Web 2.0 – Protokoll des Grauens

Auf der Webseite der Baslerzeitung (als Teil von Newsnetz) spielt sich derzeit weitgehend unbemerkt ein Drama ab, wie es die Schweiz nur selten gesehen hat. Und das scheint irgendwie keine Sau zu stören.

In der Nacht zum Sonntag krachte in Basel ein Autofahrer Innerorts mit geschätzten 100 Km/h (Polizeiangaben) in eine Reihe parkierter Autos. Der Fahrer, ein junger Mann der erst seit kurzem im Besitze des Fahrausweises war, verstarb noch auf der Unfallstelle. Erste Ermittlungen ergaben: Der Fahrer war nicht angegurtet.

Bereits Sonntag früh fingen die Diskussionen in den Kommentarspalten des betreffenden BAZ-Artikels an. Die Argumente sind wie immer dieselben: Ein Raser weniger, der Mann ist selber schuld, Bern solle handeln, Verantwortung sollte ein Unterrichtsfach werden. Soweit so schlecht, bis sich die Angehörigen, oder vermeintlichen Angehörigen des Unfallopfers einzumischen begangen. Nicht nur wurde schnell klar, um wen es sich beim Opfer handeln muss, schnell war auch bekannt, dass es sich dabei um einen Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund handelt. Zu guter Letzt äusserte sich auch noch die (eine vermeintliche) Mutter zum Verantwortungsbewusstseins ihres Jungen und verlangte von den Diskussionsteilnehmern in einem Beitrag mehr Respekt vor dem Verstorbenen:

„An ALLE die unhöflich und dem Sterbenden null Respekt zeigen. Wir als Familie von XXX (Fahrer) kennen unseren Sohn ausreichend um zu wissen, dass unser Sohn Verantwortungsbewusst ist. Unser Leid ist gross und ALLEN die nicht wissen, wie man dem Tod begegnet, seid still und schweigt, der Tod ist euch nicht fern. XXX hat den Tod nicht verdient, hört bitte auf. Wir trauern um einen Engel…

Es liegt mir fern in irgendeiner Weise von dieser Leichenfledderei zu profitieren. Aber wer auch immer die Kommentarspalte der BAZ betreut ist entweder dieses Wochenende im Kofferraum des Verunfallten mitgefahren oder aber er oder sie hat sämtliche ethischen und moralischen Codes vergessen. Es ist beinahe unerträglich mit anzusehen, wie sich User derzeit über einen jungen, toten Menschen hermachen, der aus einer Dummheit sein Leben gelassen hat, wenn auch glücklicherweise nur sein eigenes. Das ist mit Abstand das niederste Stück Web 2.0, das je auf einer Schweizer News-Website statt gefunden hat. Ich bin zutiefst enttäuscht, ich kann es nicht anders ausdrücken, dass so etwas seit über 24 Stunden online steht und keine Sau etwas dagegen unternimmt. Diese Kommentarspalte verstösst gegen alles, was auch nur im Geringsten mit Würde und Anstand zu tun hat. Es sind dies die grauenhaften Seiten von Web 2.0.

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6 Antworten zu “Web 2.0 – Protokoll des Grauens

  1. Man ist versucht, hinter diesem unglaublich zynischen Verhalten der Moderatoren die es ja durchaus gibt und die auch gelegentlich Kommentare löschen ein System zu vermuten: Besucherzahlen-Maximierung um jeden Preis. Newsnetz hat denn auch gemäss NET-metrix im Dezember kräftig zugelegt, während alle anderen Sites weniger Besucher zu verzeichnen hatten.

  2. eine unsägliche kloake, leider aber überhaupt kein einzelfall, wenn auch in seiner abartigkeit einzigartig.

  3. Es ist immer so leicht, so abzugehen, wenn man den betreffenden Menschen nicht kannte – zu abstrakt und „bekannt“ ist das ja Thema. Leider genauso leicht artet diese Entfremdung auch in pietätloses Gelaber aus; den Mechanismus kann man leider überall dort wahrnehmen, wo ein Schicksal als bloße Nachricht wahrgenommen wird – also in allen Medien. Aus der Resignation heraus kann man wohl nur sagen: traurig – aber wahr.

  4. Ich habe den Artikel nicht gelesen und werde ihn auch nicht lesen. Denn Boulevardnews überlese ich prinzipiell. Beim Newsnetz aufgefallen ist mir hingegen, dass oft willkürlich Kommentare zensuriert werden und man gewisse Beiträge nicht kommentieren kann. Weshalb? Ist man denn an der Meinung der Leserschaft interessiert oder nicht? Ein bisschen hier, ein bisschen dort, gerade wie es der Redaktion beliebt. Das ist Inkonsequent und schwach.

    Zur Sache: Wenn jemand innerorts 100 km/h fährt, dann ist diese Person ein Raser, Punkt. Denn ein unglückliches Versehen ist es nicht, wenn man innerorts 50 km/h zuviel auf dem Tacho hat, also das Doppelte des Erlaubten. Über einen Raser (seltener: eine Raserin), der oder die bei einem Raserunfall umkam, moralisch anders zu urteilen als über eine/n Raser/in, die nicht umkam, ist ethisch nicht vertretbar. Rasen an und für sich ist ein Delikt, das es zu ächten gilt. Die Nationalität des Rasers oder der Raserin spielt dabei überhaupt keine Rolle.
    Sie sollte hingegen berücksichtigt werden, wenn es um die politische Verarbeitung einer statistisch signifikanten Häufung von Raserdelikten Angehöriger einer bestimmten Nationalität kommt.

  5. was für eine kloake. igitt.

  6. Das ist nicht eine grauenhafte Seite von Web 2.0 sondern einfach die Konsequenz der fragwürdigen Idee des PGC (Pöbel Generated Content), oder? Es ging doch bei der ganzen Sache nie um eine gespenstische Art von Demokratie, sondern ums Maximieren von Klicks.

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