Tagesarchiv: 30/03/2009

Medien: irrelevant vs. relevant

Mit der Relevanz ist das so eine Sache. Was wollen wir aus den Medien erfahren? Wo benötigen wir zusätzliche Informationen und wo nicht? Oder anders gefragt: Werden Journalisten in der Schweiz ihrer Rolle als «Gate-Keeper» gerecht?

Dieses Wochenende sind mir zwei Artikel aufgefallen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Beide sind komplett irrelevant und daher eigentlich unnötig. Und trotzdem erfüllt eine der beiden Geschichten die mediale Kriterien einer etwaigen kompetenten und nötigen Information. Wie ist das möglich?

Zum einen erzählt mir die Pendlerzeitung NEWS heute die Geschichte einer US-Non-Profit-Organisation, die sich um Pornographie für Blinde bemüht. Höhepunkt (Wortwitz) des Artikels ist die Feststellung, dass „wer Stöhnen, Schreien und Dirty Talking erwartet„, enttäuscht wird. „Die weiblichen und männlichen Sprecher beschreiben, was sie sehen – mit neutralem Timbre und eher gelangweilt„. Wer die Pointe bereits im ersten Satz bringt, hat sowieso verloren. Zudem ist es usus, dass Blindenorganisationen Programme entwickeln, die Webcontent, Filme und Texte nacherzählen. Es ist daher eine komplett irrelevante und leider auch sehr unnötige Geschichte aus der Abteilung: „Was ich wirklich nicht wissen muss.“

Dieselben Kriterien erfüllt im ersten Augenblick auch diese Geschichte im Berner Bund. Dabei geht es um Äusserungen von Kaiser Wilhelm II., welche einen Zwist zwischen einem Schweizer Journalisten und den Deutschen provozierte. Da es sich um ein Ereignis handelt, das vor über 120 Jahren statt fand, darf man durchaus sagen: Die Geschichte ist unnötig, irrelevant und überflüssig.

Und trotzdem: Bund-Redaktor Daniel Goldstein liefert hier ein kleines Recherche-Meisterwerk ab. Weit besser als die Berichterstattung im Spiegel oder der Frankfurter Allgemeinen. Zudem führt mir die Geschichte als Leser durchaus verständlich vor, woher die traditionellen Berührungsängste der Schweizer mit den Deutschen tatsächlich kommen könnten.

Will ich das als Leser wirklich wissen?
Ja. Wer den Blick am Abend liest und glaubt, damit wäre alles gesagt, der muss das sogar wissen. Dieser Artikel war überfällig.
Und die Geschichte beweist: Irrelevanz ist nötig. Denn manchmal ist Irrelevanz einfach nur gut getarntes, vorbildliches «Gate-Keeping». Es liegt am Leser, solches zu erkennen und von blinder Text-Pornographie zu unterscheiden.

Mediales Littering – Heute: Radio DRS

Aufsätze eines 7. Klässlers zu korrigieren, kann anstrengend sein. Aber es besteht noch Hoffnung. Denn Erwin ist ja erst in der 7. Klasse und damit bleiben noch volle zwei Jahre, in denen er lernen kann, vollständige, verständliche Sätze zu bilden. Offensichtlich arbeitet Erwin aber nebenbei auch für Schweizer Radio DRS. Zumindest sieht folgender Lead danach aus:

„Seit einem guten Jahr besteht der Rugby-Club Solothurn, seit einem halben Jahr verfügt er über einen Trainer aus Wales, und für die Zukunft rechnet er sich gute Chancen aus.“

Vielleicht sollte sich der Rugby-Club Solothurn bei «Wetten Dass..» melden. Als erster Rugby Club der rechnen kann.

Den Mund etwas voll genommen – Heute: Newsnetz

Es ist schon erstaunlich, was die Brandung der medialen Globalisierung bei uns so anspült. Nichts ahnend lesen wir die Schlagzeilen auf Newsnetz, als uns folgende gruslige Meldung ins Auge sticht:

«Australierin dokumentiert Tierdrama im Pool». Der kündige Leser assoziert fachkundig gleich mal «Krokodil» und «Giftschlange». Berücksichtigt man den ersten Satz des Artikels, ist die Geschichte schon fast gegessen: «Ich hörte ein Planschen im Pool». Die Handlung ist offensichtlich: Ein Krokodil verirrte sich auf der Flucht vor Buschbränden im Pool einer Australierin und frass den Hund. Diese Sensationsgeschichte hat auf Newsnetz wahrlich nichts zu suchen.

Wenn es sich beim Krokodil, wie im vorliegenden Fall aber um einen Frosch handelt, der einen anderen Frosch verspeist, dann ist das diese Art von Topstory, die ich mir künftig etwas häufiger auf der Titelseite des Tages Anzeigers wünsche. Den Titel könnte man auch ruhig so stehen lassen, das passt: «Den Mund etwas voll genommen»