Tagesarchiv: 13/05/2009

Ueli der Tyrann

Gestern noch haben wir uns über die Druckversuche seitens der Verleger und Chefredakteure beschwert. Heute wurde uns nun von einem Informanten beim Schweizer Fernsehen folgendes brisante Dokument zugespielt. Es handelt sich dabei um einen hoch geheimen Blickartikel aus der gestrigen Ausgabe, der so geheim ist, dass er online leider nicht zugänglich ist. Aus diesem Grund haben wir uns nach intensiven Diskussionen entschlossen, die Klageschrift in ungekürzter Länge zu veröffentlichen:

Am Donnerstag muss TV-Chef Ueli Haldimann wieder mal vor Gericht antraben. Die Direktorin stellt sich hinter ihn.

Erst letzte Woche hat das Zürcher Obergericht das Strafmass für den verurteilten SF-Chefredaktor neu festgelegt. Jetzt steht Ueli Haldimann erneut vor dem Strafrichter – diesmal am Zürcher Bezirksgericht. Dort geht es um Aufnahmen mit versteckter Kamera 2007 in der Praxis von Schönheitschirurg Peter Meyer-Fürst (72). Haldimann begründete die Aufnahmen damit, man habe ja gesehen, wie der Arzt «sieben Mal an den Brüsten herumtöpelt». Auch im Fall einer Verurteilung stehe er als Chefredaktor «nicht zur Diskussion», sagte SF-Direktorin Ingrid Deltenre in der «SonntagsZeitung» (SoZ).
Trotzdem gibt Haldimann immer mehr zu reden – auch bei SF. Sein Problem sei, dass er «seine gerechte Sache mit publizistischen Grundgesetzen verwechsle», so ein Ex-Kadermitglied. Anders gesagt: Weil er Meyer-Fürst für einen «Grüsel» hält, rechtfertigt das für ihn den Einsatz der versteckten Kamera.

Haldimann stolperte schon früher über sein persönliches politisches Gewissen, was zu Patzern führte. So musste er sich 1996 als Chefredaktor der SoZ bei Bankier Hans Vontobel entschuldigen, nachdem ihm das Blatt vorgeworfen hatte, er habe sich mit Stasi-Leuten getroffen. Als Haldimann 1997 seinen Chefposten bei der SoZ «zur Verfügung stellte», war es ähnlich: Ein falsches Blocher-Zitat hatte diesen in den Dunstkreis von Rechtsextremen gestellt.
2002 wird Haldimann Chefredaktor beim Schweizer Fernsehen. Da zeigt sich noch ein Problem: Er ist verschlossen, technokratisch und nicht kritikfähig. « Haldimann betreibt ein Management by closed door – er löst Probleme am liebsten schriftlich», sagt ein News-Mann.
2006 verknurrt ihn das Bundesgericht gericht wegen eines «Kassensturz»-Beitrags dazu, für eine Privatschule Gratiswerbung in der Höhe von 400 000 Franken zu schalten. Er muss sich für ein Interview mit SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli vor dem ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald entschuldigen. Ebenso für die «Abhöraffäre» mit dem «verwanzten» Toni Brunner.

Die Fehler sieht er kaum bei sich – aber oft bei seinen Mitarbeitern. Die massregelt er gern in seinem Newsletter oder in seinem Blog auf der SF-Homepage. Als ein Reporter nach der Bundesrats-Nomination ein aggressives Interview mit Maurer und Blocher führt, kanzelt er ihn öffentlich im Blog ab.

Der scheue Chef, der immer seltener am TV kommentiert, gibt sich im Blog angriffig: Als es 2006 darum geht, dass SF-Mitarbeiter mit 62 pensioniert werden sollen, giftelt er: «Am liebsten würden wir die Zusammenarbeit mit allen (oder sagen wir fast allen) weiterführen.»
Bleibt für Haldimann zu hoffen, dass das auch für ihn selber gilt, auch wenn er erst 55 ist. Diese Woche wird es enger für ihn.

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Arbeit ist nicht Arbeit – Die Basler Zeitung

Da die Redaktion der hosenindosenmedia.corp Wert auf faire und ausgeglichene Berichterstattung legt, möchten wir für einmal den Blick von Zürich abwenden und uns auf Minderheitsmedien konzentrieren. Minderheitsmedien werden von Redaktionen produziert, die nur einen einzigen Kanton oder einen Teil eines Kantons regelmässig mit Inhalten versorgen und selbst in diesem kleinen Gebiet von der Konkurrenz bedroht sind.
Minderheitsmedien sind neu auch Redaktionen mit nationalem Anspruch, die durch Rationalisierungsprozesse derart klein geschrumpft wurden, dass sie selbst in ihrem Kerngebiet von einst unbedeutenden Konkurrenten bedroht werden.

Die Basler Zeitung war mal ein tolles Blatt. Gute Journalisten, relevante Themen, Primeure und eine eigene Meinung. Man hat diese Zeitung gerne gelesen. Mehr noch, man musste sie lesen, wenn man mitreden wollte. Heute ist die BaZ nicht nur klar der Basellandschaftlichen Zeitung unterlegen, die aus dem Fundus der MZ schöpfen darf und sich dadurch auf ihre lokale Verankerung besinnen kann, die BaZ schafft es auch nicht mehr, den Stadtbaslern das Gefühl zu geben, ein Stadtmedium zu sein. Die Stadt Basel spielt thematisch und politisch kaum mehr eine Rolle, der Regionalteil besteht zu einem grossen Teil aus Publireportagen und getarnten Werbeaufträgen. Ein Blick in die herrschaftlichen und stolzen Redaktionsräume bestätigt, was die Zeitung verspricht: Wo früher einst hektisches Treiben herrschte, gähnt heute Leere.

Auch inhaltlich geht es abwärts. Die meisten Artikel sind eingekauft, was selbst zusammen gekürzt wird, ist oft falsch und unvollständig. So schreibt die Baz heute auf der Kehrseite:

Coxon (40) Blur-Gitarrist, ist gegen Arbeit allergisch. Die Comeback-Konzerte seiner Band und die Veröffentlichung seines Soloalbums dürften ihm etwas schwer gefallen sein. Der viel beschäftigte Gitarrist soll nun zugegeben haben, dass er Arbeit eigentlich nicht vertrage. Eines Tages möchte er lieber Schuhe herstellen, schreibt das Boulevardblatt „the Sun“. Mit „The Spinning Top“ hat Cox on bereits sein siebtes Soloalbum veröffentlicht.

Man merke: Schuhe herstellen ist offenbar keine Arbeit. Es sind kleine Logikfehler, die einem schon beim ersten Durchlesen auffallen. Solche Dinge lassen einen etwas ratlos zurück. Es liegt nicht daran, dass Journalisten dümmer werden oder früher alles besser war. Das stimmt nicht. Es hängt mit dem Anspruch zusammen, welche Verleger und Chefredaktoren nach innen und aussen kolportieren. Dieses „immer und überall“ mitreden wollen. Manchmal wäre weniger etwas mehr, solange dieses Wenige richtig gemacht wäre.

Als einst sturer Gegner der MZ und deren Einstieg bei der Basellandschaftlichen Zeitung muss ich heute zugeben: Die Übernahme war gut und ist geglückt. Ich ziehe meinen Hut. Der Basler, der heute etwas über seine Stadt wissen will, liest den einst so belächelten BZ-MZ-Split.