Monatsarchiv: Oktober 2008

Radiokonzessionen: 1 Gewinner, 1 Verlierer und ein Haufen Idioten

Energy verliert die Konzession, Tele Züri muss den Subventionspool verlassen und Guiseppe Scaglione ist der Gewinner des Tages. Dass Medienminister Moritz Leuenberger die grossen Verlage bei der Vergabe der neuen Konzessionen abstraft, ist nachvollziehbar – warum er Idioten fördert allerdings nicht.

Nun ist die Katze aus dem Sack und die Aufregung gross. Denn der grosse Verlierer heisst Ringier. Der grösste private Schweizer Medienverlag kriegt keine neue Konzession für eine Frequenz, die er notabene erst kürzlich (für big money von Goldbach Media) erworben hatte. Vielmehr verlieren geht eigentlich gar nicht. Es sei denn, man moderiert bei „Radio Energy“ und hat fest daran geglaubt, dass Bundesrat Moritz Leuenberger kein grosses Medienhaus abstrafen werde. Doch genau das hat er getan. Da gibt es kein Schönreden. Ob diese Abstrafung allerdings wirklich zu unrecht erfolgt, darüber lässt sich streiten.

Leistungsaufragt, Qualität und Medienkonzentration

In Zürich standen den etablierte Stationen zwei gute Herausfordern gegenüber. Beide, Schawinski und Scaglione, können langjährige Radioerfahrung vorweisen. Dass Radio „Zürisee“ nicht leer ausgehen würde, war ziemlich sicher. Dieses Radio unterscheidet sich am ehesten in Qualität und Service von den beiden Stadtradios „24“ und „Energy“. Dass Moritz Leuenberger nach seinem Rundumschlag gegen den „Einheitsbrei“ an den Kommunikationstagen seinen Sparingpartner Schawinski nicht gut links liegen lassen konnte, erstaunt ebenfalls nicht. Warum der Medienminister nun aber „Energy“ den Strom abdreht und „Radio 24“ weiterleben lässt, bleibt ein Rätsel. Es hätte genau so gut umgekehrt sein können. Beide Stationen erfüllen Leistungsauftrag und Qualitätsanspruch einigermassen akzeptabel, eventuell mit einem leichten Plus für die Tamedia und Radio 24. Dafür befindet sich die Tamedia national auf wildem Expansionskurs (Newsnetz, Tillate etc.), was punkto Medienkonzentration derzeit eher für Ringier sprechen würde.

Wer nun glaubt, Tamedia sei ja bereits genug abgestraft indem das Regionalfernsehen „Telezüri“ die Konzession verliere, täuscht sich. Cablecom, der wichtigste und grösste schweizer Kabelnetzbetreiber, lässt den Sender weiter aufgeschaltet. Einziger Nachteil ist, dass Telezüri nicht mehr im Subventionspool mitschwimmen darf. Das hat der Sender aber auch nicht nötig. Das Regionalfernsehen war ohnehin bisher der einzige regionale Privatsender, der es wenigstens in Ansätzen verstanden hat, rentabel zu sein.

Die Sieger von Basel bis Graubünden

Konzessions-Gedränge gab es nebst dem Grossraum Zürich im Kanton Graubünden, im Kanton Basel und im Kanton Aargau. Nun ist klar: Lebrument, Wanner wie auch Basilisk und Basel 1 dürfen ihre Konzessionen und damit ihre Frequenz behalten. Warum ist allerdings völlig unklar. Die Konkurrenz war gut, das Medienmonopol teilweise ähnlich dominant und schlecht klingend wie im Raume Zürich. Die Argumentation die nun bei Ringier für Aufregung sorgt, könnte genau so gut auf die Milchkühe von Oberhirte Lebrument oder Wanner angewendet werden.

Ein Verlier, Ein Sieger und ein Idiot

Ringier ist also der Verlierer des Tages. Für die Tamedia, Wanner und Lebrument, für die restlichen Einheits-Idioten also, bleibt alles beim Alten. Wer aber ist der Gewinner des Tages? Roger Schawinski? Nein. Für Schawinski ist es lediglich eine späte Genugtuung. Der eigentliche Gewinner heisst Guiseppe Scaglione. Nachdem er mit 105 bereits die neue Jugendradiokonzession geholt hat, kriegt er nun mit Radio Monte Carlo eine zweite UKW-Frequenz. Das ist eine Steigerung von 0% auf 200% innerhalb von 12 Monaten. Bei solchen Wachstumsraten kann selbst Schawi nur staunen. Ob der „Stürmi“ aus Muttenz beide Konzessionen verdient, muss angezweifelt werden. Scagliones grosser Feind war seit jeher die SRG und deren DRS-Programme. Dass er nun ausgerechnet auf Kosten von Ringier den Äther mit italienischem Formatradio und DJ Tatana verblöden darf, ist wohl eine so genannte Moritz-Ironie.

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Mediensünden der Woche

Die Aargauer Zeitung zockt ihre Leser ab und verlangt neuerdings 90 Rappen pro Anruf. Die Journalisten beim Blick am Abend haben offensichtlich Mühe mit Worten und Quellen und Punkt CH bombt die Börse in die Steinzeit zurück – oder so ähnlich. Die Böcke der Woche:

1. Platz: Aargauer Zeitung

90 Rappen pro Anruf

Der Zeitung mit Sitz in Baden muss es wahrlich schlecht gehen. Inserateschwund, teurer neuer Chefredakteur, teure Qualitätsjournalisten, was weiss ich. Wenn Geld fehlt, dann holt man es sich halt bei der eigenen Leserschaft zurück. Neuerdings verkündet die AZ auf der Titelseite, dass sich die Leser per Telefon an einer TED-Abstimmung zur Regionalpolitik beteiligen sollen. (für was gibt es eigentlich das Internet?) Die Abstimmung liefert der Zeitung zwar Material für einen weiteren Artikel. Allerdings mit Konsequenzen für den Leser. ein Anruf kostet radikale 90 Rappen.

2. Platz: Blick am Abend

Vom Tagesspiegel zur ZEIT

Im Tagesspiegel trompete Ökonom Hans-Werner Sinn etwas sinnfrei, die Bankmanager seien die neuen Juden. Der Zentralrat empörte sich und forderte per Neuer Ruhr Zeitung eine Entschuldigung. Die kam prompt per offenem Brief, den u.a. die FAZ veröffentlichte. Was DIE ZEIT damit zu tun hat, wissen nur die Qualitätsjournalisten beim Blick am Abend. Oder anders gesagt: Hauptsache Deutschland, ist ja eh alles das Gleiche.

3. Platz: .CH

Von der Wallstreet in die Steinzeit

Die mit Abstand dümmste Titelschlagzeile der Woche. Was will uns dieser Text eigentlich sagen? Was genau hat die Steinzeit mit der Börse zu tun? Ausser, dass es in der Steinzeit keine Börse gab, sehe ich keine Konnotation. Und da sind wir uns einig, der Kurs ist zwar volatil mit Abwärtstrend, aufgelöst hat sich die Börse deswegen noch lange nicht.

4. Platz: Blick am Abend

Wenn ganze Verben im Lead fehlen..

Es ist derzeit zwar Mode in Artikeln ganze Worte wegzulassen. Passiert sowas aber im Lead, dann waren wohl sowohl Korrektoren, als auch Produzent und Journalist gleichzeitig krank. Wer will schon Artikel lesen, die bereits in der Einleitung keinen Sinn machen?

P.s.: Dass 20 Minuten nicht vorkommt heisst nicht, dass die Ausgaben diese Woche besonders gut waren. Ich konnte mich einfach nicht überwinden, mehr als die Comic-Seite zu lesen. Und die war einwandfrei.

einsatzplatte: Cold War Kids / Loyalty to Loyalty

Lustig anzuhörendes Anti-Alles-Album, das allerdings meilenweit hinter dem ersten Werk zurück steht.

Tag der Diskriminierung

Gestern haben wir an dieser Stelle vom Sieg der Schwäne über die Schweizer Behörden berichtet. Und auch heute schreiben wir über Diskriminierung – allerdings nicht über Tiere sondern Menschen.

Es ist an der Zeit etwas progressiver zu denken. Witze am TV auf Kosten von Minderheiten sind schlicht passé. Eine Tatsache die bei Ricola nach wie vor nicht angekommen ist. Der Zältli-Konzern, der schon seit einiger Zeit im Verdacht steht latenten Rassismus zu betreiben (Chinesen können das „R“ sehr wohl aussprechen), kann es einfach nicht lassen, sich über andere Volksgruppen lustig zu machen. Neustes Werbespot-Opfer sind die Eskimos Inuit, (Ricola hat den Spot bereits wieder vom Netz entfernt.) Der Logik folgend wären nun eigentlich die Neger Schwarzen dran.

Wo wir gerade von Negern Schwarzen sprechen, auch Basel bekundet offensichtlich Mühe mit Minderheiten, allerdings nicht mit speziellen Volksgruppen, sondern mit sexueller Orientierung. Schwarze Ragga- und Reggae-Künstler haben nicht gerade den besten Ruf, wenn es um die Akzeptanz von schwulen Männern geht. Der «Battybwoy» scheint Künstler wie Buju Banton, Bounty Killer oder Capleton einfach zu sehr in ihrer Männlichkeit zu bedrohen.

Entsprechende Proteste von Battybowy Schwulenorganisationen, namentlich bei der Kaserne Basel, haben nichts gebracht. Denn Capleton verpflichtete sich zwar dazu, bei seinem Konzert Anfang November auf «Battybwoy»-Songs zu verzichten, auf jamaikanisch heisst das allerdings so viel wie: Ich spiele zwar den Song, singe selber aber nicht mit, den Refrain kennt die Crowd ja sowieso auswendig.

Vielleicht könnte irgendwer Ricola informieren, dass es durchaus passen würde, allfällige Spots über Neger Schwarze mit Buju Banton’s «Boom Bye Bye» zu unterlegen. Ich mag Ragga zwar gerne hören, aber irgendwann kommt man in ein Alter, in dem man nicht nur mitsummt, sondern auch anfängt, die Texte zu verstehen.

In dem Sinne:

(Its like) Boom bye bye
Inna batty bwoy head
Rude bwoy no promote no nasty man
Dem haffi dead
Boom bye bye
Inna batty bwoy head
Rude bwoy no promote no nasty man
Dem haffi dead

Wie war das noch mal mit der Anti-Rassismus-Strafnorm?

Held des Tages: Der Schwan

Mir schwant Übles. Daher, bevor ich mich ins Wochenende verdrücke noch dies:

Da war doch mal dieser Schwarze Schwan, der seine Runden auf dem Thunersee drehte. Der war den Berner Behörden ein Dorn im Auge, da er eigentlich aus Australien stammt. Weil neue Arten grossen Schaden anrichten können, beschlossen die Berner dem Schwan den Hals umzudrehen.

Gleichzeitig entstand der Mythos des „Kampfschwans“ von Nidwalden, der Badende im Strandbad in Horw brutal attakiert haben soll. Und auch hier beschlossen die Behörden dem Schwan den Hals umzudrehen.

In Thun formierte sich Widerstand, es wurde ein Verein gegründet, der «Schwarze Schwan» durfte bleiben und vermehrte sich.

In Horw wurde ein Abschusskomitee gegründet, der «Kampfschwan» wurde erschossen. Leider erwischten die Behörden den Falschen, der Schwan durfte bleiben und vermehrte sich.

Nun kapituliert der Kanton Bern zwangsweise, eine neue Art macht sich in der Schweiz breit, der Schweizerische Vogelschutz ist konsterniert und der Kanton Nidwalden hat nächstes Jahr wohl mehr als nur einen Kampfschwan.

Fazit: Schwan – Mensch, 2:0

einsatzplatte: Fujiya & Miyagi / Lightbulbs

Eines meiner Lieblingsalben derzeit: Krautrock 2008 mit fetter Bassline, simplen Akkorden und sehr bescheurten Pussyfooting-Texten.

einsatzplatte: School Of Seven Bells / Alpinisms

Ay Caramba. Hätte Alanis Morissette musikalisch heute noch etwas in der Birne (oder alternativ: nach wie vor ihren ersten und bisher einzig richtigen Produzenten) würde sie vielleicht solchen Sound produzieren.