Restrukturierung des TA: Bürde oder Chance

Seit das Medien- und Kommunikationsportal „persönlich.com“ die neusten Erkenntnisse zur Weiterentwicklung des Tages Anzeigers veröffentlicht hat, findet online wieder einmal ein gross angelegtes „ohjemine“ statt. Notabene eines, an dem wir auch noch Mitschuld tragen, obwohl dies mit dem Tages Anzeiger überhaupt nix zu tun hat. Verbrochen haben das Übel die Basler Kollegen.

Die Fragen, welche nun (schon seit einigen Tagen, siehe Schweizer Journalist) im Raum stehen, sind:

– Was wird aus dem Tages Anzeiger werden?

– Was ist der Tages Anzeiger heute?

– Und ist das alles wirklich so schlimm?

In einem interessanten und berechtigten Einwand schreibt Martin Hitz:

Ich bin eigentlich eher der Ansicht, dass der “Tagi” in letzter Zeit besser (”überraschender”) geworden ist. Jedenfalls kommt es seit einigen Monaten immer wieder vor, dass ich den einen oder anderen Text ganz lese. Geht das nur mir so?

Ich teile diese Ansicht. Durch und durch. Peter Hartmeier hat 2008 einen glänzenden Job geleistet. Der Tages Anzeiger ist wieder lesbar, interessant und relevant geworden. Und das betrifft nicht nur den TA. Ich finde, die ganze (sagen wir: ein Grossteil der) Schweizer Medienszene hat 2008 qualitativ an Substanz zugesetzt. Namentlich etwa die Berner Zeitung, die Südostschweiz und der Sonntag. Und vor dieser Leistung ziehe ich den Hut.

Zur zweiten Frage: Was wird aus dem Tages Anzeiger werden. Auch hier möchte ich auf eine von Hitz´s Aussagen zurück kommen:

Was die Totalvertrashung angeht: Wenn die Klickraten nur *ein* Indikator unter vielen sind, muss das so schlimm ja auch wieder nicht herauskommen. Im Print können die “geilen” Newsnetz-Stories durch Eigenrecherchen, Hintergründiges und/oder Analysen vertieft (so es denn etwas zu vertiefen gibt) und “veredelt” werden. Es arbeiten ja nicht nur Deppen beim “Tages-Anzeiger”.

Auch diese Erkenntnis ist völlig richtig und wird bereits heute Versuchsweise praktiziert. Kein Verlag kann so blöd sein und einige der versiertesten schweizer Journalisten (Büttner, Seibt u.a.) mit einem neuen Konzept „entmachten“. Es kann durchaus sein, dass man durch die Verschlankung den Mantelteil noch etwas besser um diese Schlüsselfiguren positionieren kann. Man entschlackt die Strukturen, baut dadurch etwas an Volumen ab und macht den Tages Anzeiger dynamischer.

Die letzte Frage wäre: Klingt dies denn alles so schlimm?

Nein. Tut es nicht. Das einzig wirklich einschneidende Grossereignis in diesem Jahr dürfte die Fusion von Bund und TA sein. Im Vergleich dazu haben die anderen Redaktionen ein gutes Leben. Eine Veränderung, wie im Falle des Tages Anzeigers, ist wohl eher als Herausforderung denn als Strafe anzusehen und, nicht zu vergessen, solche Anpassungen kommen im Mediengeschäft immer wieder. Wer dies von Anfang an als Negativereignis sieht, hat verloren und sollte nach Nordkorea auswandern. Dies ist eines der wenigen Ländern, in denen es für Veränderungen auf Redaktionen keinen Grund gibt.

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4 Antworten zu “Restrukturierung des TA: Bürde oder Chance

  1. Haha. Mit Verlaub, ich bin da nun mal etwas weniger Staats Verlagstragend. Von ruhiger Kugel schieben jenseits der «Bund»-Frage kann in diesem Jahr wohl nirgends die Rede sein. Stichwort Finanzdingens. Was du hier propagierst, und was manch ein Verleger derzeit vom Stapel lässt, ist purer «Feigenblattjournalismus»: Sogenannte Edelfedern (welcher Journalist glaubt schon keine zu sein) sollen demnach qualitative und quantitative Einbussen so gut wie möglich kaschieren. Zur Not tun es auch ein paar trashige Gastbeiträge. Frage an den «Sonntag»-Leser: Wie geht es eigentlich unterdessen Frau Blocher?

    Der Zeitungskonsument soll von all dem natürlich nichts mitkriegen, und deshalb für weniger Papier auch weiterhin gleichviel bezahlen. Die «weniger edlen» Federn, quasi die verlagstechnische Manövriermasse, also schätzungsweise 95 Prozent aller Journalisten (man wird in den kommenden Monaten noch einiges von ihnen hören, im Minimum Rav-technisch) sollen hingegen on- und offline möglichst alles «abdecken» was das Blatt füllt, oder eben, der Klickbolzerei dient. Das sind doch keine tragfähigen, journalistischen Konzepte? Genauso wenig wie die «Berührungsängste vor der Boulevardisierung» abzulegen.

    Ja, ja, das ist jetzt alles etwas überspitzt. Nur: Warum kommunizieren Verlage eigentlich so dämlich?

  2. Dose E.S.K

    Ugugu, ich mag deine Art auf alles einzugehen, was ich dir vorwerfe.
    Ich bin nach wie vor der Meinung, dass es in der Schweiz derzeit zu viele Journalisten gibt (Stichwort Gratisblätter) und eine etwaige Flurbereinigung (Verlagsjargon) daher eher zu begrüssen als abzulehnen ist. RAV hin oder her. Massenbeschäftigung mag ein sozialistisches, vielleicht ansatzweise noch ein sozial-politisches Argument sein, für die journalistische Qualität ist es eher tangential. Falls du ein Beispiel brauchst: Die 20 Minuten-Redaktion ist derzeit die grösste der Schweiz. Sie ist aber bei weitem nicht die Beste. Masse alleine macht keine Klasse.

    Letzten Endes geht es derzeit für viele Verleger ums nackte Überleben. Und ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass es für einige publizistische Erzeugnisse sehr, sehr eng wird. Sich mit *Klickbolzerei*, wie du sie nennst, einen Vorteil zu verschaffen, ist in meinen Augen daher eines von vielen legitimen Mitteln, sich der Konkurrenz gegenüber zu behaupten. Und letzten Endes solltest du immer bedenken, Klickbolzerei funktioniert nur dann, wenn es genug Rezipienten gibt, die diesen Blödsinn mitmachen. Und die gibt es offensichtlich.

    Der Konsument ist mündig und kann selbst entscheiden, wie oder wo er sein Geld investiert. Solange der Wettbewerb regiert, liegt das Meinungsmonopol beim Schweizer Bürger. Sollte dies ein Problem für dich sein, empfehle ich dir die Sendungen der Deutschen Welle oder von Schweizer Radio DRS. Hier liegt die Entscheidungshoheit alleine beim Staat, dafür ist das Angebot gratis.

  3. SR DRS ist nicht gratis – es gilt dafür die BILLAG-Steuer zu entrichten, egal, ob man hinhört oder nicht. Und obwohl man fürs Radio bezahlt, muss man dort teilweise für den Content noch ein zweites Mal bezahlen … :->

  4. Blauauge

    Ugugu hat Recht, von journalistischen Konzepten ist nirgends mehr die Rede. Beim Tagi scheinen sie zumindest ehrlich zu sagen, wohin die Reise geht (auch für viele andere). Ich kann nirgens eine Qualitäsverbesserung feststellen – im Gegenteil. Vielerorts geht es doch ums nackte Überleben.

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