Warum Blogger dumm sind

Manchmal dünkt mich, ich stehe vor einer Wand aus Marzipan, wenn ich so lesen muss, wie andere Blogger die moderne Welt begreifen. Da schreibt Blogger Ronnie Grob in der der NZZ einen Text über die Demokratisierung der Publikations- und Produktionsmittel über Partizipation und Pluralismus. Sprich, darüber, warum es Sinn macht, wenn die Masse die Elite ersetzt. Und freut sich dabei unwissentlich über den Sieg der Anarchie über die Demokratie.

Das Internet erlaubt mehr Wettbewerb und mehr Demokratie. Mehr Wettbewerb darum, weil es mehr Produzenten gibt. Mehr Demokratie darum, weil alle ihren Einfluss geltend machen können, unabhängig von Herkunft, Kontostand, Beziehungsnetz.

Wer solche Dinge schreibt, hat den Unterschied zwischen Demokratie und Anarchie nicht begriffen. Das Netz ist längst keine Demokratie mehr. Denn das www ist keine Polis deren Ziel das Allgemeinwohl der eigenen Gesellschaft ist. Das Netz und die Art wie Blogger mit Produktions- und Publikationsmittel umgehen, ist reine Anarchie. Wer beweise sucht, nehme die Stichworte Suchmaschine, Kinderpornographie und Videoportal und stelle die Wörter in herrschaftsfreier Reihenfolge zusammen. Das Resultat bleibt das Gleiche. Wenn jeder selber entscheiden kann, was für ihn wichtig ist und durch uneingeschränkte Produktions- und Publikationsmöglichkeiten der Welt aufdrängen kann, ist das keine Demokratie sondern Informationsanarchie. Denn Demokratie zeichnet sich immerhin dadurch aus, dass eine bestimmte Gruppe (Erwachsene) eine bestimmte Anzahl von Rechten (definiert durch Gesetze) wahrnehmen kann. Diesen Mechanismus hat das Internet längst ausser Kraft gesetzt.

Dass die NZZ diesen unlesbaren oh-so-90ties-Groove diese Woche als Replik auf einen Artikel von Publizistikschnarchnase Ottfried Jarren abdruckt, amüsiert mich doch etwas. Was mich aber erstaunt, ist dass Blogger am medialen Machtgefühl, dass bisher exklusiv Journalisten zur Verfügung stand, gefallen finden. Wer hier ein Beispiel sucht, nehme doch am besten Ronnie Grob selber. Einst ein reiner Blogger, heute Mini-PR-Beauftragter der Sonntagszeitung.

Also ausgerechnet die Leute, welche sich selbst vormachen, sie würden die Demokratisierung des Netzes vorantreiben, erliegen dem Lockruf der Aufmerksamkeit, des Geldes und der Macht der klassischen Medien. Das ist keine Anarchie, diesem Einwand gebe ich gerne nach. Das ist reiner Opportunismus. Anarchist zu spielen, scheint auf Dauer offensichtlich keinen Spass zu machen. Wohle dem, der über genügend elitäre Kontakte verfügt, sich dem Plebs zu entziehen.

Advertisements

7 Antworten zu “Warum Blogger dumm sind

  1. Ein paar Fragen:

    1. Mini-PR-Beauftragter der Sonntagszeitung? Was meinst du damit?

    2. Natürlich ist das Netz bis zu einem gewissen Punkt anarchisch, und das ist auch gut so. Das ist die Gesellschaft zu einem gewissen Punkt auch, und auch das ist gut so. Ich sehe im Netz jedenfalls grossartige Möglichkeiten zu einer demokratischen Beteiligung, die sich allerdings noch in ihren Anfängen befinden, immer noch.

    3. Sehe ich das richtig, dass du mir vorwirfst, ich erliege dem Lockruf des Geldes, würde doch aber eigentlich den Idealist rauskehren? Dann will ich dir sagen, dass ich seit Juni 2006 gegen Bezahlung blogge.

    4. „Denn Demokratie zeichnet sich immerhin dadurch aus, dass eine bestimmte Gruppe (Erwachsene) eine bestimmte Anzahl von Rechten (definiert durch Gesetze) wahrnehmen kann. Diesen Mechanismus hat das Internet längst ausser Kraft gesetzt.“ Ausser Kraft gesetzt?

    5. Ich weiss nicht, ob du dein Geld vom Staat erhältst oder ob du auch dem Lockruf des Gelds folgst und eine Tätigkeit gegen Bezahlung verrichtest – es ist mir auch egal. Klar ist jedenfalls, dass du als Bürger erst an demokratischen Prozessen teilnimmst, wenn du mit vollem Namen zu deinen Äusserungen stehst. Bis dahin bleiben sie nicht mehr als vielleicht manchmal anregende Zeilen. Ein Risiko gehst du mit ihnen nicht ein. Schade eigentlich.

  2. Dose E.S.K

    1. Dein letzter Artikel: Film ab für Bürger im Bild – sog. Gadget-Journalismus.

    2. Ok. schön.

    3. Ich habe gesagt: erliegen dem Lockruf der Aufmerksamkeit, des Geldes und der Macht der klassischen Medien.

    4. Stichworte: Filesharing, Identitätskontrolle, Sicherheit usw.

    5. Was ausser (vielleicht) anregend sollten diese Zeilen denn sein?

  3. Admiral Golowko

    Mir wird einfach nicht ganz klar was Mr. Grob mit seinen Statements (hier und in der NZZ) wirklich zum Ausdruck bringen will.

    Hier lässt er uns wissen, dasss er gegen Bezahlung bloggt- und gleichzeitig nimmt er „als Bürger“ an demokratischen Prozessen teil, da er ja mit vollem Namen zu seinen Äusserungen steht?!

    Wenn ein Bürger nun aber gegen Bezahlung sich im demokratischen Prozess äussert….was können seine Texte dann überhaupt sein ?

  4. Zitat Golowko: Wenn ein Bürger nun aber gegen Bezahlung sich im demokratischen Prozess äussert….was können seine Texte dann überhaupt sein ?

    ähm… wahlpropaganda? :-)

  5. @Dose E.S.K:

    Zu 1) Also der Artikel über die Creative Vado, das war ein Auftrag an mich. PR? Für ein Gerät, das man meines Wissens gar nicht in der Schweiz kaufen kann? Ausserdem habe ich das Gerät kritisch besprochen, nicht unbedingt wohlwollend. Oder ist für dich jeder Zeitungsartikel, in dem ein käuflicher Artikel vorkommt, PR?

    Zu 5): Deine Zeilen könnten mehr als anregend sein. Wenn du deine Stimme auch dann zu erheben wagst, wenn es berufliche oder gesellschaftliche Konsequenzen mit sich ziehen könnte. In einer freien Demokratie müsste das doch eigentlich möglich sein, oder? Warum tust du es nicht?

    @Admiral Golowoko: Natürlich äussere ich mich nicht nur gegen Bezahlung, hier ein Beispiel:

    http://blog.ronniegrob.com/2008/05/01/die-schildkroete-alter-holt-jeden-auch-den-rollenden-stein-von-1968/

  6. Dose E.S.K

    1. Untersuchungen zeigen, dass es nicht darauf ankommt wie man über etwas schreibt, sondern nur, dass man über etwas schreibt. Stichwort: Aufmerksamkeit. Ja, Gadget-Journis sind PR-Journalisten.

    2. Weil meine Identität für meine Texte nicht von Relevanz ist. Im Vergleich zu anderen strebe ich nicht nach Aufmerksamkeit, Geld oder einem Job in den Medien.

  7. Pingback: Medienlese: Der Nachruf von Dumk Opf « Hose&Dose

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s