Monatsarchiv: Dezember 2008

Zivilisationsfortschritt?

Eine landläufige Vorstellung über das Mittelalter beinhaltet meist Städte mit einem eher unhygienischen Strassenbild. Deutlicher: die Strassen waren voller Scheisse. Dass der Fortschritt der Zivilisation oftmals langsamer ist als er wahrgenommen wird, gilt auch für die Verteilung der Scheisse in unseren Städten. Erst seit kurzem sind wir in der Schweiz auf dem Weg, die Scheisse von den Bahnschienen zu verbannen. (Bis anhin fand ich den Lärm von Zügen deshalb ein sekundäres Problem.) Ich sehe aber keinen Fortschritt bezüglich der Verteilung der Scheisse von Hunden. Wir halten das Mittelalter für dunkel und rückständig und unsere Städte sind voll von Hundescheisse?

Es scheint, dass das Zusammenleben mit Menschen derart unerträglich geworden ist, dass wir es in Kauf nehmen im hygienischen Mittelalter zu leben nur damit wir von erwiesenermassen dummen Kötern getröstet werden. Wer braucht schon Nächstenliebe, wenn es Hunde gibt? Allen frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr!

(Wenn jemand Studien zu gesundheitlichen Auswirkungen der Verteilung von Hundescheisse in den Städten kennt, bin ich um Hinweise dankbar.)

Krugman gegen den Föderalismus

Paul Krugman weist in seiner Kolumne auf ein wichtiges Argument gegen einen zu starken föderalistischen Staatsaufbau hin. Ein Nationalstaat müsste daran interessiert sein antizyklisch handlungsfähig zu sein, da viele Staatsausgaben zu Zeiten einer Rezession billiger sind. Während einer Rezession besteht nämlich weniger Konkurrenz zwischen Staat und Wirtschaft. Investitionen in die Infrastruktur sind beispielsweise billiger, weil die Lohnkosten zum Teil durch nicht bezogene Arbeitslosenunterstützung „subventioniert“ werden.

Für diese Art des Handelns ist der Nationalstaat besser positioniert als Teilstaaten oder Kantone, da diese entweder stärkeren Budgetbeschränkungen unterliegen oder höhere Zinsen für ein Budgetdefizit bezahlen. Gleichzeitig macht es wenig Sinn, wenn staatliche Leistungen wie Schule, Sozialhilfe, etc., die permanent sein sollen, in einer Rezession gekürzt werden müssen, weil das Budget dies verlangt.

Kennt jemand Zahlen, die dies auch für die stark föderalistische Schweiz belegen? Interessant wären z.B. die Zinskosten für den Bund im Vergleich zu den Kantonen.

Hosensatz lesen

„Es gibt inzwischen sehr gute Modelle, die unter normalen Bedingungen wichtige wirtschaftliche Parameter wie Investitionen, Inflation und privaten Konsum zuverlässig prognostizieren.“

Das sagt Andreas Herrmann von der Uni St.Gallen. Im Verlauf des Interview auf newsnetz kann er nicht wirklich kaschieren, dass die laufende Wirtschaftskrise auch ein Beleg dafür ist, dass die gängigen ökonomischen Modelle zur Prognose für den Mülleimer sind. Man muss nicht sehr kritisch sein um zu wissen, dass die Theorien über das Funktionieren der Wirtschaft, die von mittelmässigen Ökonomen propagiert werden, simplistisch, trivial, rein instrumentell oder schlicht falsch sind. Der Vergleich mit dem Kaffeesatzlesen ist da nicht so schlecht. Das funktioniert auch nur, weil die Abnehmer dieser Prognosen verzweifelt nach Antworten suchen und diese hinter falsch verstandenem Expertenwissen erhoffen. Wenn mit Kaffeesatzlesen genau so viel Geld zu machen wäre wie mit Konjunkturforschung, dann würde newsnetz auch Kaffeesatzleser der Uni St.Gallen interviewen. Sollte die herrschende Ideologie bei Gelegenheit weder den Konjunkturforschern noch den Kaffeesatzlesern folgen wollen, so könnte ich als gleichwertige Alternative nicht nur das Hosensatzlesen sondern auch das Hosensatzhören anbieten.

Nicht mittelmässige Ökonomen stellen sich Fragen wie: „Why do crack dealers still live with their moms?“

Von Plastikschwänzen und fahrenden Hunden

Bildredakteur zu sein, ist nicht immer einfach. Meistens muss man hundert Dinge auf einmal erledigen, wird von allen gleichzeitig angeschnauzt und für die Suche nach wirklich tollen Bildern bleibt kaum Zeit.
Aber manchmal entdeckt auch ein Bildredakteur wahre Perlen, beispielsweise heute im Blick (S.18). Und die sehen dann so aus:
Swingen ist lustig
Sieht zwar aus wie eines meiner Ferienfotos, doch auch in amerikanischen Swingerclubs geht es oft lustig zu und her.

In seltenen Fällen, bilden Bildredaktion und Produzent gar ein richtig gutes Team. Dann nämlich, wenn Titel und Bild alleine schon eine Geschichte hergeben, wie beispielsweise heute im Tages Anzeiger. Da brauch ich den Text gar nicht erst zu lesen.
Fahrende Hunde im Tages Anzeiger
In Anbetracht, dass ich sowieso zuerst das Bild betrachtet und den Titel nur überflogen habe, hiess die Geschichte für mich: Immer mehr Hunde als Straftäter. Fahrende Hunde sind irgendwie fast noch besser, als Golfmobile mit Plastikschwänzen.

Aussage gegen Aussage

In den vereinigten Staaten, sowie in der EU ist es schon seit längerem Usus, dass internationale Verlage Interviews wiederverwerten. Sprich, erstellt eine Redaktion in Spanien einen Inhalt auf spanisch, ist die deutsche Redaktion durchaus in der Lage, denselben Inhalt noch einmal abzudrucken. Meist lediglich übersetzt, nicht revidiert und natürlich gratis.
In der Schweiz kommt diese Praxis eher selten zum Zug und wenn, dann meist zwischen Romandie (Le Temps/Edipresse) und Deutschschweiz (Ringier, TAMedia). Das Dumme daran: Die Schweizer müssen sich die Geschichten gegenseitig abkaufen, was die ganze Sache unrentabel werden lässt.

Die Deutschen, die Engländer und insbesondere die Amerikaner sind in dieser Beziehung schon einen Schritt weiter. Damit Stars und Sternchen nicht permanent von Journalisten belästigt werden, werden meist Roundtable-Interviews veranstaltet, oder, was meist noch üblicher ist, es wird eine Celebrity-Agentur wie etwa BANG-Showbiz mit einem Interview beliefert.
Der Star sichert sich so ab, dass er keine unangenehmen Fragen gestellt bekommt, die Agentur erhält für Vermarktung und Schein-Unabhängigkeit die Exklusiv-Rechte und verkauft diese zuerst an den Meistbietenden und danach an alle anderen.
Manchmal aber gehen solche Interessen-Tandems schief. Dann nämlich, wenn sich Agentur und Redaktion nicht schriftlich über Länge, Inhalt und Autorisierung des Interviews verständigen und die Erst-Redaktion das Interview gratis und ohne Präzisierung an eine Zweitredaktion innerhalb des Hauses weitergibt, wie dies Beispielsweise soeben bei der Hearst-Corp. und ihrem Flaggschiff Cosmopolitan geschehen ist.

Nun hat die britische Redaktion, laut Guardian eine ziemlich heftige Klage am Hals. Die Kägerin wird mit grosser Sicherheit recht bekommen, dazu muss man kein Hellseher sein. Sie hat das Recht, zumal sie in England und nicht in Amerika gegen ihre Agentur klagt, auf Ihrer Seite, denn sie hat die britische Version des Interviews nie zu Gesicht bekommen. Ändern wird das Urteil nichts an der Praxis, dass viele Journalisten in Metropolen längst nicht mehr dazu da sind, ihre Geschichten persönlich zu schreiben, sondern nur noch zu verarbeiten. Immerhin aber leuchten in solchen Fällen die Mechanismen kurz auf.

Dies soll all jenen ein Denkanstoss sein, die sich ständig über die Instrumentalisierbarkeit der Schweizer Journalisten mokieren. Sicherlich, dies ist keine Entschuldigung für schlechten Inhalt oder gar die Verweigerung, seine Arbeit kritisch zu reflektieren.
Doch – und dafür stehe ich ein – selbst „Friday“, das Magazin, welches das Wochen-Übel von 20 Minuten auf 20 Seiten komprimiert, schreibt die meisten Geschichten selbst. Zumindest momentan noch.

Idiot des Tages: Die Typen von Chrysler

 

Ich gebe zu: Eine totale Verweigerungshaltung in Krisenzeiten kann durchaus Sinn machen. Wenn man allerdings über dem Abgrund balanciert, wäre es eventuell an der Zeit über einen Taktikwechsel nachzudenken.

 

Die Auto-Seite im Blick (heute S. 31) ist diesbezüglich so etwas wie das Verweigerungshaltungs-Barometer. Sprich, je grösser die Verweigerung, desto schlimmer die Krise.

Seit der US-Senat das Ansinnen der US-Autoindustrie (Zur Erinnerung: Ford, Chrysler &GM) mit einem Fusstritt (ich liebe den Fusstritt) in den Äther befördert hat, steht vor allem Chrysler am Abgrund. Mit Dodge und Jeep besitzt Chrysler nämlich so etwas wie die „schlechtesten Karten“ im derzeitigen Autopoker. Eine Erklärung erübrigt sich.

 

Wenn der Blick heute also in seiner (Publi-) Reportage fragt, warum Chrysler derzeit keine neuen Dodge- und Jeepmodelle liefert, dann antwortet der Managing Director Thierry Hubert mit:

 

Jetzt folgt eine Konsolidierungsphase mit intensiver Modellpflege sowie einigen Überarbeitungen.

 

Überarbeitung heisst nach Hubert: „So werden beispielsweise diverse Modelle komplett neue und qualitativ hochwertige Interieurs bekommen„.

 

Nicht nur zeigt Chrysler damit, dass man genau am richtigen Punkt ansetzt, nein man hat auch das Mittel gefunden, um das schwindende Kundeninteresse wieder anzukurbeln.

 

Besser ist nur noch Huberts Antwort auf die Frage: Wird Chrysler diese Krise überleben?

Natürlich!

 

Zu Caesars Zeiten hat man den Überbringer schlechter Nachrichten kurzerhand erschlagen. Da dies aus humanitären Gründen heute nicht mehr geht, greift man zur Verweigerungstaktikt. Das Barometer liegt am Anschlag. Die Weltwirtschaftskrise ist da.

Helden des Tages: R200K

 

Nun gut, die Jungs von R200K sind eigentlich schon Helden an sich. Aber manchmal lässt sich das bereits erreichte Heldentum auch modifzieren – zur Magnifica Gloria.

Derzeit tourt die Zürcher Band Radio 200000 durch Zentralamerika und spielt Gigs in staubigen Bars und abgewrackten Clubs irgendwelcher unbekannter Orte. Das alleine ist ja schon bemerkenswert – kommt erschwerend dazu, dass die Jungs auf Züri-Dütsch von der Bühne brüllen. Auf Fragen wie „ISCH COSTA RICA IM HUUUUS?“ kommt da normalerweise nicht gerade ohrenbetäubendes Echo.

 

Zum Beispiel in San José. Ein Konzert in einem kleinen  Theater:

«Hat ungefähr Platz für 300 Leute und ist zu einem guten Drittel gefüllt. Nach dem dritten Lied beginnt das Mischpult zu rauchen, nach dem vierten geht gar nix mehr. Egal: a cappella weitergemacht und einen Witz erzählt, bis das Ersatzmischpult installiert war. Die Stimmung ist soso lala und reicht seitens des Publikums von fluchtartig den Saal verlassen bis euphorisch mitschunkeln. Beim Song «Im Huus» springt dann die Sicherung raus, bei «Eisprung» logischerweise gleich nochmals. Rodrigo, der Organisator, zeigt sich aber überraschend begeistert von unserer Musik – und noch beeindruckter von unserem legeren Umgang mit technischen Schwierigkeiten».

 

Das Tourtagebuch findet sich in unregelmässigen Abständen im Tages Anzeiger. Online ist es leider nirgends zugänglich. Das ist immerhin konsequent, da es an die Zustände in Costa Rica erinnert.

Heute nun wird auch 20Minuten auf die Jungs von R200K aufmerksam. Es ist, in meinen Augen, die erste Meldung auf der People-Seite, die tatsächlich so etwas wie einen Inhalt hat:

Die Jungs hatten einen Auftritt in Panama-Stadt, in einem Gefängnis Namens «El Renacer». Der Auftritt war geil, da keine Sau verstand um was es ging (PANAMA HEB D HÄND I D LUUUUFT), die Jungs wurden mit ziemlicher Sicherheit beklaut und trotzdem freute sich jemand: Ein 24-jähriger Basler nämlich (der vermutlich Zürcher abgrundtief hasst) und seit sechs Monaten in El Renacer einsitzt. Warum (ja warum? warum? warum?) verschweigt mir 20 Minuten wieder einmal, getreu der Devise: Inkompetent, uninformiert und ungenau.

Und trotzdem. Die Aktion ist geil. Und das reicht zur Magnifica Gloria. Keine Diskussion. R200K isch d Hose wo d muesch lose. Einmal mehr.