Tagesarchiv: 18/10/2008

einsatzplatte: Amanda Palmer / Who killed Amanda Palmer?

Grossartiges und sehr anspruchsvolles Twin-Peaks-artiges Konzeptalbum der Dresden Dolls Frontfrau – oder anders gesagt; Astronaut: A Short History Of Nearly Nothing.

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Idiot des Tages: Journalist des BTonline.ch

Heute morgen lese ich:

Zugsunglück im Bieler Tagblatt

Jahaaaaa, genau.
Gerechterweise muss man sagen, dass auch die Redaktion der Berner Zeitung heute denselben Missgriff tätigt. Der Fehler ist zwar so alt wie der EV Zug selber, aber Beständigkeit alleine ist keine Rechtfertigung für dämliche, geradezu sinnlose Analogien. Der Misstand wird dadurch eher noch schlimmer.

Das Magazin: Soziologie aus der Dose

Dose E.S.K. kürt Mathias Plüss für einen Artikel im Magazin zum Helden des Tages. Plüss berichtet von der These des Berner Klimahistorikers Christian Pfister, wonach die kleine Eiszeit während des europäischen Mittelalters mitverantwortlich ist für die damaligen Hexenjagden. Diese These nun gezielt im Kontext der aktuellen Finanzkrise lesen zu wollen, mag zwar lustig sein, mehr ist es aber nicht. Es schwappt garantiert kein Erklärungsgehalt über.

In einem anderen Kontext betrachtet, ist der Text von Plüss nämlich richtig ärgerlich. Er lässt als Kritiker der Klimathese den Soziologen Wolfgang Sofsky auftreten. Diesen lässt er einwenden, dass es ja nicht überall Hexenverfolgungen gab, obwohl das Klima überall zu kalt war. Damit hat Plüss seinen Strohmann aufgestellt, dem er dann entgegenhalten kann, dass gesellschaftliche Verhältnisse nicht monokausal bedingt seien. Hält er uns als Leser des Magazins für so dumm, dass wir in Bilderbuchmanier die Komplexität der sozialen Welt vorgeführt bekommen müssen?

Ich zweifle schwer daran, dass Sofsky glücklich ist über diese Darstellung der Dinge. Als Soziologe hat er vermutlich die Grundlagen seines Faches präsent und spätestens seit Max Weber ist da bekannt, dass eine richtige kausale Erklärung meist nicht mehr als eine Chance, eine Häufigkeit oder eine Annäherung angeben kann. Das ist es denn auch, was die These behauptet, eine erhöhte Chance, dass Hexenverfolgungen auftreten. Was uns der Artikel aber nicht sagen will, ist, dass die Soziologie aus ganz anderen Gründen skeptisch ist, wenn Naturereignisse als Erklärungen für soziale Phänomene angeboten werden.

Die Skepsis kommt daher, dass alle Ereignisse – egal ob natürlich oder kulturell – erst mal bedeutungsoffen sind. Wie eine bestimmte Gemeinschaft ein Ereignis deutet, ist äusserst flexibel. Eine Naturkatastrophe kann für eine Strafe Gottes gehalten werden, aber auch für ein vollkommen zufälliges Ereignis. Abhängig von der Deutung des Ereignisses handeln dann auch die Individuen dieser Gemeinschaft. Demnach ist es nicht das Ereignis an sich, das ein bestimmtes Verhalten auslöst, sondern die Bedeutung, die diesem Ereignis zugeschrieben wird.

In diesem Sinne erklärt die These überhaupt nichts, da sie nichts dazu sagt, weshalb das Ereignis als die Schuld von gesellschaftlichen Aussenseitern gedeutet wird. Es hätte ja auch als die Schuld von Allen oder von anderen Gemeinschaften gesehen werden können. Erwartbare Verhaltensweisen darauf wären dann wohl kollektive Busse oder Angriffskriege gewesen. Daran erkennt man den Unterschied zwischen Klimageschichte und Soziologie.

Schön wäre dann jeweils, wenn Journalisten diesen Unterschied auch noch vermitteln könnten, ohne gleich in Trivialitäten abzugleiten. Leider gelingt es ihnen dabei offensichtlich besser naturwissenschaftliche Ergebnisse zu vermitteln als sozialwissenschaftliche. Grund dafür ist allzuoft, dass Schreiber wie Leser davon überzeugt sind, dass gesellschaftliche Zusammenhänge genau gleich erklärt werden können wie natürliche. Weite Teile der Soziologie behaupten aber genau das Gegenteil. Soziale Phänomene sind bestimmt durch sinnhafte Zusammenhänge und diese werden wiederum von reflexionsbegabten Individuen getragen. Ein Baum deutet seine Umwelt nicht. Er kann das Vertrauen in die Luft oder den Boden nicht verlieren. Wie die aktuelle Finanzkrise zeigt, ist das in gesellschaftlich verfassten Zusammenhängen ganz anders.

(btw: Wer jetzt immer noch „soziologische“ Thesen lesen will, die mit Naturereignissen argumentieren, dem empfehle ich das brilliante „Guns, Germs, and Steel“ von Jared Diamond.)

Held des Tages: Mathias Plüss, Wissenschaftsjournalist

Nun haben wir endlich Klarheit:
«Wetterhexen: Vor 400 Jahren wurden besonders viele Wetterhexen verbrannt. Weil sich das Klima verschlechterte».

Quelle: Mathias Plüss in: DAS MAGAZIN 42/2008

 

Die Analogie ist nicht zu überlesen:

 

Würden wir noch im Mittelalter leben, würden heute besonders viele Bankmanager verbrannt. Weil sich das Wirtschaftsklima verschlechtert.

 

Wer noch einen Beweis für das magische Wirken der Hexer sucht, lese heute die Südostschweiz.

  

«Die Bankmanager waren die Könige der Marktwirtschaft, die aus nichts blankes Gold schufen, das monetäre Perpetuum mobile erfunden hatten».

Quelle: Andrea Masüger in: Die Südostschweiz NR. 285, Titelseite

 

Dumm nur, dass sich durch das Verbrennen der Wetterhexen das Klima nicht wirklich verbesserte.