Bye bye „.ch“ – oder warum gratis doch nicht gratis ist

Letzte Woche fragte mich der Ressortleiter einer grossen deutschen Tageszeitung, warum das Gratis-Konzept in der Schweiz eigentlich noch funktioniere? Überall sonst in Europa befänden sich die Gratistitel auf dem Rückzug. Meine Gedanken waren weiter nicht erstaunlich: Warum muss mir das ausgerechnet ein Deutscher erklären? Es gibt nicht viele Europäer, die von Gratiszeitungen noch weniger verstehen. Der ehemalige Blick-Chefe Karl Lüönd hat darum völlig recht, wenn er in lesenswerter Weise (via) schreibt, dass die deutschen Verleger und Nachfahren Goethes für Gratiszeitungen wohl bisher schlicht zu geizig, ich würde sogar schreiben: zu arrogant waren.

Wie sich zeigt, haderten die Deutschen bisher vermutlich gar zu Recht. Denn heute erreichte uns eine Hiobsbotschaft, die wohl das Ende der blühenden Gratiszeitung-Ära in der jetzigen Form in der Schweiz einläutet. Die Media Punkt AG, welche die Gratiszeitung „.ch“ herausgibt, spricht in einem Communiqué (via) von einem „Geschäftsgang, der nicht den Erwartungen entsprochen“ hätte. Sprich, die Kohle die reinkam deckt bei weitem nicht, was an Kohle rausging. Gründe dafür zu suchen (Hauszustellung funktioniert nicht bla bla), ist müssig. Fakt ist: Rentabel ist und bleibt in der Schweiz bis zum heutigen Zeitung nur eine nationale Gratiszeitung: 20Minuten. Dies verdankt sie absoluter Marktdominanz durch Auflagenstärke. Wer sich in der PR- und Marketing-Szene ein wenig auskennt weiss, dass niemand, der nationale Aufmerksamkeit für sein Produkt sucht, am Konsortium „TA-Media/20Minuten“ vorbeikommt. Ein Anzeigenkombi Blick/Blick am Abend wirkt dagegen etwa so sexy wie der Single der Woche.
Alle anderen Gratistitel, „heute“, „Blick am Abend“ „News“ und „.ch“ hinken diesem Vorbild mehr oder weniger dämlich hinterher. „News“ gar in doppelter Weise: Inhaltlich gibt es keine Verwendung für das Blatt, die Sparte Blödsinn deckt bereits die Schwesterzeitung ab, und auch Verlagstechnisch happert die Argumentation, da „News“ einen Teil des Gewinns von „20Minuten“ wieder wegfrisst.

Denn wie Karl Lüönd in seinem Artikel sehr schön aufzeigt, dauert es sehr, seeeehr lange, bis eine Gratiszeitung tatsächlich schwarze Zahlen schreibt. Den meisten Verlegern geht unterwegs verständlicherweise die Luft aus, heissen sie nun Metropol oder .ch. Und falls dies wiedererwartend doch nicht zutreffen sollte, wird die kriselnde Wirtschaft 2009 den Rest erledigen.

Was also habe ich dem deutschen Journalisten geantwortet?

Der Eindruck täusche. Wer eine hohe Auflage habe, fahre nicht automatisch hohe Gewinne ein. Im Gegenteil. Da mit Ausnahme von „.ch“ alle Verlage noch mit kriselnden Bezahl- und Abonnements-Zeitungen aufwarten müssen wollen (Tagi WEMF -2%/ Blick WEMF -4%), sei es grob geschätzt ein Nullsummenspiel.
Nun, da der einzig wirklich ernstzunehmende, da unabhängige Konkurrent eine Niederlage verkünden muss, dürfte meine Antwort noch etwas gröber ausfallen:

Das Konzept der Gratiszeitungen dürfte zumindest in der jetzigen Form gescheitert sein.

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3 Antworten zu “Bye bye „.ch“ – oder warum gratis doch nicht gratis ist

  1. Pingback: 20 vor Punkt « Journalistenschredder…

  2. mousseman

    Wieso brauchen wir noch eine Klopapiermarke mehr? Ich krieg von dem Plunder höchstens den Briefkasten vollgemüllt, da sie ihren Plunder nirgends anders entsorgen können.

  3. Pingback: R.I.P .CH « Hose&Dose

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