Kina gegen die alten Herren

Reeto von Gunten hat am letzten Wochenende Kina Grannis zur Sonntagsmusik auf DRS3 via Das Magazin erkoren. Dose war gar nicht einverstanden. Gemäss Dose hat Reeto den falschen Song gewählt. Dieser soll der richtige sein. Soll sich Dose darüber aufregen, aber in einem Punkt ist er sich offenbar mit der Radiolegende einig: Das böse Geld hat die Musik der vormals unschuldigen Kina kaputt gemacht.

Nun ist der Sell-out-Vorwurf alles andere als neu. Benjamin und Adorno haben ihn auf ihre jeweils eigene Art formuliert und mit theoretisch schwerem Geschütz abgesichert. Der Punk hat sich sehr viel praktischer gegen Kommerzialisierung, Professionalisierung, Massengeschmack und „non-threatening bullshit“ gewehrt. Aus heutiger Sicht bietet dieses theoretische und praktische Arsenal aber kaum etwas mit Durchschlagskraft, das als Kritik gegen kommerzielle Popmusik in Anschlag gebracht werden könnte. Junge und talentierte Musiker wie Kina Grannis sind in einem Umfeld gross geworden, in dem die eingeübten Reflexe alter Herren (lasst sie uns ab jetzt kurz Dosen-Reeto nennen) gegen Sponsoring und Musikindustrie ins Leere zielen. Die Vermarktung von allem um jedem ist soweit fort geschritten, die westliche Welt ist so tiefgreifend kommerzialisiert, dass die Beherzigung alter Kritik für junge Menschen dem sozialen Selbstmord gleich kommt.

Jetzt haben diese Dosen-Reetos aber viel Zeit und Aufwand investiert, um ein Geschmackskostüm auszubilden, das ihnen das schnelle Auffinden von Authentischem in den Bergen von Kommerzmüll erlaubt. Diese harte Arbeit auf der Müllhalde halten sie nur aus, weil sie wissen, dass die Geschmackswahrheit auf ihrer Seite ist und sie spätestens im Jenseits Erlösung erfahren werden. Langsam müsste ihnen nun aber auch dämmern, dass die Entzauberung und Verweltlichung ihrer Geschmacksreligion kurz bevor steht. Schliesslich hat einer ihrer wichtigsten Apostel konvertiert: Saul Williams macht Werbung für Nike! Seine „List of Demands“ ist nun der Soundtrack zu einem neuen Nike-Spot.

Dass ein kritischer Zeitgenosse wie Saul Williams einen seiner Protest-Tracks leichtfertig einem Riesenkonzern verkauft, ist unwahrscheinlich und liefert deshalb einen passenden Anlass, um nochmals über die Geld vs. Authentizitäts-Debatte nachzudenken. Wie Jena Lena auf whatisthewhat richtig erwähnt, sind dazu wenige brauchbare Argumente im Umlauf. Saul Williams hat sich selbst um eine Antwort bemüht. Leider finden sich darin keine brauchbaren Argumente für seinen Vertrag mit Nike sondern nur Ausweichmanöver. Vermutlich will er andeuten, dass er nur so bekannt genug werden kann, um wirklich etwas verändern zu können. (gääähhn! Hat das nicht auch MC Hammer gesagt?)

Dass eine durchkommerzialisierte Welt Kritik vertragen könnte, werden die wenigsten bestreiten. Bin ich ignorant und sehe die Benjamins und Adornos unsere Zeit nicht oder bleibt uns wirklich nur Dosen-Reeto? Hilfe!

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3 Antworten zu “Kina gegen die alten Herren

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