Bundesgericht gegen die mediale Banalisierung

Heimlich aufgenommene Beratungsgespräche mit Versicherungsvertretern durch den Kassensturz sind rechtswidrig, berichtet heute newsnetz. Alle, die jetzt beginnen wild um sich zu schreien von wegen Maulkorb und Medienfreiheit, sollen sich gleich wieder abregen. Es könnte nämlich sein, dass das Bundesgericht unsere Verfassung besser kennt, als jene Schreihälse.

„Dass es im Einzelfall schlechte Beratungen gebe, sei eine banale Tatsache, die dem durchschnittlichen Fernsehzuschauer durchaus bekannt sein dürfte. Für die Öffentlichkeit interessanter wären Aussagen über das Ausmass der Missstände gewesen.“

Eine staatlich garantierte Freiheit ist nicht Selbstzweck, sondern will unter anderem auch verdient sein. Mit der Skandalisierung von Einzelfällen und Einzelschicksalen lässt sich aber die vierte Staatsmacht beim besten Willen nicht begründen. Wenn das Bundesgericht dem Schweizer Fernsehen erklären muss, wie es seine Aufgabe zu erfüllen hat, dann wäre es vielleicht langsam Zeit für einen Richtungswechsel im Leutschenbach.

Also: Wir wollen beispielsweise nicht wissen, ob es Sozialhilfemissbrauch gibt, sondern wie gross das Ausmass ist. (Wenn nämlich über das Ausmass berichtet würde, wäre es offensichtlich, dass eigentlich über Wichtigeres zu berichten wäre.) Das würde aber bedeuten, dass die Informationssendungen wieder weg von der bildhaften Darstellung von Einzelschicksalen und Peoplegeschichten müssten. Wie das Bundesgericht zu recht kritisiert, kann man die Berichterstattung durchaus am durchschnittlichen Zuschauer ausrichten. Auch noch alle Vollprolls ansprechen zu wollen, bestätigt diese nur in ihrer Ignoranz.  Es bleibt zu befürchten, dass die Schwerfälligkeit der Schweizer Staatsmedien einen erneuten Richtungswechsel in weite Ferne schiebt. (Kann aber auch sein, dass die Vollprolls schon lange das Angestelltenrückgrat der idée suisse bilden.)

„Think of how stupid the average person is, and realize half of them are stupider than that.“ (George Carlin)

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Eine Antwort zu “Bundesgericht gegen die mediale Banalisierung

  1. Dose E.S.K

    Interessante These, in Ansätzen durchaus auch richtig, nur: wie funktioniert (modernes) quotenorientieres Fernsehen eigentlich? Fernsehen muss heute (frei nach R. S.) Emotionen erzeugen können, berühren und mitreissen. Einzelschicksale überzeugen dabei mehr, als die Tatsache, dass die Anzahl von Versicherungsbetrügern ein gewisses Ausmass überschreitet. Oder anders gesagt: Hätte die Weltwoche „neutral“ und „allgemein“ über Missbrauch von Sozialhilfe im Kanton Zürich berichtet und nicht am Fall einer Bezüglerin mit BMW (…), naja, den Rest kann man sich ja denken.
    Das Bundesgerichtsurteil lässt sich daher auch folgendermassen lesen: Die Berichterstattung von SF DRS ist banal und operiert anhand falscher, gar dämlicher, nicht relevanter Beispiele. Berichte über Ausmasse von Misständen lassen sich nämlich durchaus (siehe noch einmal Weltwoche) anhand von Einzelschicksalen illustrieren.

    Ich entschuldige mich dafür, dass ich als Referenzbeispiel immer auf Herrn Köppel zurück greifen muss, aber in dieser Disziplin ist dieser Journalist gerade zu begnadet – ganz unabhängig von seiner Einstellung, Art und Feld der Berichterstattung.

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