Tagesarchiv: 16/10/2008

Bundesgericht gegen die mediale Banalisierung

Heimlich aufgenommene Beratungsgespräche mit Versicherungsvertretern durch den Kassensturz sind rechtswidrig, berichtet heute newsnetz. Alle, die jetzt beginnen wild um sich zu schreien von wegen Maulkorb und Medienfreiheit, sollen sich gleich wieder abregen. Es könnte nämlich sein, dass das Bundesgericht unsere Verfassung besser kennt, als jene Schreihälse.

„Dass es im Einzelfall schlechte Beratungen gebe, sei eine banale Tatsache, die dem durchschnittlichen Fernsehzuschauer durchaus bekannt sein dürfte. Für die Öffentlichkeit interessanter wären Aussagen über das Ausmass der Missstände gewesen.“

Eine staatlich garantierte Freiheit ist nicht Selbstzweck, sondern will unter anderem auch verdient sein. Mit der Skandalisierung von Einzelfällen und Einzelschicksalen lässt sich aber die vierte Staatsmacht beim besten Willen nicht begründen. Wenn das Bundesgericht dem Schweizer Fernsehen erklären muss, wie es seine Aufgabe zu erfüllen hat, dann wäre es vielleicht langsam Zeit für einen Richtungswechsel im Leutschenbach.

Also: Wir wollen beispielsweise nicht wissen, ob es Sozialhilfemissbrauch gibt, sondern wie gross das Ausmass ist. (Wenn nämlich über das Ausmass berichtet würde, wäre es offensichtlich, dass eigentlich über Wichtigeres zu berichten wäre.) Das würde aber bedeuten, dass die Informationssendungen wieder weg von der bildhaften Darstellung von Einzelschicksalen und Peoplegeschichten müssten. Wie das Bundesgericht zu recht kritisiert, kann man die Berichterstattung durchaus am durchschnittlichen Zuschauer ausrichten. Auch noch alle Vollprolls ansprechen zu wollen, bestätigt diese nur in ihrer Ignoranz.  Es bleibt zu befürchten, dass die Schwerfälligkeit der Schweizer Staatsmedien einen erneuten Richtungswechsel in weite Ferne schiebt. (Kann aber auch sein, dass die Vollprolls schon lange das Angestelltenrückgrat der idée suisse bilden.)

„Think of how stupid the average person is, and realize half of them are stupider than that.“ (George Carlin)

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Schubumkehr – Wir kaufen uns die UBS

Heiliges Kanonenrohr. Nun ist es also doch passiert. Auch die Schweiz beteiligt sich an den so genannten „giftigen Papieren“ ihrer Banken. In den letzten Tag noch als Trittbrettfahrer gelobt, handelt der BR nun aktiv, mit dem Segen der Finanzkommission. (Wer von Bund und SNB wie viel erhält, hier.)

Lustigerweise will der Bund im Gegenzug bei Managerlöhnen mitreden – oder anders gesagt: goldene Fallschirme und exorbitante Löhne dürften zumindest bei der UBS der Vergangenheit angehören. Thomas Minder wird heute morgen mit einem Lächeln aufgestanden sein. Bei der UBS hingegen herrscht Katerstimmung. Nach Facebook (via) kürzt man den Managern nun auch noch den Bonus. Warum soll man da überhaupt noch arbeiten gehen?

In der Frage allerdings, welche die Bankkunden wirklich interessiert, nämlich ob die Einlageversicherung für Erspartes angehoben wird, schweigt sich der Bundesrat nach wie vor aus. Entsprechende Vorschläge liegen zwar auf dem Tisch, diese müssen aber erst noch durchs Parlament. Ein Entscheid ist daher vor 2009 nicht mehr zu erwarten. Post und Kantonalbanken danken.

Während der Schweizer BR brav Einigkeit zeigt, schlugen sich in den USA John McCain und Barack Obama wegen der Finanzkrise einmal mehr heftig die Köpfe ein. Das dritte Duell ist zu Ende, Sieger ist Obama (wer hätte das gedacht). Und das obwohl beide immer wieder gerne lügen. Der Eine macht’s einfach nicht so plump wie der Andere.

So schlittern wir denn munter weiter in die Wirtschaftskrise. Da nützt alles Hoffen nichts mehr, die Hilfe von oben zeigt sich einfach nicht. So erfreue ich mich zwangsweise an der Realität. Nachdem Onkel Steve endlich wieder mal etwas Taugliches vorgestellt hat (nachdem das Letzte ziemlich platt daherkam), blicke ich wenigstens einigermassen optimistisch in meine digitale Zukunft.