenspeicherung bietet, bieten darf und nicht bieten kann. Spätestens heute wäre es darum an den Medien gewesen, Bund und Parlament für die Desinformationspolitik, der die Journalisten teilweise selbst unterlagen, zu rügen. Ausser der NZZ und der Aargauer Zeitung, die deutlich darauf hinweisen, tut das in der Deutschschweiz aber niemand. Alleine die Romandie protesiert mit Le Temps, Tribune, 24 Heures und Liberté geschlossen. Was also ist mit der kritischen Medienberichterstattung in der Deutschschweiz geschehen?

Am deutlichsten wird die Misere ausgerechnet beim Blick. Die Zeitung, die sich einst für „die Anliegen und Bedürfnisse der kleinen Leute“ einsetzte, erwähnt die Abstimmung auf der Titelseite mit keinem Wort. Stattdessen rollt die Boulevardzeitung eine Geschichte auf, die bereits Anfang letzter Woche in der Romandie erschien und in verschiedenen Deutschschweizer Blogs bereits für heftige Diskussionen sorgte. Ohne neue Informationen, ohne zusätzliche Inhalte oder Service. Es ist einfach nur ein billig abgekupferter Inhalt einer tragischen Geschichte, die zeigt, wie schlecht und unsorgfältig Initiativ-Texte manchmal durchdacht sind (was im Text aber leider nicht erwähnt wird).

Die Aktualität findet sich dann übrigens auf Seite 11. Klein, unwichtig und kaum beachtenswert. Genau so unreflektiert und undurchdacht übrigens wie mancher Initiativtext.

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Mediale Zukunft: „Tages Bund Zeitungs Anzeiger“

Wie könnte die mediale Zukunft dereinst aussehen? Wie fühlt sich das morgen an, wenn drei grosse Zeitungen demselben Verlag gehören? Steht dann überall auch dasselbe drinn? „Nein“ sagt die Ta-Media. Man bekenne sich zur Qualität und zur Eigenständigkeit der einzelnen (Regional-) Redaktionen. In Tat und Wahrheit kann man aber bereits jetzt beobachten, wie sich ein Meinungsmonopol auswirken kann.

Die Sportberichterstattung bei Bund und Berner Zeitung ist schon seit längerem identisch. Das heisst: die Bundredaktion verfügt über keine eigene Sportredaktion mehr, sehr wohl aber Tages Anzeiger und Berner Zeitung. Und trotzdem teilen sich alle drei Zeitungen schon jetzt die gleichen Texte und Autoren. Wer heute beispielsweise nach Meinungen und Berichterstattung zu Roger Federers grossem Sieg in Madrid sucht, findet dreimal denselben Text von René Stauffer als Aufmacher im Sportbund – bei Tages Anzeiger, Berner Zeitung und Bund. Solche Dinge sind Anzeichen für das, was uns dereinst erwartet. Nicht nur bei Zeitungsverlagen sondern auch beim Schweizer Fernsehen und Radio DRS. Bei der SRG nennt sich dieser Prozess Konvergenz, bei der Ta-Media Kostenoptimierung, Effizienzsteigerung und Regionalisierung. De Fakto aber bedeutet dies, das immer weniger Journalisten immer mehr Macht in die Hände fällt. Die Produkte tragen verschiedene Namen, aber die Inhalte gleichen sich an.

Konvergenz führt in diesem Sinne zu einer Scheinvielfalt. Die Zeitungen als „Berner Zeitung“ und „Bund“ und „Tages Anzeiger“ anzubieten ist eigentlich Betrug. Sie mögen anders heissen, auf kurz oder lang aber sind sie bis auf den Regionalteil und Textlänge bzw. Bilderauswahl deckungsgleich. Derselbe Prozess gilt auch für die Informations- und Kulturangebote der SRG. Dagegen lässt sich einwenden, es gäbe in der Schweiz sowieso zu viele Journalisten und Medienerzeugnisse. Diese Argumentation ist zulässig, wenn man grosse Meinungsvielfalt und hohe Divergenz als lästig  oder überflüssig empfindet, aber die Frage stellt sich trotzdem: Warum fusionieren die Verlage ihre Blätter nicht zu einer einzigen Zeitung mit individuellen Regionalteilen?