Wie Thierry Carrel vor dem Sieg das Ziel verfehlte

thierry carrel - herzchirurg«Ein solches Theater um einen Arzt hat die Schweiz noch nie erlebt». Das stimmt und doch stimmt es wiederum nicht. Denn die Schlagzeile der Frankfurter Allgemeinen Zeitung FAZ stammt aus dem Jahre 2004. Thierry Carrel steht bereits seit langer Zeit im medialen Rampenlicht. Nicht zuletzt auch dank dem ehemaligen Chefarzt Marko Turina, der in einer gänzlich missglückten Aktion einer Patientin am Uni-Spital Zürich ein neues Herz einpflanzte – unter der Aufsicht des Schweizer Fernsehen. Die folgende Geschichte ist lange bekannt: Die Patientin hatte Blutgruppe „0“, das Herz Grupppe „A“. Die Patientin starb, Zürich hatte seinen „wann wusste Turina vom falschen Herzen“ (Tages Anzeiger 15.6.2004) – Skandal und das Unispital ein Nachfolgeproblem.

Thierry Carrel hatte schon damals den richtigen Riecher. Er lehnte eine Berufung ans Universitätsspital in Zürich ab und blieb nach längerem hin und her doch am Inselspital in Bern. Auch fachlich kann man dem mittlerweile zum „besten Mann fürs Herz“ aufgestiegenen Arzt nicht viel entgegen halten.

„2007 führte das Spital 1280 grosse Herzeingriffe durch, das sind fast 600 mehr als noch vor zwei Jahren. Seiner Klinik widmet sich Carrel rund um die Uhr: Bis zu 100 Stunden pro Woche ist der Chefchirurg im Einsatz. Er operiert, leitet die Klinik, die 15 Fachärzte und 16 Assistenzärzte beschäftigt, und bildet Studenten aus.“

(Auszug Tagesanzeiger.ch)

Fehler finden sich in Carrel’s Lebenslauf keine. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Er scheint kompetent, sozial, bescheiden und loyal. Und nun hat er der Schweiz auch noch auch noch beigebracht, wie ein Arzt in Krisenzeiten zu kommunizieren hat. Seit Bundesrat Hans-Rudolf Merz vergangenen Sonntag von St. Gallen per Rega-Helikopter ins Inselspital eingeliefert wurde, verging kein Tag an dem Carrel nicht den Medien mehrmals Rede und Antwort stand. In Spitzenzeiten, beispielsweise am Sonntagabend, eine halbe Stunde vor der Operation (Vor der SF-Kamera für die Tagesschau und am Telefon für SRDRS / Echo der Zeit) und gleich anschliessend nach der Operation wieder. Das Schweizer Fernsehen zeigte zusätzlich Bilder vom Helikopterlandeplatz und der Einlieferung von BR Merz vom Dach des Inselspitals. Der Blick brachte dasselbe Bild mit Fokus auf Merzs Transportbahre Montagmorgen auf der Titelseite.

Sieht so eine viel gelobte und allseits respektierte Kommunikation eines Chefarztes aus? Müsste ein Arzt sich vor der Operation eines Regierungsmitglieds und ev. zukünftigen Bundespräsidenten nicht mehr auf seine eigentliche Aufgabe besinnen, als 30 Minuten vor einem zwar „routinemässigen“ – aber doch gefährlichen – Eingriff noch der schweizerischen Staatspresse Rede und Antwort zu stehen? Und warum, die Frage sei gestattet, in Gottes Namen kommt das Inselspital auf die Idee, die Einlieferung eines BR-Mitgliedes sei für die Nation von derart grossem Interesse, dass das Fernsehen selbst die Einlieferung auf dem Dach des Hauses filmen darf? Das Inselspital erteilte dazu ausdrücklich die Erlaubnis.

Nach dem Eingriff, soviel Lob sei gestattet, muss der Arzt kompetent und fachgerecht informieren. Genau das hat Thierry Carrel auch getan. Ob das ganze Vorgeplänkel aber wirklich nötig war, bleibt fragwürdig. Ein Communiqué hätte auch gereicht. Berns Spitzenposition in der Herzchirurgie ist sowieso unumstritten. Thierry Carrel wäre eigentlich ein guter Chirurg. Nun ist er zur TV-Pappnase mutiert. Ein Arzt muss in aller erster Linie operieren können. Das blöde Geplänkel vor der Kamera kann man getrost den Freizeit-Ärzten der SF-Soap «Tag und Nacht» überlassen.

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