Verleger vs Journalisten: Arroganz oder Weitsicht?

Zugegeben, Constantin Seibt war immer schon ein versierter Journalist. Seit er aber zum „Journalist des Jahres“ (2007) gewählt wurde, schreibt er noch etwas geschliffener, versierter und vor allem ohne Rücksicht auf irgendwelche Befindlichkeiten.

Trotzdem ist es erstaunlich, wenn Seibt die eigene Branche zuerst karikiert, anschliessend auslacht und dann in einem finalen Schlag geradezu vernichtet. So bezeichnet er das gestrige Verlegertreffen heute im Tages Anzeiger als:

Ein Austausch von Visitenkarte und Handschweiss

Nur um sich anschliessend über die ganze Branche zu mokieren:

Typisch für den Tag war ein Vortrag des NZZ-Verwaltungsratschefs Conrad Meyer über deren Strategie: Meyer referierte die Geschichte des Weltblatts seit 1780. Über die Gegenwart sagte er wenig mehr, als dass die NZZ «ihre starke Marke besser nutzen» solle. Worauf jemand in der Pause sagte: «Wenn ich Meyer nach dem Weg zur Toilette frage, mache ich in die Hose, während er noch über die Klos im alten Ägypten redet.» Und jemand erwiderte: «Was soll er auch über die Strategie der NZZ reden? Sie hat ja keine.»

Und um dann in einem finalen Schlag die TA-Media als Lichtblick der Branche zu bezeichnen. Notabane mit einer Argumentationstechnik, der offensichtlich nur noch die Frankfurter Allgemeine Zeitung (!) gewachsen scheint.

Zu Strategien sprachen eigentlich nur zwei Leute: Martin Kall, der CEO von Tamedia (der Verlegerin des «Tages-Anzeigers»), sprach von dem Sparpotenzial nach der Fusion von Tamedia mit der Berner Espace Media. Und der Geschäftsführer der «Frankfurter Allgemeinen» Tobias Trevisan stellte eine neue ausgefeilte Internetstrategie vor: mit personalisierten Artikeln und Inseraten wie bei Amazon.

Abgesehen davon, dass die Geschichte mal ganz lustig zu lesen ist (schliesslich gibt es weit banalere Analysen), stellt sich die Frage: Hat Seibt recht? Ist die TA-Media der einzige Schweizer Zeitungsverlag der derzeit überhaupt so etwas wie ein Konzept hat?

Oder noch dümmer formuliert: Hat die TA-Media in den letzten Jahren das richtig gemacht, was andere Verlage verschlafen haben?

Mir dämmert langsam, dass die Zürcher Führungsstrategie sich gerade in der jetzigen Zeit als durchaus weitsichtig erweist. Auch wenn ich mich gegen solcherlei Einsichten wehre, da sie rein wirtschaftlicher und nicht qualitativer oder gar journalistischer Natur sind, die Konzeptionierung und Lancierung von Newsnetz erfolgte zum bestmöglichen Zeitpunkt. Dies ist bereits der zweite grosse Glücksgriff, nach dem wirklich in jeder Hinsicht brillianten Kauf der Aktienmehrheit der 20 Minuten AG.

Ich fürchte, wir erleben – wenn nicht in diesem, so im kommenden Jahr – einen Konzentrationsprozess in der Schweizer Medienlandschaft, auf Kosten traditioneller Arbeitsweisen und Titel. Irgendwie graut mir davor, all diese Dinge zu verlieren, die für Generationen von Schweizern ein fester Bestandteil des Lebens waren. Andererseits habe ich auch die Einstellung des Landessenders Beromünster verkraftet ohne zu weinen.

Aber vielleicht ist dies eben auch wieder eine Chance für junge, kreative Köpfe. Oder anders gesagt: Wenn du merkst, dass etwas fehlt, dann erfinde es neu.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s