Tagesarchiv: 15/04/2009

Erfolgreich Themen setzen

(Begrüssung)

Es freut mich, dass ihr so zahlreich erschienen seid (blabla). Heute gehen wir folgender Frage nach: Was sind relevante Themen? Und was macht eine „gute“ Geschichte aus?

Ich habe euch darum zwei Beispiele mitgebracht. Das eine stammt aus der Hauptstadt, das andere aus der innoffiziellen Hauptstadt, erschienen sind sie in der Berner Zeitung und im Tages Anzeiger, jeweils im Regionalteil.

(Kurz ausholen). Der Regionalteil ist die Grundmauer einer jeden Regionalzeitung. Hier ist das Papier dem Internet und den nationalen Agenturen immer noch weit überlegen. Mit eigenen Geschichten und eigenem Dreh wird das Publikum erfolgreich bei Laune gehalten. Dazu gehört auch, dass Redaktoren ein „Gespür“ für die Bedürfnisse der Leserschaft zu entwickeln beginnen. Fast jede Zeitung in der Schweiz verfügt über mindestens ein regionales Journalistenurgestein, über diese eine Schreiberin oder diesen einen Schreiber, der seit Jahren das gleiche Ressort beackert und um keinen Preis in eine andere Redaktion wechseln möchte.

(Hauptteil Referat) Kommen wir also auf unsere zwei Beispiele zurück (blabla). In der Berner Zeitung machte sich Tobias Habegger Gedanken über „Das Schweizer Hauptstadt-Problem: Gratis-WC verzweifelt gesucht„. Sicherlich, wir alle kennen dieses Problem. Allerdings habe ich bis jetzt noch niemanden getroffen, der einen Plan in der Tasche hatte, auf dem das nächste WC eingezeichnet war. Wieso auch? Zum Pinkeln geht Frau einfach ins nächste Restaurant. Dass deren Besitzer oft protestieren, ist auch nix neues. Der Ansatz des Artikels ist zwar kreativ, das alleine macht aber noch keine gute Regional-Geschichte aus. Über fehlende WCs hat sich meines Wissens in Bern bisher noch niemand nachhaltig beschwert.

Im Tages Anzeiger machte sich gleichentags Liliane Minor Gedanken zu „Parks oder Luxuswohnungen: Gezänk um Grundstücke am Seeufer„. Statt die Geschichte (Seeufer für alle blabla), die zudem für viele Schweizer Seeanwohner relevant ist, noch einmal aufzurollen, zeigt Minor anhand von fünf Beispielen aus der Region, von Freienbach (SZ) über Schmerikon (SG) bis Uetikon (ZH), wie schwer es ist, das Seebecken der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Und beweist damit, dass viele Gemeinden mit ihren vermeintlichen „Einzelfällen“ nicht alleine dastehen. Das macht Mut und ist ein Aufreger erster Güteklasse, der beweist, dass oftmals nur durch Intervention des Stimmvolkes mittels Beschwerde oder Initiative etwas Bewegung in die Sache kommt.

Welche der beiden Geschichten relevanter ist, muss nicht speziell erwähnt werden. Ich bin zudem der Überzeugung, dass die WC-Story weit mehr an Recherche-Arbeit zur Folge hatte, als der See-Anstoss Artikel (blabla).

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Mediale Sprachwirrnisse

Ausgerechnet die konservative NZZ besticht in letzter Zeit häufig durch innovativen Sprachgebrauch. Und das nicht etwa im Text, sondern weit prominenter – meist stehen die skurrilen Konstrukte bereits im Lead. Lese ich: „Fast alle Prozesse sind fast immer öffentlich – nur geht kaum jemand hin„, dann ist mir das fast ein fast zuviel.

Vermutlich unterrichtet der Produzent nebenbei am schweizerischen Literaturinstitut (Creativ Writing als Kunstausbildung – vielleicht sollte Alice Schwarzer nach Bern ziehen). Dort erhalten Studenten und Studentinnen einen fürwahr kreativen Zugang zur deutschen Sprache, den sie später wiederum in Zeitungen ausleben. Dabei entstehen so spannende Geschichten wie: „Die Wahrheit lügen„.

Um bei der Wahrheit zu bleiben: Ich habe von dieser Lüge nicht viel verstanden.