Tagesarchiv: 10/09/2008

SF Tagesschau – Neutrale Berichterstattung?

Liebes Schweizer Fernsehen,
Lieber Heiner Hug

Wer sich in der Schweiz per TV über die (Schweizer) Newslage informieren will, der guckt im Normalfall die Tagesschau des Schweizer Fernsehens. Ich weiss zwar, dass das SF einen enormen Marktanteil hat und mir ist genau so bekannt, dass die Tagesschau die meist gesehene Informationssendung der Sender SF1 und SF2 ist, allerdings fehlen mir dazu die Zahlen (wie sie etwa die ARD als ÖR-Sender brav zur Verfügung stellt).

So gebe ich mich denn geschlagen und glaube den jeweils im Kontext genannten Zahlen und gehe davon aus, dass im Schnitt gut 1 Million Menschen das SF News-Angebot um 19:30 nutzt (das im Vergleich zu den deutschen Tagesthemen übrigens nicht immer pünktlich beginnt, aber das kriegt ihr dann auch noch hin..). So freue ich mich jeden Abend auf eine unabhängige, neutrale und faire Berichterstattung durch das kompetente Newsteam von Herrn Hug. Diese Erwartungshaltung wird nicht nur konstant enttäuscht, manchmal frage ich mich, welcher News-Produzent den SF-VJs eigentlich die Beiträge abnimmt. Nein, es müsste heissen: Ob ein News-Produzent (…)

Nehmen wir die gestrige Sendung (9.9.2008) als Beispiel.
Daraus den Beitrag von Pascal Kraus und Gion-Duri Vincenz über die geplante Studie zur Häufigkeit von Krebserkrankungen bei Kleinkindern in der Nähe von Schweizer Atomkraftwerken (Leibstadt, Beznau I&II, Gösgen, Mühleberg – 5Km-Umkreis). Dauer: Knapp 2 Minuten

Beitrag AKW vom 9.9.2008

Der Beitrag beginnt mit bedrohlich klingender Musik.

Beiträge im Newsteil der Tagesschau beginnen NICHT mit Musik. Es sei denn sie handeln von einer brennenden Ballettänzerin, die während der Vorstellung plötzlich in Flammen aufging. Falls nicht, tanzt Blocher im nächsten Interview zur Türe herein – zu Tango.

Danach die Feststellung, dass es in Deutschland eine ähnliche Studie gegeben habe, welche ein erhöhtes Krebsrisiko für Kinder in AKW-Nähe festgestellt habe.

Richtig wäre: Eine umstrittene Studie in Deutschland, die unter anderem zu heftigen Diskussionen über Strahlung in AKW-Nähe im deutschen Bundestag geführt hat.

Immer noch bedrohliche Musik – dann grosses Bild Leibstadt.

Ich habe verstanden: AKWs sind böse. b-ö-s-e.

Dann ist die Musik plötzlich weg (hu?) und Frau Kuehni, die Projektleiterin der Schweizer Studie, erklärt mir, welche Parameter in der Schweizer Studie abgeändert wurden.

Frau Kuehni hat offenbar keine Musik verdient. Sie ist NICHT böse.

Wenn Frau Kuehni nicht gerade für eine halbe Sekunde den Reporter anstarrt, blickt sie direkt in die Kamera.

Das ist nur ein kleines Detail für Freaks. Aber mir macht so etwas Angst.

Dann die Aussage: Auch in Deutschland könne durch die Studie ein Zusammenhang zwischen Erhöhter Krebserkrankung und AKW-Nähe nicht nachgewiesen werden.

Ja was denn nun? Da hat mir doch Frau Stauber in der Anmoderation etwas ganz anderes erzählt? Wollen die mich für dumm verkaufen?

Dann wird die Unabhängigkeit der Studie kurz aufgezeigt und die AKW-Betreiber dürfen vor der Kamera erzählen, dass sie nichts damit zu tun haben.

Uh, da bin ich aber beruhigt. Sonst würden die Strompreise vermutlich noch höher steigen.

Dann wieder bedrohliche Musik und ein Bild eines Kühlturms. Dazu die Aussage: Deutschland entscheidet bereits nächsten Monat (man haben die ein Tempo) ob sie auf dem Gebiet weiterforschen sollen, oder nicht.

Fazit: AKWs sind böse, die Deutschen schlauer und schneller wie die Schweizer und Frau Kuehni macht mir Angst.

Ein wirklich gelungenes Stück Schweizer News-Arbeit. Da passt es ja, dass Herr Haldimann sich selber auf die Schultern klopft.

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Steht es so schlecht um die „Südostschweiz“?

Andrea Masüger, Chefredaktor der Südostschweiz, beschwert sich via Medienspiegel, dass ihm die Medienwissenschaften kein anwendbares Medienwissen liefern. Es gäbe viele Möglichkeiten, dem Herrn Masüger zu erklären, wie es kommt, dass er Orientierungsbedarf hat, der nicht gestillt wird. Man könnte ihm erklären,

  • weshalb seine Erwartungshaltung nur seine gefühlte Notsituation wiedergibt,
  • weshalb die Medienwissenschaften nur als Ausbildungsgang für Leute, die „in die Medien“ wollen, am Leben erhalten werden,
  • weshalb die Medienwissenschaften als universitäres Fach als gescheitert zu betrachten sind,
  • weshalb die kritischen Stimmen innerhalb des Faches zwar existieren, aber nirgends gehört werden,
  • weshalb das Wissen, das er sucht, in den Medienwissenschaften nicht gefunden werden kann und auch nicht gefunden werden sollte und
  • vielleicht auch noch weshalb die Wissenschaft kein Dienstleistungsbetrieb für die Wirtschaft sein kann und auch nicht sein darf.

Jedoch ist zu befürchten, dass jemand, der nicht nur intellektuell sondern auch praktisch nicht versteht, dass Redaktion und Verlag eines Mediums (ebenso wie Verwaltungsrat und Geschäftsleitung in anderen Betrieben) getrennt gehören, keine meiner Erklärungen verstehen will und kann. Ich belasse es deshalb beim kryptischen Hinweis, dass gesellschaftliche Subsysteme operativ geschlossen und autopoietisch operieren, dabei aber mit strukturellen Kopplungen verschaltet sind und sich gegenseitig nur irritierend informieren.

btw: Professoren, deren Spezialgebiete Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement umfassen, sind wie Menschen, denen die Köpfe auf Bleistifte fallen, nämlich Mitläufer. Diese Kategorie wäre auch für Herrn Masüger zutreffend, falls er den Unterschied zwischen Redaktion und Verlag zwar versteht, aber mit Rücksicht auf seinen Chef ignoriert.