Monatsarchiv: Mai 2009

Darüber freut sich jede Frau!

Bald ist Muttertag (Sonntag glaub, ist mir aber eigentlich egal) und ich hätte es total vergessen, wenn nicht Dipl. Ing. Fust so nett gewesen wäre, mich per Katalog und tollen Schnäppchen an den institutionalisierten Verkaufszwang zu erinnern.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen und zeigen, dass auch eine Dissertation einen Manager nicht vor Schwachsinn schützt. Selbst dann nicht, wenn man Unternehmensleiter der Dipl. Ing. Fust AG ist und Dr. Erich Bohli heisst. Denn im Katalog ergreift Bohli auf der ersten Seite prominent das Wort und schreibt:

Liebe Kundinnen und Kunden

Darf man seiner Mutter zum Muttertag ein Haushaltgerät schenken? Leider habe ich selbst manchen Muttertag verstreichen lassen, ohne es selbst herauszufinden. Ich bin jedoch sicher, dass ich mit zahlreichen Artikeln aus dem Fust-Sortiment ins Schwarze getroffen hätte.

Überflüssig ist ein Werbeversand spätestens dann, wenn der Chef bereits im zweiten Satz zugibt, dass er ihn für Überflüssig hält.
Zudem, ist es nicht eine tolle Idee einer Frau am Muttertag klar zu machen, was man von der obligaten Rollenverteilung hält? Zum Beispiel mit einem schönen Fust-Bügeleisen? Oder einem Primotecq Staubsauger? Oder einem neuen Kochherd?

Oh hört ihr Weiber und Mütter, ihr Kurtisanen der Neuzeit, verwehrt euch den Erich Bohlis!

 

Blick am Abend Superstar

Der Nachrichtenchef der Abendzeitung Blick am Abend unkte jüngst, er vermisse konstruktive Kritik an seinem Produkt. Wir wollen Namen von der Redaktion zensiert, weil der Genannte sonst wieder mit Eier-Kritik auf uns eindrischt‘s Wunsch gerne erfüllen. Darum habe ich mich gestern gezwungen mit Freude wieder einmal den Blick am Abend gelesen überflogen. Da wir unsere Arbeit gerne richtig machen, habe ich auch gleich die Ausgaben aus Bern und Basel mitgelesen, schliesslich will man ja wissen, welche Art Mehrwert so ein Regionalsplit liefert.

Leider muss ich die Zeitung online lesen. In meiner Heimatstadt in Burkina Faso gibt es keine Boxen. Daher beziehen sich folgende Feststellungen auf die online zugänglichen Flashpapers.
Besonders beeindruckend wäre der Basler-Split gewesen (S.5 „Dem Van Gogh ein Ohr ab“). Passend zur derzeit aktuellen Van Gogh-Ausstellung hat Journalist Ronny Wittenwiler eine „blutige Geschichte“ recherchiert. Deren Inhalt: Vincent schnitt sich sein Ohr nicht selbst ab. Im Gegenteil. Es wurde abgesäbelt, von Vincents grossem Vorbild, von Paul Gauguin persönlich. Wer eine solche kühne Behauptung abschreibt aufstellt, sollte auch ein paar Worte zu den Motiven des Täters verlieren. Sonst wirkt das Ganze irgendwie surreal. Dummerweise hat Ronny das in seiner Geschichte aber vergessen. Der einzige Hinweis: „Gauguin galt als begnadeter Fechter“. Der Leser muss folglich selbst kombinieren, dass Vincent wohl zufälligerweise mit seinem Ohr in ein Fecht-Training stolperte.

Ohr des Anstosses: Van Gogh

Ohr des Anstosses: Van Gogh

Ansonten stütz sich Ronny auf ein Buch in dem „historische Polizeiberichte und Zeugenaussagen“ vorkommen. Also entweder ist eine Zeugenaussage bereits Teil eines historischen Polizeiberichtes, oder aber Ronny wollte uns klar machen, dass es tatsächlich heute noch Zeugen gibt, die beobachtet haben, wie Vincent mit seinem Ohr dem Fechttraining lauschte.
Alles nicht so schlimm, wenn schon die Basler Ausgabe so tolle News bereit hält, die allen formalen journalistischen Anforderungen bis ins letzte Detail genügen, dann kann’s in Zürich und Bern nur noch besser werden. Wird es auch. Dort findet sich anstelle der Van Gogh-Story die Geschichte, die in Basel auf der nächsten Seite stand. Eine abgekupferte Blickgeschichte.

Die war so gut, dass sie in Bern und Zürich gleich zweimal erscheinen musste. Anstelle von Van Gogh und dort, wo sie auch in Basel stand, auf der nächsten Seite nämlich.

 

Warum Amazon die Zeitung retten könnte

Die Ereignisse der letzten Tage zeichnen ein deutliches Bild vom Ernst der Lage. Die neue Luzerner Zeitung entlässt Angestellte, .CH wurde per sofort eingestellt und auch beim Tages Anzeiger verdunkelt sich der Himmel. Es wäre also an der Zeit für neue Ideen.

Gestern hat Amazon die 3. Generation des Kinddle’s vorgstellt, eine Art „iPod“ für Bücher. Dank speziellem Bildschirm ermüdet das Auge beim Lesen nicht so schnell wie sonst am Computerbildschirm und dank WLAN-Schnittstelle lassen sich laut Herstellerangaben innerhalb von 60 Sekunden ganze Bücher auf den Client laden. Es geht in diesem Blogeintrag nicht darum das plumpe Lied des „so wird die Zeitung gerettet“ zu singen. Das würde auch nicht stimmen.

Kritik zum neuen „DX“, wie der Kinddle der 3. Generation heisst, wurde bereits von mehreren Seiten geäussert. Und die klingt durchaus einleuchtend. Der DX sei lediglich ein weiterer, sauteurer Schuss in den Ofen. Zu gross, zu umständlich und zu unbrauchbar sei die Maschine, um sich als Massenmedium durchzusetzen. Die Tatsache, dass Titel wie die NY-Times den Kinddle bereits verbilligt mit Abo verhökern und diverse US-Universitäten den portablen Client als wieder verwendbaren Reader einführen wollen, sei lediglich Makulatur.

Das mag alles stimmen. Und auch ich zweifle daran, dass der Kinddle die Zeitungen retten könnte. Denn mittlerweile geht es der Zeitungsbranche so schlecht, dass die Frage des „was die Zeitung“ retten wird, gar nicht mehr erst gestellt werden muss. Vielmehr kommt es derzeit nur noch darauf an „dass man etwas tut“. Und hier setzt Amazon an.

Logistik, Herstellung und Vetrieb machen einen grossteil der Kosten einer Zeitung aus. Die journalistische Handarbeit bleibt dabei ein Faktor, allerdings nur einer unter mehreren. Dass man bei Vertrieb und Logistik nicht mehr gross sparen kann, ausser man kürzt die Löhne der Verteiler, zeigen die Diskussionen der letzten Woche. Bleibt in Zeiten von Google-News also nur noch die Möglichkeit, das allgemein zugängliche Gut an Information zu nutzen, seine eigenen Ressourcen zu eliminieren und damit zur Kannibalisierung der Medien beizutragen.

Dabei gäbe es viel logischere und weitsichtigere Fragen, die man sich als Verleger heute stellen müsste: Welche (technische) Rahmenbedingungen müssen gegeben sein, damit der Verleger sich besser auf sein Kerngeschäft (Qualität, Journalismus, Werbung, Leserzahlen) konzentieren kann?
Und weiter: Welche (technischen) Rahmenbedingungen müssen gegeben sein, damit journalistische Inhalt beim mobilen Konsum durch den Rezipienten nicht schon „überholt“ sind?

Amazon denkt hier mit der Digitalisierung und Zentralisierung von Informationsangeboten als Portal in die richtige Richtung, auch wenn damit ein ganzer Industriezweig (Druck/Vertrieb/Papierindustrie) kannibalisiert wird. Tatsache aber ist: Papier ist überholt. Informationstransport per Auto und Zug ist überholt. Disketten sind überholt und CDs sind überholt. Nicht nur aus umwelttechnischen Gründen, auch sonst. Zu umständlich, zu immobil, zu wenig Platz, zu unrentabel. Jede Art Information die nicht innert Sekunden mutierbar ist, hat heute gegen das Internet keine Chance mehr. Information muss variabel, sprich aktuell verfügbar sein.

Hätte ein Verleger auch nur noch den leisesten Hauch von Pioniergeist, würde er in diese Richtung denken. Nur wenn genügend brauchbare Ideen vorhanden sind, wird sich ein System/Produkt als Massenmedium durchsetzen. Apple hat den MP3-Player schliesslich nicht erfunden – nur weiterentwickelt.

 

Michael Ringiers kurze Weitsicht

Nun erwischts also auch die Neue Luzerner Zeitung. 20 Stellen werden gestrichen. Das macht, kumuliert man diese Zahl mit den ausgesprochenen Kündigungen von Anfang Woche bei .CH, 81 Verlags-Stellen, die definitiv verschwinden. Das sind ne ganze Menge. Und jeder Journalist, der noch regulär arbeitet, hofft sein Chef möge etwas weit- und umsichtiger handeln und damit solch harte Konsequenzen vermeiden.

Hannes Britschgi hat nicht ganz unrecht, wenn er die Familie Coninx als den einst sozialsten Arbeitgeber für Journalisten bezeichnet. Seit Knall-hart am Drücker ist, hat der Wind aber gedreht. Wie lange dass Britschgis Angestellte allerdings den jetzt neu „sozialsten“ Arbeitgeber geniessen dürfen, ist fraglich, wenn wir lesen, was Verleger Michael Ringier für mögliche um- und weitsichtige Zukunftsszenarien prognostiziert.

Ich hätte nicht gedacht, dass der Tag kommen wird, an dem ich  mit Klaus J. Stöhlker zumindest in Ansätzen einer Meinung sein werde. Und doch ist dieser Moment heute gekommen, denn Stöhlker schreibt: Der “Mittelland Zeitung” verdanken wir die Aussage des Zürcher Grossverlegers: “Mit 18 musste ich die NZZ lesen (Anm. freiwillig hat er es nicht getan) – wir hatten nichts anderes. Warum habe ich sie gelesen? Damit ich wenigstens über das Sportgeschehen informiert war. Ich habe mich damals sicher nicht für den Auslandteil interessiert.” Dreimal Tusch für die Interviewer Olivier Baumann und Christian Dorer. Unter gebildeten Kreisen liest man mit 18 den Auslandteil, aber Tennisspieler? Wer meint, dies sei ein Ausrutscher, wird im gleichen Interview von Michael Ringier belehrt: “Es liest ohnehin niemand drei verschiedene Tageszeitungen, um sich eine Meinung zu bilden.” Herr Verleger, wer will sich eine Meinung bilden, liest er nur eine Zeitung? Mit wem verkehren Sie? Der “MZ” sei Dank für dieses Interview. Ich kenne es nur deshalb, weil ich täglich mehr als drei Zeitungen lese, um mir eine Meinung zu bilden.


Bis auf den Punkt des „wer sich eine Meinung bilden will, muss heute mehrere Zeitungen lesen“ stimme ich Stöhlker zu. Doch dazu ein anderes Mal mehr, denn heute scheint tatsächlich mein Tag der grossen Übereinstimmungen zu sein. Nicht nur finde ich das Nachhaken der AZ u.a. bei Nick Lüthi (Klartext) richtig und gut durchdacht, mir gefallen auch Lüthis Gedankengänge. Wer sich das skizzierte Szenario und die möglichen Konsequenzen für den Ringier-Verlag durch den Kopf gehen lässt, der muss sich tatsächlich fragen, wie lange Hannes Britschgi beim jetzt noch sozialsten Arbeitgeber für Journalisten arbeiten wird.

Denn wenn der Verleger so denkt, können sich die Angestellten Mühe geben so viel sie wollen. Das nützt dann auch nix mehr.

 

Sex nach neun – Hauen sie ab!

Eigentlich bin ich gegen Linkschleuder-Rubriken wie sex vor 9 sex nach 9. Doch manchmal gibt es Tage (wie heute) da passieren mehr aufregende Dinge, als man in einem Blog besprechen kann. Und trotzdem möchte man die medieninteressierten Blogbesucher auf ein paar Dinge aufmerksam machen. So werden wir heute also, zwecks Klickhurerei eine Rubrik namens sex nach 9 gründen, die selbstverständlich nix mit sex und auch nichts mit nach neun zu tun hat, schliesslich ist jetzt gerade mal 8 und irgendwas.

  • SoBli Obermufti Hannes Britschgi erklärt was beim Tages Anzeiger Sache ist. Nicht nur werden Zeitungskolporteure entlassen, auch der Tagi muss bluten. Laut Britschgi müssen mindestens 50 Journalisten den Hut nehmen. Es herrsche eine „bleierne Stimmung“ und „Verhältnisse wie in der DDR“. Besser hätten wir’s selbst nicht sagen können.

 

  • Nicht nur die Kolporteure werden arbeitslos, auch die Konkurrenz muss bluten. Die Zeitungsautomaten werden nicht mehr bedient. Das Verdikt: Zu unrentabel.

 

  • Die Redakteure von .CH fühlen sich vom Verwaltungsrat im Stich gelassen. Verständlich, schliesslich verzichtet der Verlag auf einen Sozialplan. Wobei, ganz richtig ist diese Aussage nicht. Der Verwaltungsrat stellt den Redakteuren die Gratiszeitung gratis (Wortwitz) zur Verfügung. Die Angestellten könnten das Blatt, so sie denn Investoren finden, weiterführen. Mehr dazu bei Facebook und pimp.ch

 

  • Peter Vögeli, USA-Korrespondent von Radio DRS, im Gespräch mit Max Frankel, dem ehemaligen Chefredaktor der NY-Times. Die Fragen dazu: Wie schlecht geht es dem Boston Globe wirklich? Hat Qualität im Journalismus eine Chance? Und dazu das übliche: wie soll es weitergehen? Trotzdem – Frankel ist nicht irgendwer.

 

  • Und hier mein persönliches Highlight: Pascal Couchepin im Interview mit einer Tessiner Fernsehjournalistin Namens Serena Tinari. Das Thema: die Komplementärmedizin, Papa Couchepins Lieblingsthema. Offensichtlich war die Journalistin etwas zu hartnäckig. Die Antwort des Bundesrates: „hauen sie ab! Sie werden hier nie mehr erscheinen!“

Häsch mi agluegt? Häsch? Häsch?

Ein wahrer Fundus an komischen Begebenheiten ist die Rubrik „Schatzchäschtli“ im Blick am Abend. Zugegeben, da guckt jeder ab und an mal rein, in der Hoffnung sich selbst als Gesuchte/n zu erkennen. Da stehen dann Dinge wie: Du (w) häsch mir geschter ims Zug vom Züri nach Basel aglueged. Du häsch en schwarzi Mütze agha und ems roti Schueh mit Mäscheli und Hello Kitty-Shirt. Wot dir kännelerne.

im_zug_nach_züri_häsch_mi_aglueged_mit_hello_Kitty_shirt@hotmail.com
 
Das Schöne an dieser Rubrik ist, dass wir alle (w) sein könnten. Schliesslich fährt jeder ab und an mal Zug/Tram/Velo. Und jeder blickt dabei mal verstohlen in die Runde. Doch gestern las ich eine Mitteilung, die mich wirklich an den Rand der Verzweiflung brachte. Da schreibt ein gewisser Ali (asaetta@hotmail.de): Hallo, hesch mi am 4.5. gfroget ob de Zug in Züri ahaltet. Gruss Ali.
 
Ähä. Und jetzt? Was will Ali? Fussballbilder tauschen? Vögeln? Den Mond als erster Ali betreten?
Zudem, wie viele Leute fragen tagtäglich „ob de Zug in Züri ahaltet“? 50? 100?
 
Ich werde Ali am besten selbst fragen. Und ihn bei dieser Gelegenheit darauf hinweisen, dass eine SMS 70 Rp. kostet. Man kann sein Geld sicherlich für Dümmeres zum Fenster rauswerfen. Ich müsste allerdings lange nachdenken um etwas zu finden, was 70 Rappen kostet und tatsächlich noch blöder ist.

Abteilung Qualitätsjournalismus

Finde nur ich das störend oder ist es teils inflationär, wie gewisse Experten in den schweizer Medien rumgereicht werden? Gestern kam dieselbe Nase zuerst im Echo der Zeit, anschliessend in der Tagesschau und heute Morgen muss ich dasselbe Gesicht noch einmal im Blick und in der 20 Minuten sehen?!

Nichts gegen den Ferdinand, an dem ist nix auszusetzen, der kennt seine Branche. Aber es wird in der Schweiz ja wohl auch noch jemand anderen geben, der sich ein wenig mit Autos auskennt.

Der Gedanke, dass Experten für ihre Auskünfte auch noch ein Honorar kriegen, wischen wir jetzt einfach mal bei Seite. Sonst hätte der Ferdinand gestern nämlich im Lotto gewonnen.

Mediale Ergüsse: Der Masturbathon

Auch Zeitungen  kennen eine Interessensagenda. Manchmal müsste man allerdings sagen: leider. Zumindest in Bezug auf 20Minuten und Newsnetz, welche beide zur Ta-Media gehören. Diese kongruente Agenda ist sehr durchschaubar. Alles was mit Sex, Orgien und nackten Körpern zu tun hat, ist automatisch gesetzt. So lese ich beispielsweise heute auf Newsnetz von einer Frau, die ein Kondom in ihrer Burger-Packung fand und deswegen bei der Polizei Klage eingereicht hat.

Schön. Davon habe ich nix. Nicht mal den Ekel, den mir die Vorstellung bescheren würde, die Frau hätte in ein gebrauchtes Kondom gebissen, während sie ihren Burger kaute. Laut Berichterstattung ist nämlich ausgerechnet das nicht klar. Das Kondom könnte schliesslich auch eingepackt gewesen sein und per Zufall in die Packung (nicht in den Burger!) gefallen sein.

Noch besser ist nur noch 20Minuten, das mir heute von einem Masturbathon berichtet. Nicht nur, dass überhaupt nicht klar wird, wie dieser dämliche Wettbewerb funktioniert – gewinnt nun derjenige, der am Längsten kann? oder der Schnellste? Oder derjenige der immer wieder kann? – ganz toll ist auch folgende Aussage:

Die Erlöse kommen Projekten zur sexuellen Aufklärung zugute. Ähnliche Wettbewerbe werden auch in London und Kopenhagen ausgetragen.

Da würde ich mich auch freuen, wenn ich die Erlöse eines Masturbathons bekommen würde – wenn ich Inhaber einer Samenbank wäre. Dummerweise gehen bei dieser Art Berichterstattung die wirklich spannenden Interessensagenden vergessen, wie zum Beispiel diese hier. Manchmal passt ein Verbrechen offenbar so gar nicht in das Selbstverständnis einiger Verleger.

Wir wollen keine Masturbathons. Wir wollen wissen warum Denisa Soltisova sterben musste. Dass unsere Nachbarn offenbar xenophobe Auswüchse medial ausleben, erscheint mir wesentlich relevanter als Kondome in Happy Meals. 

Von Bierregeln und anderen Schnapsideen

Hallo David
 
Fast hätte ich letzte Woche ein schlechtes Gewissen gekriegt. Wenn Postings zu einer Art Bashing mutieren, dann ist das nicht in unserem Sinne.
Ich schreibe diese Eskalation unter anderem auch uns und unseren Artikeln aber auch Medienlese zu. Die arrogante und affektierte Art auf Kritik und belegte Zensurvorwürfe zu reagieren, gerade auch hier in diesem Blog, hat die nachfolgende, manchmal gar aggressive Diskussion erst los getreten. Ich hoffe, du nimmst uns das nicht übel.

Gerade deshalb danke ich dir auch für die mehr oder weniger persönliche Einladung zu einem gemütlichen Umtrunk, den ich leider ablehnen muss. Erstens schmeckt mir Bier nicht so und zweitens könntest du ja auch ein Mexikaner sein. Drittens würde das aber auch bedeuten, dass ich deiner Kritik zustimmen und dir damit Recht geben würde. Dem ist aber nicht so.
 
Zu allererst gilt festzuhalten, dass wir dich weder pauschal noch unangebracht oder anmassend kritisieren oder kritisiert haben. Unsere Argumente beruhen immer auf Beobachtungen, Feststellungen und damit in deinem Fall auf schriftlichen Tatsachen. Sie lassen sich daher auch logisch herleiten und begründen. Wer unser Blog regelmässig liest, der weiss das – ganz egal unter welcher Identität wir gerade bloggen. Dass wir alle nicht nur eine einzige Identität haben, darauf bist du sicherlich selbst schon gekommen. Gerade das ist ja Web2.0 – Selbstreferentiell bis zum geht-nicht-mehr, interaktiv und variabel.
 
So etwas wie eine „feste“ oder gar „starre“ Identität/IP gibt es im Internet nicht mehr, auch wenn du (wie zahlreiche deiner journalistischen Mitstreiter) das nach wie vor nicht glauben wollen. Manchmal bewundere ich gar, mit welch konservativem Enthusiasmus, ja mit welcher Naivität ihr dagegen anzukommen versucht. Im Netz bin auch ich David Bauer – nicht mehr oder weniger wie du. Daran kannst du dich stören, so lange du willst, es ändert nichts an der Tatsache, dass wir alle David Bauer sein können.

Warum wir bei hosenindosen anonym bloggen, haben wir dir und allen anderen schon mehrmals erklärt. Ein Argument muss auch ohne zuständige Referenzperson und/oder Position korrekt sein und einer Prüfung standhalten, sonst taugt es nichts. Und gerade Journalisten sollten verstehen, dass Kritik von Rezipienten aka undefinierte Leser-Masse mindestens so wertvoll ist, wie Inputs von Kollegen oder Vorgesetzten. Schliesslich schreibt ein Redakteur nicht für seinen Chef sondern für seine Leser. Folglich sollte er auch offen für deren Anliegen, Korrekturen und Anmerkungen sein.
Gerade Journalisten sind ja auf Output von aussen angewiesen, denn es gibt kaum ein anderes System, das selbstreferentieller operiert als das Mediensystem – und dabei trotzdem noch den Anspruch, ja gar die Frechheit besitzt zu behaupten, eine etwaige Realität abzubilden. Wir alle haben Luhmann gelesen, wir wissen um die Erklärungsnot autopoietischer Systeme in Bezug auf Interaktivität.  Wir nennen dies der Einfachheit halber die Realität der Massenmedien nach Luhmann.
 
Es ist folglich vorbildlich, dass du in deiner Funktion als Journalist offen für Kritik und zum Dialog bereit bist und Luhmann damit in den Arsch trittst. Diese Bereitschaft allerdings grundsätzlich an eine etwaige Identität einer Person zu knüpfen, macht dich letzten Endes nur selbst verdächtig. Zu nahe liegt in unserer Gesellschaft der Gedanke, deine Motive könnten networking- und damit karrierebedingt sein.
 
Ein Argument ist ein Argument und bleibt ein Argument. Solltest du Mühe haben die Argumente von uns anzunehmen, nur weil du meinst unsere Gesichter nicht zu kennen, dann werde ich dir meine Inputs in Zukunft von jemandem auf der Redaktion vortragen lassen – natürlich ohne dass du weißt oder auch nur ahnst, dass die Argumente von uns stammen. Nein, mehr noch. Solange du auf etwaigen Bierregeln beharrst, werden wir das so handhaben. Bedenke folglich, jede Frage, jeder Input, jede Kritik seitens deiner Kollegen könnte letzten Endes von uns, von den Dose E.S.K.’s stammen. Vielleicht hilft dir das einzusehen, dass eine so genannte Schnapsidee keine adäquate Lösung ist.
 
Ich bin, wie du siehst nicht nur David Bauer. Ich bin weit mehr.

ach wie gut dass niemand weiss..

Wäre ich Journalist, würde ich mich langsam wehren. Es kann einfach nicht sein, dass Verleger und Chefredaktoren in derart mieser Weise kommunizieren, dass alle ausser der betroffenen Redaktion wissen, was auf sie zukommt. .CH ist lediglich das aktuellste Beispiel einer Reihe, die mit der Restrukturierung des Bundes ihre Fortsetzung finden wird.  

Am Wochenende kommunizierte die Nachrichtenagentur SDA , dass der Stv. Chefredaktor der NZZaS zum Tagesanzeiger wechsle. Er werde dort Mitglied der Redaktionsleitung und..

..darüber hinaus wird Senn auch Chef einer allfälligen gemeinsamen Bundeshausredaktion, wie „Bund“ und „Tages-Anzeiger“ mitteilten. Martin A. Senn begann seine Laufbahn beim Berner „Bund“. (..)
Mit der Anstellung Senns sei kein Vorentscheid in Richtung Kooperation mit dem „Tages-Anzeiger“ gefallen, betonte Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer auf Anfrage. Sollte sich der Tamedia-Verwaltungsrat nicht für das Kooperationsmodell entscheiden, wird Senn als Bundeshauschef und Mitglied der Chefredaktion des „Tages-Anzeigers“ tätig sein.

Keine Vorentscheidung my Ass. Das fleissige Artikel-Austauschen von TA und Bund ist schliesslich auch kein Hinweis auf eine mögliche Prozessoptimierung, sondern ein Dienst unter befreundeten Redaktionen. Das klingt genauso unschuldig wie die Behauptung des .CH-Verwaltungsrates, die Neuausrichtung und Neupositionierung der Gratiszeitung .CH von Anfang Jahr sei mitnichten ein Hinweis auf ein baldiges Ende.