bloggers anonymous

Es lässt sich ganz sicher darüber streiten, ob man über das Bloggen bloggen soll. Auch wenn ich gute Gründe dafür anbringen könnte, dass man so etwas sein lassen sollte, um mit dem Alltag vorwärts zu kommen, so sehe ich doch auch ein, dass ein gesellschaftlich neues Phänomen immer auch etwas an Selbstreflexion hervorbringt. Dass mag keine Begründung dafür sein, metablogging zu betreiben, deshalb tue ich es einfach im Wissen, dass das folgende Argument total irrelevant und autopoietisch ist. (Wie sich hoffentlich zeigen wird, treiben mich Themen an, die nichts mit Blogs zu tun haben, was die Gefahrenzone entmint.)

Das Problem ist wohlbekannt: Soll anonym oder mit Klarnamen gebloggt werden? Dass ich hier (einigermassen) anonym blogge präjudiziert natürlich, welche Antworten erwartbar oder unwahrscheinlich sind. Wenn es also nur um die Schlussfolgerung geht, dann gibt es nicht mehr viel zu sagen als folgendes: Ich halte die anonyme aber öffentliche Äusserung für eine der stärksten Möglichkeiten, die das Netz bietet, befürworte eine solche Nutzung (wenn auch nicht uneingeschränkt) und halte jedes Festhalten an der Zuschreibung von Äusserungen zu real existierenden Personen in der Form von Klarnamen für langweilig. Damit ist hoffentlich klar, dass mich nicht die Antwort sondern vielmehr deren Begründung interessiert. Im Weiteren folgt also eine Begründung.

Angestossen worden bin ich durch eine kurze Begegnung in den comments mit bloggingtom. Meine Anonymität wurde mir dort als fehlender Anstand vorgehalten. Dass meine anonymen Äusserungen im Netz unanständig sein könnten, nicht auf Grund ihres Inhalts sondern weil ein Alias als Autor zeichnet, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Ich kann sehr wohl verstehen, dass der Betreiber einer Seite im Netz aus der Angst vor rechtlichen Konsequenzen jede Äusserung in Kommentaren absichern will. Dass das beinhalten kann, dass man Kommentatoren anhält Klarnamen zu verwenden, kann eine Massnahme sein. Dies aber mit dem Verweis auf ein Konzept wie Anstand zu begründen, halte ich für dermassen verdreht weit hergeholt, dass man sich fragen sollte, wie es zu dieser akrobatischen Leistung kommt.

Eine (soziologisch) triviale Antwort lautet natürlich, dass ein neues Medium wie das Netz und Interaktionsplattformen wie Blogs aufgrund der Tatsache dass sie neu sind, Unsicherheit produzieren. Unsicherheit in einer sozialen Situation wirft uns im ersten Moment auf gewohnte Normen zurück. Etablierte und eingelebte Normen haben zwar die praktische Eigenschaft, dass sie Verhalten auch in neuen Situationen regulieren und erwartbar machen, sie werden jedoch aufgrund der Tatsache, dass sie internalisiert sind, als nicht begründungspflichtig betrachtet. So kann es passieren, dass in neuen Situationen an alten Normen festgehalten wird. Neue Situationen sind aber gerade deshalb interessant, weil sie uns das Neuverhandeln von bestehenden Normen erlauben. Dabei einfach auf die gewohnten Regeln des Anstands zu pochen, ist zum Einen konservativ, was ich nicht für verwerflich halte, aber es kann eben auch zum Anderen unnötig dogmatisch sein. Das Unnötige an diesem Dogmatismus ist natürlich, dass es bestimmte Formen von Veränderung verhindert, die nützlich und produktiv sein könnten.

Eine aggressivere Erklärung für das konservative Festhalten an Normen in neuen Situationen könnte aber auch sein, dass damit Macht- und Regierungsgelüste kaschiert werden. Der Betreiber einer Website oder eines Blogs ist, wenn er das will, der Alleinherrscher seiner kleinen sozialen Welt. In einer Situation der alleinigen Machtbefugnisse Anstand zu predigen, wäre dann eine Regierungstechnologie, die ich für kritisierbar halte. Weil das Netz so viele kleine Welten bietet, die alle ihre kleinen Alleinherrscher haben, und in die niemand hineingezwungen wird, macht es kaum Sinn seine Nutzer auf diese versteckte Art und Weise regulieren zu wollen. Regeln klar kommunizieren und dazu stehen, dass sie einseitig diktiert werden, wäre mein normativer Vorschlag. Wem das nicht passt, der kann weiter ziehen.

Damit ist immer noch wenig darüber gesagt, was Anonymität im Netz attraktiv macht.

(Dieser Eintrag ist schon viel länger geworden, als ich von jemandem erwarten würde zu lesen. Ich breche deshalb hier ab. Sollte dies jemand meinem Alias „hose“ übel nehmen, so können wir beide unter wenig Konsequenzen zu einem anderen Blog und einem anderen Alias weiterziehen.)

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2 Antworten zu “bloggers anonymous

  1. Pingback: bloggers anonymous II « Hose&Dose

  2. Pingback: bloggers anonymous III « Hose&Dose

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