Das Magazin: Soziologie aus der Dose

Dose E.S.K. kürt Mathias Plüss für einen Artikel im Magazin zum Helden des Tages. Plüss berichtet von der These des Berner Klimahistorikers Christian Pfister, wonach die kleine Eiszeit während des europäischen Mittelalters mitverantwortlich ist für die damaligen Hexenjagden. Diese These nun gezielt im Kontext der aktuellen Finanzkrise lesen zu wollen, mag zwar lustig sein, mehr ist es aber nicht. Es schwappt garantiert kein Erklärungsgehalt über.

In einem anderen Kontext betrachtet, ist der Text von Plüss nämlich richtig ärgerlich. Er lässt als Kritiker der Klimathese den Soziologen Wolfgang Sofsky auftreten. Diesen lässt er einwenden, dass es ja nicht überall Hexenverfolgungen gab, obwohl das Klima überall zu kalt war. Damit hat Plüss seinen Strohmann aufgestellt, dem er dann entgegenhalten kann, dass gesellschaftliche Verhältnisse nicht monokausal bedingt seien. Hält er uns als Leser des Magazins für so dumm, dass wir in Bilderbuchmanier die Komplexität der sozialen Welt vorgeführt bekommen müssen?

Ich zweifle schwer daran, dass Sofsky glücklich ist über diese Darstellung der Dinge. Als Soziologe hat er vermutlich die Grundlagen seines Faches präsent und spätestens seit Max Weber ist da bekannt, dass eine richtige kausale Erklärung meist nicht mehr als eine Chance, eine Häufigkeit oder eine Annäherung angeben kann. Das ist es denn auch, was die These behauptet, eine erhöhte Chance, dass Hexenverfolgungen auftreten. Was uns der Artikel aber nicht sagen will, ist, dass die Soziologie aus ganz anderen Gründen skeptisch ist, wenn Naturereignisse als Erklärungen für soziale Phänomene angeboten werden.

Die Skepsis kommt daher, dass alle Ereignisse – egal ob natürlich oder kulturell – erst mal bedeutungsoffen sind. Wie eine bestimmte Gemeinschaft ein Ereignis deutet, ist äusserst flexibel. Eine Naturkatastrophe kann für eine Strafe Gottes gehalten werden, aber auch für ein vollkommen zufälliges Ereignis. Abhängig von der Deutung des Ereignisses handeln dann auch die Individuen dieser Gemeinschaft. Demnach ist es nicht das Ereignis an sich, das ein bestimmtes Verhalten auslöst, sondern die Bedeutung, die diesem Ereignis zugeschrieben wird.

In diesem Sinne erklärt die These überhaupt nichts, da sie nichts dazu sagt, weshalb das Ereignis als die Schuld von gesellschaftlichen Aussenseitern gedeutet wird. Es hätte ja auch als die Schuld von Allen oder von anderen Gemeinschaften gesehen werden können. Erwartbare Verhaltensweisen darauf wären dann wohl kollektive Busse oder Angriffskriege gewesen. Daran erkennt man den Unterschied zwischen Klimageschichte und Soziologie.

Schön wäre dann jeweils, wenn Journalisten diesen Unterschied auch noch vermitteln könnten, ohne gleich in Trivialitäten abzugleiten. Leider gelingt es ihnen dabei offensichtlich besser naturwissenschaftliche Ergebnisse zu vermitteln als sozialwissenschaftliche. Grund dafür ist allzuoft, dass Schreiber wie Leser davon überzeugt sind, dass gesellschaftliche Zusammenhänge genau gleich erklärt werden können wie natürliche. Weite Teile der Soziologie behaupten aber genau das Gegenteil. Soziale Phänomene sind bestimmt durch sinnhafte Zusammenhänge und diese werden wiederum von reflexionsbegabten Individuen getragen. Ein Baum deutet seine Umwelt nicht. Er kann das Vertrauen in die Luft oder den Boden nicht verlieren. Wie die aktuelle Finanzkrise zeigt, ist das in gesellschaftlich verfassten Zusammenhängen ganz anders.

(btw: Wer jetzt immer noch „soziologische“ Thesen lesen will, die mit Naturereignissen argumentieren, dem empfehle ich das brilliante „Guns, Germs, and Steel“ von Jared Diamond.)

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2 Antworten zu “Das Magazin: Soziologie aus der Dose

  1. Dose E.S.K

    Der Titel meiner mir medienrechtlich zustehenden Gegendarstellung würde lauten: „Soziologie in der Hose“:

    Plüss‘ Artikel ist überhaupt nicht monokausal und bietet sehr wohl Erklärungsmuster für die jetzige wirtschaftliche Situation. Nicht für ihr Auftreten aber für ihre kausalen Zusammenhänge und das ist es, worauf der Journalist wohl auch hinaus will, selbst wenn er es nicht wortwörtlich so beschrieben hat. Der Artikel zielt darum auch nicht darauf ab, das Ereignis als Schuld von jemandem zu werten, sondern einen möglichen partiellen Kausalzusammenhang zwischen Klima und Aberglaube aufzuzeigen. Dieser Zusammenhang betrifft garantiert nicht nur die Wetterhexen, was uns Plüss allerdings verschweigt. Da in der Diskussion bezüglich der Finanzkrise auf ein durchaus ähnliches Argumentationsmuster zurück gegriffen wird, sind auch die Erklärungsmuster (durchaus auch im Sinne der Argumentation von Hoselose) ähnlich. Denn die aktuelle Wirtschaftskrise als Werk der Bankmanager zu sehen (wie sie derzeit in der medialen Kommunikation erfolgt) und sie dafür brennen zu lassen, ist, wie im Hauptartikel soziologisch argumentiert, völlig falsch und unnütz. Genau so falsch übrigens, wie die Verfolgung von gesellschaftlichen Aussenseitern als Schuld des Klimas deuten zu wollen.

  2. hoselose

    Ich habe Plüss nicht vorgeworfen monokausal zu argumentieren, sondern pseudo-naturwissenschaftlich anstatt soziologisch. Das ist ein Unterschied ums Ganze.

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