Tagesarchiv: 12/10/2008

Jörg H. – a candle in the wind

Eigentlich ist es peinlich. Da stirbt ein Mensch bei einem Autounfall und es entbrennt eine Debatte darüber, ob und wie angemessen es ist, sich darüber zu äussern. Eine Debatte, an der wir mit unserem Beitrag auch beteiligt waren.

Es gilt festzuhalten: Der Tod eines Menschen ist und bleibt tragisch. Niemandem, selbst nicht dem politisch ärgsten Feind, wünscht man in einer normalen, sprich demokratischen Gesellschaft den Tod. Und trotzdem: Wenn einer einen derart unglücklichen Abgang hinlegt, der sich Zeit seines Lebens selbst inszeniert hat, dann ist eine daraus resultierende Polemik völlig verständlich.

Interessant in diesem Zusammenhang ist vor allem die Innensicht unserer Nachbarn. Wie nicht anders zu erwarten, betrauern die privaten und staatlichen Medien den verunglückten Kärntner wie einen grossen Staatsmann. Eine Würde, die der ehemalige Landeshauptmann wohlgemerkt nie inne hatte. In Anbetracht dieser Umstände sei die Frage gestattet, inwiefern man in Österreich noch von einer normal funktionierenden Mediendemokratie sprechen darf. Die Tatsachen alleine, dass einer mit Aussagen zu provozieren vermag, keine wirklich funktionierenden politischen und wirtschaftlichen Alternativen anzubieten hatte und rhetorisch versiert war, rechtfertigt die aufwändige mediale Berichterstattung bei weitem nicht.

Tatsache ist und bleibt: Der Rechtspopulist kam bei einem Überholmanöver ums Leben, weil er die Kontrolle über sein Auto verlor und dabei in eine Wand donnerte. Das war’s aber auch schon. Keine Schwangerschaft, kein Attentat, kein Tunnel in Paris. So spektakulär ist das nun wirklich nicht – oder in den Worten des Haiderfreund:

Dein Kommentar ist zum KOTZEN !!!!!!!!!

Wo ist der Respekt ? Warscheinlich bist du irgendwo in der Hilfsschule hängengeblieben um so einen Sch… zu schreiben.

Haider bleibt in unseren Herzen“

bloggers anonymous III

I, II. Anonym im Netz unterwegs zu sein, sollte eigentlich den Vorteil haben, dass man alltägliche und für die elektronische Welt nutzlose Verhaltensweisen loswerden kann. Im Alltag ist es eine verständliche und normale Verhaltensweise neuen Bekanntschaften gegenüber zurückhaltend und vorsichtig zu sein. Man will schliesslich zuerst abschätzen können, ob das Gegenüber vertrauenswürdig ist. In einem gegenseitigen Aushandlungsprozess stellt sich dann schnell oder weniger schnell heraus, ob man die erste Zurückhaltung ablegt und offener zu kommunizieren beginnt.

Wer anonym ist oder problemlos zwischen Identitäten wechseln kann, braucht dieses Verhalten und diese Vorsicht nicht. Interaktionen im Netz haben den Vorteil, dass man schnell und ohne Risiko herausfinden kann, ob ein Gegenüber interessant ist oder nicht. Macht man dabei selbst einen Fehler oder findet das Gegenüber mit Fehlern behaftet, so zieht man ohne Verlust weiter. (Für Geschichtsverlust braucht es face-to-face Kontakt.)

Das Beste an dieser Situation ist, dass man sofort auf den Punkt kommen kann, den man interessant findet. Damit das klappt, müssen beide aber bestimmte zusätzliche affektierte Verhaltensweisen ablegen. So hilft es niemandem ausser dem eigenen Ego, wenn man anonyme Kritik aus dem Netz ablehnt, nur weil sie anonym ist und man keine Kritik von jemandem entgegennehmen will, dem man nicht vertraut. Genau das lässt sich ablegen, damit man direkt zu einer inhaltlichen Diskussion übergehen kann, ohne dass persönliche Empfindlichkeiten eine Rolle spielen müssen.

Ich bin kein hoffnungsloser Romantiker, aber im Netz scheint es mindestens zusätzliche Möglichkeiten zu geben, Diskussionssituationen herzustellen, die Interaktionen auf gleicher Augenhöhe ermöglichen. Das mag zwar noch nicht wirklich sokratischer Dialog oder Habermas’sche Diskursethik sein, aber doch ein Schritt in eine attraktive Richtung.

Für alle anderen gilt wie immer was George Carlin zur freien Meinungsäusserung im Radio sagte:

„A Reverend Donald Wildman in Mississippi heard something on the Radio that he didn’t like. Well, Reverend, did anyone ever tell you there are two knobs on the radio? Two knobs on the radio!! Of course, I’m sure the Reverend isn’t that comfortable with anything that has two knobs on it. But hey, Reverend, there are two knobs on the radio. One of them turns the radio off, and the other one changes the station! Imagine that, Reverend, you can actually change the station! It’s called freedom of choice, and it’s one of the principles this country was founded upon! Look it up in the library, Reverend, if you have any of them left when you’re finished burning all the books.“

Die Fernsehfalle – Swissdate vs Benissimo

Eigentlich wollte ich mir gestern Abend kurz „Swissdate“ anschauen, eine Single-Sendung auf «Tele Züri». Das ist eine meiner kleinen Samstags-Schadenfreuden, auch wenn es zugegeben etwas fies ist, sich über verzweifelte Singles-auf-Beutejagd lustig zu machen.
Nach genau 30 Sekunden und der Antwort (die Frage hab ich gar nicht gehört) einer Frau mit radikalem Kurzhaarschnitt: «500 Kilo Pferd, 40 Kilogramm Hund und eine äusserst strenge Arbeit als Projektmanagerin, willst du tragen helfen?», musste ich allerdings umschalten. Mir kamen vor Mitleid beinahe die Tränen.

Dummerweise kam ich vom Single-Himmel in die Friends-Hölle, denn ich strandete bei SF1 und bei «Benissimo», der Geriatrie-Sendung von Beni Turnheer (der sich übrigens äusserlich lediglich durch Brille und Glatze von Joel Gilgen unterscheidet). Das schlimmste Element der Sendung heisst «Friends». Eine Art Mini-Witz-Sendung, mit Stefanie Berger und anderen unlustigen Schweizer Promis. Nachdem eine Frau in einem orientalischen Markt eine hässlich angemalte Schale fallen liess, der Händler darauf sagte: «Diese Schale war 500 Jahre alt» und die Frau entgegnete: «da bin ich aber beruhigt, ich dachte sie wäre neu», war mein TV-Abend gelaufen.

So richtig runter ging mir der Laden allerdings heute Morgen mit der vermeintlichen Benissimo-Sendungskritik auf bazonline.ch. Der Titel: «Die grosse Show des Pausenclowns» liess vage Hoffnung aufkommen, dass es doch noch Journalisten gibt, die mich verstehen. Leider entpuppte sich der Artikel als eine heimliche Lobrede auf Turnheers Moderationsqualitäten, was in der Forderung gipfelte: «Mehr Interviews für Turnheer!»

Zum Glück ist Sonntag. Da kann man auch einfach wieder schlafen gehen.