Wenn Studenten Primeure schreiben – Der TA und das Bankgeheimnis

Heute titelt der Tages Anzeiger in seiner Printausgabe: „CIA überwacht Bankzahlungen von Schweizern – Bundesrat und Banken haben falsch informiert“. Klingt nach einer grossen Geschichte, doch der Text beruht lediglich auf einer Behauptung. Der vermeintliche Primeur entstammt der Feder eines 26-jährigen Studenten aus Genf, der noch nie zuvor einen Satz geschrieben hat. Questions anyone?

Beginnen wir vorne. 2006 deckt die NY-Times auf, dass die CIA seit den Anschlägen vom 11. September 2001, die so genannten S.W.I.F.T.-Transaktionen überwacht. Dies betrifft in der Schweiz vor allem den internationalen Zahlungsverkehr, der auch hierzulande über SWIFT abgewickelt wird. Das führte im Juni 2006 zu Diskussionen in der schweizer Presse, in den Parteien und vor allem im Bundesrat, inwiefern diese Überwachung das Schweizerische Bankgeheimnis gefährde. Wir erinnern uns, die offizielle Kommunikation lautete: Das Bankgeheimnis innerhalb der Schweiz ist nicht in Gefahr, da der Inlandverkehr über das SIC-System, einem vom SWIFT-Verfahren losgekoppelten System, abgewickelt werde. Wer allerdings Geld ins Ausland, sprich per SWIFT überweist, wird vom CIA gescannt. Wie gesagt: Offiziell. Inoffiziell gab es bereits 2006 Widerstand an dieser Lesart.

Am 20 Juli forderte beispielsweise die Basler Zeitung: „Der Bundesanwalt müsste ermitteln„. Da die Schweizer Banker (und damit auch ein Teil der Behörden) durchaus über die SWIFT-Aktionen im Bilde waren, wurde eine Untersuchung gefordert. Diese kam allerdings nie zustande. Im Oktober desselben Jahres schaltete sich der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte, Hanspeter Thür ein und bemängelte eine Verletzung des Datenschutzes bei SIC und SWIFT, die einer Prüfung bedürfe. Banken und Behörden bekamen einen Rüffel und versprachen Besserung. 2007 informierten die Banken ihre Kunden über die Problematik so genannter SWIFT-Überweisungen. Wer Überweisungen ausserhalb von SWIFT, sprich innerhalb der Schweiz, über SIC, tätige, stehe aber weiterhin auf der sicheren Seite. Das glaubten die Schweizer – bis heute.

Denn jetzt behauptet der Tages Anzeiger, auch der Inland-Zahlungsverkehr werde vom CIA gescannt. Bundesrat und Banken hätten gelogen. Das wäre ein ziemlich heftiger Skandal, der eventuell sogar eine PUK nach sich ziehen könnte. Der Knotenpunkt, so der Tages Anzeiger, nenne sich remoteGATE. Da dass Schweizer SIC-System sehr kompliziert und teuer in der Handhabung sei, wählen immer mehr Finanzinstitute den Umweg über ein System namens remoteGATE, eine Art Kopplungsverfahren zwischen SIC und SWIFT. Die Überweisung wird in SWIFT getätigt, remoteGATE koppelt und übermittelt für das Finanzinstitut an SIC und erspart dem Kunden damit das mühsame und teure abwickeln per SIC. Und bei dieser Umwandlung wiederum schalte sich der US-Geheimdienst ein.

remoteGATE

Da remoteGATE seit der Gründung offen und transparent kommuniziert, kann jeder selbst nachprüfen, ob seine Bank ein Mitglied der SIC-SWIFT Kopplungsschleife ist, wie beispielsweise die Coop-Bank Filiale am Tellplatz in Basel oder die UBS-Vertretung in Flims-Dorf. Wie der Tages Anzeiger aber zur Behauptung kommt, dass die CIA Zugang zu den remoteGATE-Datensätzen haben soll, bleibt in dieser Titelgeschichte ein Rätsel. Besser noch, es bleibt eine Behauptung. Ob die Datensätze im Umwandlungsverfahren codiert oder anonymisiert werden, was sie unter Einhaltung des Bankgeheimnisses und den Datenschutzbestimmungen eigentlich müssten, scheint dem Autor offensichtlich schnurz egal zu sein. Doch das ist nicht die einzige Ungereimtheit.

Sucht man nach dem Autor der Geschichte landet man bei einem Johannes Köppel, 26 Jahre alt, aus Genf. Dort studiere er derzeit internationale Studien und Entwicklung. Zuvor habe er Wirtschaftsgeschichte in Moskau studiert. Wir repetieren. Der Tages Anzeiger bezichtigt den Bundesrat auf Grund von öffentlich zugänglichen Daten der Lüge. Das Hauptargument beruht nach momentaner Erkenntnis (und solange vom TA nicht anders kommuniziert) auf einer Behauptung. Als Autor dieser Behauptung, die notabene die Titelgeschichte samt Titelkommentar der heutigen Ausgabe darstellt, fungiert ein junger Student aus Genf, zu dessen Name Google nicht mal ein Unitext ausspuckt.

Macht das nur bei mir keinen Sinn oder ist das tatsächlich etwas merkwürdig?

Offensichtlich. Denn der Rest der Schweiz liest unkritisch mit. Siehe dazu auch, und, aber auch (…)

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2 Antworten zu “Wenn Studenten Primeure schreiben – Der TA und das Bankgeheimnis

  1. ich hab das heute auf DRS3 gehört. :-)

  2. Interessant in der Tat. Hab mich auch gefragt, warum die beim Tagi auf die ganz brisanten Geschichten neuerdings Studis ansetzen?

    Der vermeintliche Primeur entstammt der Feder eines 26-jährigen Studenten aus Genf, der noch nie zuvor einen Satz geschrieben hat.

    …ist allerdings auch etwas reisserisch ;-)

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