Der Apple fällt nicht weit vom Werbestamm

Ich bin durchaus empfänglich für Humor. Ich lache gerne mal, wenn jemand einen lustigen Witz erzählt. Manchmal lache ich auch nur aus Höflichkeit. In Ausnahmefällen gar aus Mitleid. Nur in seltenen Fällen bleibt mir das Lachen im Hals stecken. Zum Beispiel dann, wenn eine Geschichte wie eine satirische Abhandlung beginnt, später aber in bitterem Ernst endet.

Thomas Zaugg hat so eine Geschichte geschrieben. Eine dieser Storys, die nach Zynik klingen, zumindest im ersten Abschnitt. Beim Weiterlesen aber dreht die Häme in bedingungslosen, unreflektierten Zuspruch. Dem Leser wird klar, da war keine Zynik, keine Häme. Das war bitterer ernst. Selten, aber wirklich selten habe ich eine ungeniertere Publireportage gelesen. Eine Reportage, die nicht nur Adresse, Öffnungsdatum und Inventar zu ikonischen Ereignissen stilisiert, sondern auch das Angebot inklusive Preise anbetet.

Er wird gross, ganz gross, sagt die Apple-Pressechefin Schweiz, er wird zwei Etagen haben und fast siebzig Jobs schaffen. Er wird eine grosse «Genius Bar» haben, wo Apple-Profis fast jedes Apple-Problem lösen, und zwar gratis. Es wird Workshops zu Apple-Produkten geben, und auch die kosten nichts. Und Personal-Shopping wird angeboten, das heisst, der Kunde wird persönlich beraten.
Das Store-Erlebnis solle ein Fünfsternehotel-Erlebnis sein, sagt Steve Cano, Senior Director Apple Retail International, am Telefon.
Apple erwartet ein Grossereignis. Erwartet, wie in allen Stores, einen «Switcher»-Ansturm, Heimatlose, die von PC auf Mac wechseln. Erwartet, dass Macianer, wie einstmals in Genf, campieren werden vor der Eröffnung. Glaubt man Steve Cano, so wird Zürich nach dem 22. Mai nicht mehr dasselbe sein. Die Bahnhofstrasse, ein Pilgerweg? Zweifler, schweigt und lest weiter.

Ich hoffe, Apple ist wenigstens so dankbar und ernennt Zaugg zum ersten offiziellen Mitarbeiter des Monats. Schön mit Foto über der Apple-Eingangspforte, dem begehrten Zutritt zum  beschworenen Paradis.

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5 Antworten zu “Der Apple fällt nicht weit vom Werbestamm

  1. Nachdem Apple schon lange über den Göttern in weiss stand

    An apple a day
    keeps the doctor away.

    sind sie nun endgültig auf gleicher Höhe mit Gott.

  2. ich kenne weniger peinliche Peinlichkeiten als normalerweise zurechnungsfähige Menschen, die ihre Identität mit dem Besitz angesagter Produkte oder dem Besuch angesagter Beizen stützen.
    Es ist irgendwie wie Mundgeruch: Es ist schwierig, mit den Betroffenen darüber zu reden, ohne dass es weh tut. Und doch wäre es ein echter Freundesdienst.
    Zaugg, übrigens, gehört nicht zur Eingangs erwähnten Kategorie. Er ist in einer anderen, über die ich jetzt hier nicht herziehen will, es wäre schade um das schöne Wetter draussen.

  3. Vielleicht hat Apple dann doch nicht so viel Freude an Zauggs (PR-)Text. Den der Store öffnet nicht am Samstag, dem 22. Mai (wie es im „Magazin“ steht), sondern offenbar bereits am Freitag, dem 22. Mai (so steht es im „Tagi“ vom Samstag, auf der Leserbriefseite, in einem Korrigendum).

    Aber was solls…

  4. Peter Haberstich

    Vielleicht habt ihr auch einfach die Ironie des Ganzen nicht verstanden, ich mutmasse: Zaugg schreibt mit Nitetsche, Nichts ist wahr, Alles ist erlaubt. Also auch das Eröffnungsdatum falsch zu schreiben… Aber das wäre allerdings eine sehr ausgeklügelte Ironie.

  5. Dose E.S.K

    Vielleicht. Vielleicht sind wir einfach nur zu dumm, um diesen versierten Text zu verstehen.

    Vielleicht war´s aber nur ein missratener Versuch komisch zu sein. Das kann jedem Mal passieren. Auch Nietzsche, übrigens.

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