Journalisten, die neuen Billigstlohnarbeiter

Bei Karl Lüönd hatte ich immer den Eindruck, der Mann sei irgendwie ein Leben lang Journalist geblieben. In seiner Art zu denken, in seiner Art zu handeln, selbst dann noch als er längst Chefredaktor und Verleger war. Eine Qualität Lüönds besteht darin, Rentabilität und journalistischen Anspruch nicht als Gegensätze zu verstehen. Zudem fehlt Lüönd die Gabe, aufgeregt von „Trends“, „Gadgets“ und „Hits“ zu schwärmen. Dafür ist er mit seinen 64ig Jahren einfach zu alt. Vielleicht liegt aber eben auch gerade darin eine Qualität. Denn der Urner hat sehr wohl verstanden, welche Herausforderungen auf anspruchsvollen, integeren Journalismus warten.

Liest man dieses Interview, dann wird man fast schon optimistisch, obwohl die Perspektiven düster sind. Den Medien geht es wie den meisten globalen Konzernen in der Wirtschaftskrise. Sie haben sich im internationalen Geschäft verspekuliert. Nun müssen sie zu ihren Kernkompetenzen, der regionalen Berichterstattung, der Wirtschaft oder der Politik zurück kehren. Lüönd hat vermutlich auch recht, wenn er sagt, dass der Trend nicht unbedingt hin zu Kurznews geht, sondern mehr dahin, dass Journalisten den Rezipienten gezielt dann mit Infos versorgen müssen, wenn er Zeit hat.

Gratis- und Sonntagszeitung bewirtschaften eine Zeitlücke: die Gratiszeitung die tote Pendelzeit; die Sonntagszeitung die langweiligen Stunden am Sonntagmorgen, in denen das Eheleben Pause macht.“

So gesehen ist das Internet kein Fluch für Zeitungen, sondern ein Segen. Kombiniert man, jetzt mal rein hypothetisch, Applikationen wie Post Personal News mit iPhone und Kindle Freeware App., steht dieser Methode nicht mehr viel im Wege. Ich lese die Regionalnews meiner Heimatgemeinde,  den Wirtschaftsbund der NZZ und die politische Berichterstattung des Bundes. Und das auf dem Weg zur Arbeit auf meinem iPhone. Klasse.

Lüönds Überlegungen zielen ferner darauf hin, dass Redaktionen noch schrumpfen können und müssen, wenn sie überleben wollen. Zum anderen sollten sie aber auch gleichzeitig ihre Kernkompetenz ausbauen. Das heisst, es wird wieder mehr „richtige“ Journalisten mit Fachgebieten geben und weniger Redaktionsassistenten, die sowohl News posten, zusammenfassen als auch Online-Kommentare verwalten. Diese Funktion wird, daran glaube ich fest, in naher Zukunft, ähnlich einem Call-Center in Indien, ausgelagert. Es macht keinen Sinn, dass alle dasselbe tun. Immer und immer wieder. Und dabei erst noch jede Menge Fehler machen. Redaktionen sollen sich ihre Pakete bei einem qualitativen Dienstleister einkaufen können, wenn es denn schon eine „ganze“ Zeitung sein muss. Jeder der einen Internetanschluss besitzt weiss, dass diese Utopie eh nicht mehr existiert. Kein einzelnes Produkt deckt mein kumuliertes Informationsbedürfnis ab. Auch nicht die New York Times.

Ich würde Fixkosten in variable Kosten umzuwandeln versuchen. Wenn ich Hunger habe und Fleisch will, kaufe ich ein Steak. Redaktionen kaufen immer noch ganze Kühe: Wollen sie eine bestimmte Kompetenz, schaffen sie dafür eine Stelle mit fixen Lohnkosten, statt diese Kompetenz bei freien Journalisten einzukaufen, die nur dann etwas kosten, wenn sie etwas schreiben. Wenn derzeit gespart wird, werden als erstes die Honorare für freie Journalisten gekürzt, weil es dagegen wenig Widerstand gibt. Entlässt eine Zeitung aber drei fest angestellte Journalisten, gilt das schon als Krise und kommt in die anderen Zeitungen“.

Ob man nun mit variablen oder fixen Pensen auf solche Situation reagiert ist eigentlich egal. Auch Freie werden so mehr oder weniger zu regelmässigen „Festen“, die allerdings, wie das Beispiel Deutschland zeigt, um die Früchte der Gesamtarbeitsverträge geprellt werden. Da müssen die Mediengewerkschaften wohl oder übel in naher Zukunft über die Bücher. Ansonsten geht der Medienkanibalissmus ungehindert weiter. Und dann werden Journalisten zu reinen Informationsverarbeitern. Oder anders gesagt: Zu Billiglohnarbeitern. Denn reine, global zugängliche Information ist wie die Aktie von GM- nichts mehr wert.

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