Warum Amazon die Zeitung retten könnte

Die Ereignisse der letzten Tage zeichnen ein deutliches Bild vom Ernst der Lage. Die neue Luzerner Zeitung entlässt Angestellte, .CH wurde per sofort eingestellt und auch beim Tages Anzeiger verdunkelt sich der Himmel. Es wäre also an der Zeit für neue Ideen.

Gestern hat Amazon die 3. Generation des Kinddle’s vorgstellt, eine Art „iPod“ für Bücher. Dank speziellem Bildschirm ermüdet das Auge beim Lesen nicht so schnell wie sonst am Computerbildschirm und dank WLAN-Schnittstelle lassen sich laut Herstellerangaben innerhalb von 60 Sekunden ganze Bücher auf den Client laden. Es geht in diesem Blogeintrag nicht darum das plumpe Lied des „so wird die Zeitung gerettet“ zu singen. Das würde auch nicht stimmen.

Kritik zum neuen „DX“, wie der Kinddle der 3. Generation heisst, wurde bereits von mehreren Seiten geäussert. Und die klingt durchaus einleuchtend. Der DX sei lediglich ein weiterer, sauteurer Schuss in den Ofen. Zu gross, zu umständlich und zu unbrauchbar sei die Maschine, um sich als Massenmedium durchzusetzen. Die Tatsache, dass Titel wie die NY-Times den Kinddle bereits verbilligt mit Abo verhökern und diverse US-Universitäten den portablen Client als wieder verwendbaren Reader einführen wollen, sei lediglich Makulatur.

Das mag alles stimmen. Und auch ich zweifle daran, dass der Kinddle die Zeitungen retten könnte. Denn mittlerweile geht es der Zeitungsbranche so schlecht, dass die Frage des „was die Zeitung“ retten wird, gar nicht mehr erst gestellt werden muss. Vielmehr kommt es derzeit nur noch darauf an „dass man etwas tut“. Und hier setzt Amazon an.

Logistik, Herstellung und Vetrieb machen einen grossteil der Kosten einer Zeitung aus. Die journalistische Handarbeit bleibt dabei ein Faktor, allerdings nur einer unter mehreren. Dass man bei Vertrieb und Logistik nicht mehr gross sparen kann, ausser man kürzt die Löhne der Verteiler, zeigen die Diskussionen der letzten Woche. Bleibt in Zeiten von Google-News also nur noch die Möglichkeit, das allgemein zugängliche Gut an Information zu nutzen, seine eigenen Ressourcen zu eliminieren und damit zur Kannibalisierung der Medien beizutragen.

Dabei gäbe es viel logischere und weitsichtigere Fragen, die man sich als Verleger heute stellen müsste: Welche (technische) Rahmenbedingungen müssen gegeben sein, damit der Verleger sich besser auf sein Kerngeschäft (Qualität, Journalismus, Werbung, Leserzahlen) konzentieren kann?
Und weiter: Welche (technischen) Rahmenbedingungen müssen gegeben sein, damit journalistische Inhalt beim mobilen Konsum durch den Rezipienten nicht schon „überholt“ sind?

Amazon denkt hier mit der Digitalisierung und Zentralisierung von Informationsangeboten als Portal in die richtige Richtung, auch wenn damit ein ganzer Industriezweig (Druck/Vertrieb/Papierindustrie) kannibalisiert wird. Tatsache aber ist: Papier ist überholt. Informationstransport per Auto und Zug ist überholt. Disketten sind überholt und CDs sind überholt. Nicht nur aus umwelttechnischen Gründen, auch sonst. Zu umständlich, zu immobil, zu wenig Platz, zu unrentabel. Jede Art Information die nicht innert Sekunden mutierbar ist, hat heute gegen das Internet keine Chance mehr. Information muss variabel, sprich aktuell verfügbar sein.

Hätte ein Verleger auch nur noch den leisesten Hauch von Pioniergeist, würde er in diese Richtung denken. Nur wenn genügend brauchbare Ideen vorhanden sind, wird sich ein System/Produkt als Massenmedium durchsetzen. Apple hat den MP3-Player schliesslich nicht erfunden – nur weiterentwickelt.

 

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8 Antworten zu “Warum Amazon die Zeitung retten könnte

  1. Pingback: Wunschdenken « Im Fluss

  2. Es ist alles eine Frage der Zeitung.

  3. @fahnenflüchtling: Es ist nicht nur eine Frage der Zeitung. Ich sehne mich schon lange nach einem Formatnachfolger des klassischen Printmediums. Wenn die Bildschirme noch resistenter gegen Sonnenlicht werden, dann brauche auch ich kein Papier mehr. D.h. aber nicht, dass ich mir kein Buch oder Heft mehr kaufen werde. Ich würde mir einfach nur noch die Erzeugnisse posten, deren Einbände oder Covers so schön und ansprechend gestaltet sind, dass man es einfach in der analogen Form haben muss. Alles Andere braucht nicht mehr in einer Technologieform aus dem späten Mittelalter daherzukommen. Zu obsolet IMHO.

  4. Dose E.S.K

    Ich halte Papier für eine schöne Sache. Aber Papier hat künftig lediglich nostalgischen und ideellen Wert, als Informationsspeicher hat es zu offensichtliche Defizite. Darauf weist auch der Text hin.

    Ich bin wie Nasse auf der Suche nach einem „Formatnachfolger“, wenn man so will. Und ich will nicht nur einen Formatnachfolger, ich will auch formal freier werden. Sprich bspw: Front NZZ, Inland TA, Regional MZ, Wirtschaft Int. Washington Post etc. Das wäre durchaus machbar und zahlbar, siehe Amazon.

    Die Reaktion (z.B. Ringier) der Verleger ist momentan lediglich eine verzweifelte Flucht in eine unprodutkive Stur- und Blindheit, die letzten Endes zum Nachteil der Journalisten gereicht.

    @fahnenfluechlting: Zu glauben es gäbe eine „Zeitung“, die unter den gegebenen strukturellen Umständen erfolgreich sein könnte, ist vielleicht für Nischenprodukte möglich, alles andere wäre naiv und ist ein typischer, gar häufig gebrauchter Zufluchtsort altgedienter Verleger, welche die technische und gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahre zu lange vernachlässigt haben und ihre Zeit bis zum Verkauf oder der Pensionierung mit nostalgischen Tagträumen zu überbrücken suchen.

  5. @nasse: „Ich würde mir einfach nur noch die Erzeugnisse posten, deren Einbände oder Covers so schön und ansprechend gestaltet sind, dass man es einfach in der analogen Form haben muss.“ Würde der gewünschte Formatnachfolger nicht auch diese Erzeugnise verdrängen?

    Ausser man schaltet Anzeigen in Bücher wie das Jeff Jarvis fordert.

    @Dose E.S.K: Nun dann bin ich ein nostalgischer Tagträumer. Doch ich glaube nicht, dass ich den Tag erleben werde, an dem es keine Print-Zeitung mehr in der Schweiz gibt.

    Womit soll ich sonst meine nassen Schuhe ausstopfen? womit ein Feuer machen? mich auf dem Fahrrad vor Wind schützen? mich im Kaffee vor Nervensägen verstecken? mein Hintern vor der Nässe schützen? :o)

  6. @fahnenflüchtling: Was schön genug ist wird immer Käufer finden. Trotz iPod wird immer noch Vinyl hergestellt und verkauft, so wird das beim Papier auch sein. Und so lange Leute wie unsere liebe Aga T. Bücher nur wegen des Covers und ohne den Inhalt zu kennen kaufen ist die Welt in Ordnung.

    @Dose: viel Glück bei der Suche für einen Formatnachfolger, ich freue mich über Tipps und würde mich im Falle der Findung auch kurz melden…

  7. Die vielen Vorteile die fahnenfluechtling da noch anbringt halte ich für durchaus stichfest. ich jedenfalls lasse mir nicht einreden, dass das Medium Papier unaufhörlich seinem Ende entgegensteuert, sondern bin überzeugt, dass die Bereitschaft der Menschen, Elektronikschnickschnack mit sich herumzutragen auch irgendwo seine Grenzen hat. Nicht umsonst werden doch schon MP3-Player, Organizer, Handy etc. immermehr zu einem Gerät zusammengefasst. Ich glaube kaum, dass sich amazon einen sehr großen Gefallen mit der Partnerschaft am Kindle tut.

  8. Bin auch wirklich gespannt, ob Amazon damit wirklich Fuss fassen kann. Ich bin selbst kein Freund davon und denke auch, dass das ein Reinfall wird. Aber man wird sehen. Ich lasse mich gerne einmal überraschen.

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