Ob WOZ oder Kummer, hauptsache anders!

Zu Tom Kummer kann ich leider nicht viel sagen, ausser dass ich seinen Namen erst seit gestern bewusst wahrnehme. Seinen Text in der WOZ hatte ich am Samstag zwar kurz überflogen, fand ihn aber sperrig und quer zum Thema. Mit viel mehr Interesse habe ich die Frontseite über BR Merz wahrgenommen und wie öfters in den letzten Wochen, seit ich die WOZ wieder abonniert habe, ging mir eine wiederkehrende Frage durch den Kopf: Wieso lese ich in keiner anderen Schweizer Zeitung Texte dieser Art?

Ich will nicht behaupten, dass die WOZ häufiger Sachverhalte auf den Punkt bringen oder gar die Wahrheit schreiben würde als andere Zeitungen. (Sofern so etwas überhaupt möglich ist.) Was sie aber auf erfrischende Weise nicht macht und was das unhinterfragte Credo aller anderen zu sein scheint, ist so zu tun, als ob es möglich wäre neutral zu berichten. Es gibt schliesslich gute Gründe zu glauben, dass es keine neutralen Standpunkte, ganz sicher keine neutrale Berichterstattung und noch weniger neutrale Journalisten geben kann. (Dass viele dieser blutleeren Gattung gezüchtet werden, ist kein Gegenbeweis.) Werturteile sind allgegenwärtig und damit wird jede Aussage politisch. Auch diesen Sachverhalten zu bestreiten, ist politisch. Leider ist falsch verstandene Neutralität normalerweise die Politik des status quo und die Geschehnisse um BR Merz machen dies nur allzu deutlich.

Wenn die Medienvielfalt in der Schweiz bedeuten soll, dass alle das Gleiche schreiben, dann plädieren ich der Effizienz halber für eine durch die Wirtschaft finanzierte Einheitszeitung. Schliesslich sind auch zwanzig Waschmittel im Supermarkt mit gleichem Inhalt aber unterschiedlicher Verpackung nur eine Illusion von Vielfalt und Wahlmöglichkeit. Wem so etwas nicht am Arsch vorbeigeht und wer nicht aus dem Regionalteil oder einem Nebensatz erfahren will, dass Minderjährige für das Werfen von Farbbeuteln auf ein Bankgebäude 12 Tage Untersuchungshaft kassieren, der setze sich besser für mediale Diversität ein. (Kann man übrigens besser demonstrieren, dass Banken in der Schweiz Sonderrechte geniessen, die einer Bananenrepublik würdig sind, als dass für ein „Graffiti“ Untersuchungshaft angeordnet wird? Dose, der alte Sprayer, wäre heute vermutlich im Knast oder unter der Brücke, hätte man ihn für jede Verschönerung der mittelländischen Betonwüste in U-Haft genommen.)

Viel zu retten ist aber wohl nicht mehr, wenn es in Basel ohne grosse Diskussion möglich ist, den 16-jährigen unglaublich deutlich klar zu machen, dass sie politisch nicht erwünscht sind. Versüsst wird diese Geste mit dem Entzug verfassungsmässig garantierter Rechte, indem die Polizei nun nach eigenem Ermessen Personen von öffentlichen Plätzen wegweisen darf. Lässt sich dieses Wahlergebnis anders erklären, als dass der Durchschnittsbasler zuhause die Faust im Sack macht und findet, dass bei diesen unvernünftigen, lauten, saufenden und was-weiss-ich-noch Jungendlichen endlich mal hart durchgegriffen werden muss? (So ist das halt mit dem autoritären Charakter und der Angst vor der Freiheit. Hier hätte man Nazi-Verdacht mit mehr Berechtigung schöpfen können als beim Resultat zur Personenfreizügigkeit.)

Oder um die alte Schlange Anaconda zu zitieren: „Hie bisst me sech zwar nid, aber me chätschet sech gägesitig z’Tod“

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