Tagesarchiv: 11/09/2008

Kina gegen die alten Herren

Reeto von Gunten hat am letzten Wochenende Kina Grannis zur Sonntagsmusik auf DRS3 via Das Magazin erkoren. Dose war gar nicht einverstanden. Gemäss Dose hat Reeto den falschen Song gewählt. Dieser soll der richtige sein. Soll sich Dose darüber aufregen, aber in einem Punkt ist er sich offenbar mit der Radiolegende einig: Das böse Geld hat die Musik der vormals unschuldigen Kina kaputt gemacht.

Nun ist der Sell-out-Vorwurf alles andere als neu. Benjamin und Adorno haben ihn auf ihre jeweils eigene Art formuliert und mit theoretisch schwerem Geschütz abgesichert. Der Punk hat sich sehr viel praktischer gegen Kommerzialisierung, Professionalisierung, Massengeschmack und „non-threatening bullshit“ gewehrt. Aus heutiger Sicht bietet dieses theoretische und praktische Arsenal aber kaum etwas mit Durchschlagskraft, das als Kritik gegen kommerzielle Popmusik in Anschlag gebracht werden könnte. Junge und talentierte Musiker wie Kina Grannis sind in einem Umfeld gross geworden, in dem die eingeübten Reflexe alter Herren (lasst sie uns ab jetzt kurz Dosen-Reeto nennen) gegen Sponsoring und Musikindustrie ins Leere zielen. Die Vermarktung von allem um jedem ist soweit fort geschritten, die westliche Welt ist so tiefgreifend kommerzialisiert, dass die Beherzigung alter Kritik für junge Menschen dem sozialen Selbstmord gleich kommt.

Jetzt haben diese Dosen-Reetos aber viel Zeit und Aufwand investiert, um ein Geschmackskostüm auszubilden, das ihnen das schnelle Auffinden von Authentischem in den Bergen von Kommerzmüll erlaubt. Diese harte Arbeit auf der Müllhalde halten sie nur aus, weil sie wissen, dass die Geschmackswahrheit auf ihrer Seite ist und sie spätestens im Jenseits Erlösung erfahren werden. Langsam müsste ihnen nun aber auch dämmern, dass die Entzauberung und Verweltlichung ihrer Geschmacksreligion kurz bevor steht. Schliesslich hat einer ihrer wichtigsten Apostel konvertiert: Saul Williams macht Werbung für Nike! Seine „List of Demands“ ist nun der Soundtrack zu einem neuen Nike-Spot.

Dass ein kritischer Zeitgenosse wie Saul Williams einen seiner Protest-Tracks leichtfertig einem Riesenkonzern verkauft, ist unwahrscheinlich und liefert deshalb einen passenden Anlass, um nochmals über die Geld vs. Authentizitäts-Debatte nachzudenken. Wie Jena Lena auf whatisthewhat richtig erwähnt, sind dazu wenige brauchbare Argumente im Umlauf. Saul Williams hat sich selbst um eine Antwort bemüht. Leider finden sich darin keine brauchbaren Argumente für seinen Vertrag mit Nike sondern nur Ausweichmanöver. Vermutlich will er andeuten, dass er nur so bekannt genug werden kann, um wirklich etwas verändern zu können. (gääähhn! Hat das nicht auch MC Hammer gesagt?)

Dass eine durchkommerzialisierte Welt Kritik vertragen könnte, werden die wenigsten bestreiten. Bin ich ignorant und sehe die Benjamins und Adornos unsere Zeit nicht oder bleibt uns wirklich nur Dosen-Reeto? Hilfe!

Werbeanzeigen

Der Idiot des Tages

Hiermit verkündet ich feierlich die Eröffnung eines neuen Ressorts:

Der Idiot des Tages.

Diese besondere Auszeichnung wird jeweils an Menschen verliehen, die sich mit Äusserungen oder Aktionen abseits des gesunden Menschenverstandes verdient gemacht haben.
Heute vergebe ich diesen Titel gleich zwei Persönlichkeiten, wobei ich mich noch nicht genau entschieden habe, welcher von den beiden Herren der dümmere Idiot ist. Die Position bleibt à discuter.

Es handelt sich dabei um Willi Frommenwiler und Hans-Adam II, Fürst von und zu Liechtenstein.

Willi Frommweiler stammt aus Thunstetten im Kanton Bern und ist Mitglied der Freiheitspartei. Das alleine reicht allerdings nicht aus, um Idiot des Tages zu werden. Wo kämen wir auch hin, wenn wir hier täglich eine Laudatio auf Herrn Jürg Scherrer schreiben müssten (…).
Nein, Willi betreibt nebst eigenem Weblog auch eine eigene Website Namens www.kriminelle-auslaender.ch. Dort erfahren wir nicht nur solch wertvolle Dinge wie „Entwendetes Motorrad in Serbien aufgetaucht“, wir dürfen uns auch gleich noch ein Bild davon machen, wer es möglicherweise in der Schweiz gestohlen haben könnte. Willi ist folglich nicht nur ein nach den Datenschutzgrundsätzen fragwürdig handelnder Denunziant, nein, Willi ist auch ein Menschenfreund. Eine Art Strafgerichtshof Den Haag Miniatür. Denn Willi schreibt:

„Menschen sind Menschen – egal welcher Herkunft. Gewalt ist immer zu verurteilen. Die Meinung zu haben, Ausländer zu schützen, indem hohe Gewalttätigkeit Asylsuchender bestimmter Herkunft auf Integrationsprobleme zurückgeführt wird, ist wirklich Hilfsbedürftigen gegenüber nicht fair.“

Merke: Wer Gewalt als Ursache von Integrationsproblemen versteht, behandelt wirklich (sic!) Hilfbedürftige unfair.

Eigentlich ist es schwer vorstellbar, dass jemand den Willi heute noch toppen kann. Doch Hans-Adam macht’s möglich.
Kurz zusammengefasst geht die Geschichte so:
Der Berliner Prof. Dr. W. Michael Blumenthal wollte sich von Fürst Hans-Adam II mal kurz ein paar Bilder für seine Austellung im Jüdischen Museum in Berlin borgen. Thema der Ausstellung: „Raub und Restitution. Kulturgut aus jüdischem Besitz von 1933 bis heute“. Da die Fürstenfamilie während des zweiten Weltkriegs ebenfalls kunstvolle Federn lassen musste, ist Prof. Blumenthals Anfrage durchaus nachvollziehbar.

Nun, Fürst Hans-Adam ist schon etwas älter. 82 um genau zu sein. Dies mag zwar folgende Textpassage aus dem persönlichen Brief an Herrn Prof. Dr. W. Michael Blumenthal (Bild) erklären:

„Mit dem Zweiten Deutschen Reich befinden wir uns noch immer im Kriegszustand, da dieses untergegangen ist, bevor es mit uns Frieden schliessen konnte, und das Dritte Reich Gott sei Dank untergegangen ist, bevor es seine Drohung in die Tat umsetzen konnte, das Fürstentum „anzuschliessen“.

Aber, das fortgeschrittene Alter, plus der aktuelle Steuerstreit mit Deutschland dürften als Rechtfertigung für folgende Passage nicht mehr reichen:

„Was die deutsch-liechtensteinischen Beziehungen betrifft, warten wir hier auf bessere Zeiten, wobei ich zuversichtlich bin, denn in den vergangenen zweihundert Jahren haben wir immerhin schon drei Deutsche Reiche überlebt, und ich hoffe, wir werden auch noch ein viertes überleben“.

Ein einfaches „Nein, wir vergeben derzeit keine Bilder nach Berlin“ hätte auch gereichtnügt.

(Quelle Brief: Tages Anzeiger Printausgabe 11.9.2008)

baz.online Bilderstrecke

Wenn nur alle Bilderstrecken im Online-Auftritt von Zeitungen so gut gemacht wären, wie diejenige über lokale Vereine auf baz.online. Es geht offensichtlich auch anders als bspw. in der Süddeutschen.