Tagesarchiv: 12/03/2009

WW: Der Kult der Indiskretion

Manchmal verstehe ich den Roger Köppel einfach nicht. Der Chefredaktor der Weltwoche war tatsächlich im Besitz brisanter Informationen in Sachen Sesselrücken bei der UBS, entnehmen wir heute dem Edito der WW. Warum er die Informationen nicht veröffentlicht hat?

  • Die WW „ergötzt sich nicht am Kult der Indiskretion“
  • Kolateralwirkung dieser Information auf die Privatwirtschaft und Verlust von Arbeitsplätzen
  • Die WW führt keine Kampagnen gegen die Privatwirtschaft sondern gegen den Staat.
  • Gespräche zwischen Verwaltungsräten sind nicht von öffentlichem Interesse

(da konnte ich nicht mehr weiter schreiben, weil ich Lachen musste).

Ich geh jetzt und analysiere die Relativitätstheorie mit einem Pferd. Wenn Roger recht hat, muss es auch möglich sein mit Tieren über die Krümmung von Raum und Zeit zu diskutieren.

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Bei der Aargauer Zeitung weht ein neuer Wind – manchmal

Uns wird ja immer mal wieder vorgeworfen, unsere Berichterstattung sei naiv und unsachgemäss. Wir hätten keine Kenntnis der Sachlage und unsere Argumente entbehren jeglicher Grundlage, weil wir vermeintlich anonym agieren – eben erst geschehen am Beispiel der Aargauer Zeitung.

Da wir eigentlich eine faire Mini-Redaktion sind, ist es an der Zeit etwas klar zu stellen. Die Aargauer Zeitung war einst ein überregionales Blatt mit nationalem Anspruch. Diesen Anspruch hat das Blatt in den letzten Jahren so richtig gründlich in den Arsch geritten. Doch seit die Zeitung „Sonntag“ auf dem Markt ist, regt sich wieder etwas Hoffnung. Nicht nur ist der „Sonntag“ die derzeit spannendste Sonntagszeitung, das Blatt zwingt Agenturen und Verlage auch regelmässig mit Primeuren zur Nachberichterstattung am Montagmorgen.

Damit man versteht wie sich das anfühlt: Jede dieser Zitierungen verweist auf das eigene Versagen und provoziert unweigerlich Fragen wie: Warum hatten wir diese Story nicht bei uns im Blatt? Wo waren unsere Leute? Habt ihr geschlafen?

Seit das Duo Dorer/Mäder aber in den Chefsesseln der Aargauer Zeitung sitzt, hat der Wind auch bei der Wochenzeitung gedreht. Und zwar merklich, obwohl es sich erst um Wochen handelt. Ich denke da etwa an das grosse Interview mit Armee-Chef Blattmann oder den offenen Brief heute von Peter Bodenmann an die Adresse von Christian Levrat. Beide Geschichten kamen zum richtigen Zeitpunkt, das Gesagte an die Adressen des Parlamentes und der SP waren überfällig. Beide Geschichten waren gut platzierte Warnschüsse vor den Bug des Tages Anzeigers und der Neuen Zürcher Zeitung. Solche Sachen lesen wir gerne, das ist informativer, provokativer und intelligenter Journalismus.

Doch leider passieren auch den Neuen die alten Fehler. Oder kann mir einer erklären, warum die Aargauer Zeitung heute titelt: „25 Opfer bei Amokläufen“?

Weil uns unter anderem Redaktoren der AZ gerne vorwerfen wir könnten nicht lesen und rechnen, zähle ich kurz zusammen: USA – 10 Tote, Deutschland 16 Tote, macht, hm, 25? Dumm, dumm, dass solche Dinge aber auch ausgerechnet gross auf der Titelseite stehen müssen..

Medialer Amoklauf

Amok, Amok wohin man sieht. In der Schweiz, in Deutschland, in den USA und vorallem in den Medien.

Ein besonders „Bravo“ gebührt dabei der Berichterstattung der Blick am Abend-Redaktion. Nicht nur, dass das Blatt den Mörder von Lucie durch einen Formatierungsfehler im Web unzensiert gezeigt hat (die Redaktion hat die betreffende Ausgabe mittlerweile entfernt) und es tatsächlich Leute gibt, die das auch noch toll finden, gestern unterlief dem Blatt in Sachen Amok gleich noch einmal ein Lapsus.

Natürlich musste Lucie mittlerweile Tim weichen, der im Blutrausch mit Waffengewalt 15 Menschen die Rübe wegpustete. Was? Sie finden meine Schreibe ist geschmackslos? Stimmt, finde ich auch. Aber was soll man dann erst von der Kolumne halten, die der Blick am Abend gestern auf der letzten Seite abgedruckt hat? Da stehen Dinge wie:

«Könnt ihr mir mal alle einen Gefallen tun? Haltet ihr einfach den Mund, solange ich in diesem Abteil bin? Oder wollt ihr ein Blutbad?» Ich gebe zu, mit dem Blut, schon mit dem Blut an den Fingern, wurde es surreal. Aber manchmal braucht es das Surreale, um das Reale zu erklären und zubewältigen.

Genau. Und manchmal braucht es halt ein Massaker mit 16 Toten, damit eine Redaktion merkt, wie bescheuert gewisse Kolumnen sind.