Monatsarchiv: Februar 2009

Idiot des Tages: Von NTV bis SZ

Da mokiert sich die Deutsche Medienwelt über einen angehenden Journalisten, der sämtliche Medien übers Ohr haut. Und dann stirbt Louie Bellson und im offiziellen Nachruf heisst es (bei uns: Auszug SDA):

Den Höhepunkt seiner langjährigen Karriere erlebte Bellson in den 40er und 50er Jahren als Big-Band-Schlagzeuger bei Auftritten mit Tommy Dorsey, Count Basie, Benny Goodman und Duke Ellison.

Genau. Duke Ellison. Ausser der Süddeutschen und NTV kennt den aber keiner. Verständlich. Der Mann hiess ja auch Duke Ellington.

Be my baby & shout †

Wir trauern.

Medialer Rufmord – Oder wie ich Tokio Hotel zerstört habe

Hier ein kleiner Leitfaden wie man das Internet zur Rufschädigung nutzt:

Am 10. Februar wurde ein gewisser Thomas Kaulitz mit heftigen Unterleibsschmerzen ins Albertinen Hospital in Hamburg eingeliefert. Die Diagnose: Genital-Herpes. Ein Hamburger Medizinstudent, der derzeit in diesem Spital ein Praktikum absolviert, realisierte beim Durchlesen der Med-Charts, dass es sich dabei doch um Tom Kaulitz, den Gitarristen der Schrei-Band Tokio Hotel handeln könnte. Kaum zu Hause erzählte er die Geschichte seinem Cousin, dieser plapperte die Neuigkeit bei Freunden aus und schon bald kursierte unter Tokio-Hotel-Fans das Gerücht, Tom hätte sich durch seinen exzessiven Sexkonsum eine schmerzhafte Pimmel-Krankheit eingefangen und er könne fortan vermutlich nur noch mit der Gitarre, nicht aber mehr mit seinem Piepmatz spielen.

Klingt gut oder? Stand heute morgen denn auch fett im „Le Matin“:

Agé de 19 ans, le musicien a été hospitalisé mardi dernier.

Die Wahrscheinlichkeit aber, dass es mehr als einen Thomas Kaulitz in Deutschland gibt, ist ziemlich hoch. Vermutlich gibt es sogar mehr als einen Tom Kaulitz mit Genital-Herpes im Raume Hamburg. Zudem kommen die Jungs von Tokio Hotel aus Magdeburg und nicht aus Hamburg. Aber egal. Wen stört das schon. So kursiert das wunderschöne Gerücht fleissig von Promi-Seite zu Promi-Seite. Die Jungs von Tokio-Hotel schwafeln etwas von Blinddarm und Gustav und morgen steht’s dann vermutlich als verbürgte Meldung gross im 20 Minuten. Nein, Entschuldigung, bei Newsnetz natürlich – der verbürgten Qualitätsseite der TA-Media.

Manchmal kann ein Hoax richtig lustig sein.

TA-Media – Dank Krise zum Monopolisten?

Nun reichts. Ich boykottiere die TA-Media.

Warum ich das fortan mache? Hier die Geschichte dazu: Heute hat mich der Bund überrascht. Mit einer Doppelseite Schwerpunkt „Medien“. Darin wird teilweise detailliert aufgelistet, welcher Verlag wie hart unter der aktuellen Wirtschaftskrise leidet und wie die Verantwortlichen reagieren – inklusive Publigroupe, die in der Schweizer Medienlandschaft eine doch relativ wichtige Rolle spielt. Das Dossier ist allerdings vorerst nur gedruckt erhältlich.

Nebst dem üblichen „Ringier auf brechendem Ast, NZZ wird neu strukturiert und Mittellandzeitung sowie BAZ von Tamedia bedroht“-Blabla findet man aber auch ein paar anregende, gar aufregende Gedanken, die zum Kotzen animieren (tschuldigung).

Publigroupe:
Die Werbe-Gruppe hält nach wie vor verschiedene Aktienanteile an Verlagen, so zum Beispiel bei der Basler Zeitung (37%!), der Südostschweiz (25%) oder der NZZ-Gruppe (25%). Da Publigroupe weltweit operiert und massive Verluste einfährt, muss sie ihre Anteile in der Schweiz verkaufen. Das ist vorerst vor allem für die BAZ ein Problem. Der Verlag könnte seine Aktien zwar zurück kaufen, aber dazu fehlt derzeit das Kapital. Die Vermutung, dass die TA-Media hier zuschlägt, ist nicht von der Hand zu weisen.

Edipresse:
Kämpft seit einiger Zeit in der Romandie mit „le matin bleu“ gegen „20minutes“. Für den Sommer hat Edipresse eine längere Erscheinungs-Pause angekündigt. Der Kampf scheint viel Geld und Energie zu kosten. Ein Deal zwischen Edipresse&Tamedia wäre für beide von Vorteil. Die Tamedia könnte damit endlich an den Genfersee vorstossen.


TA-Media:

Die angeführten Beispiele legen den Verdacht nahe: In der Schweiz wird die Wirtschaftskrise zum Türöffner für die TA-Media. Von Genf über Basel bis nach Bern.
Der Tages Anzeiger hat seit 1999 zwar 24% an Auflage eingebüsst, dies wird aber mit den Gewinnen von „20Minuten“ kompensiert. Allerdings schreibt auch „News“ rote Zahlen. Gerüchte sprechen darum von Stelleneinsparungen von bis zu 25% und einem Konzept, dass die ach so gepriesene Publikumsgunst entscheiden lässt, was beispielsweise künftig wo im Tages Anzeiger stehen soll. Sprich, entscheidend für die Neuorientierung des Tages Anzeigers wird das Prinzip „Online First“ und „Hits“ bei Newsnetz. Dasselbe gilt logischweise für die Berner Zeitung und den ganzen Rattenschwanz der Espace Media.

Das Konzept wird bei vielen ausländischen Zeitungen zwar bereits praktiziert und von diversen, selbst ernannten „modernen Journalisten“ als Zukunft gepredigt, aber davor kann nur gewarnt werden. Erstens würde der Druck weiter zunehmen, unfertige und lausig recherchierte Stories ins Netz zu jagen. Zweitens geht dieser Druck auf Kosten der Qualität und Sorgfalt. Drittens besteht die Gefahr, dass Sex&Boulevard zu „relevanten“ Tagesthemen werden, sich somit das Agenda-Setting weiter in Richtung Trivialität verschiebt. Und viertens besteht eine grosse Wahrscheinlichkeit, das Netz-User und Zeitungsleser in vielen Fällen keine homogene Rezipientenschicht darstellen. Sprich: Wer Blogs und Feeds liest, ist mit grosser Sicherheit kein Zeitungsabonnent. Diese Online-Einschaltquoten bringen so angewendet rein gar nichts und sind die abstruse Erfindung einiger Auflage-geiler Blattmacher.

Jetzt reichts! Meine Reaktion ist klar: TA-Media-Boykott. Angefangen von 20 Minuten über News zu Newsnetz. Und ich lade jeden und jede, der oder die sich gegen diese Art von faktischem Meinungsmonopol und User-dominated-Shit wehren will herzlich dazu ein, mitzumachen.

Selbstkritik beim SF: mangelhaft

Noch immer steht der Vorwurf im Blog von SF-CR Ueli Haldimann:

SF habe Toni Brunner als „wandelnde Wanze“ eingesetzt, sagte gestern SP-Fraktionschefin Ursula Wyss. In den Zeitungen ist heute von einem „Lauschangriff“ auf das Parlament die Rede. Süffige Formulierungen, die mir gefallen könnten. Leider gehen sie an der Realität vorbei.

Doch mittlerweile hat sich das Rad etwas weiter gedreht. Denn nun hat auch das Parlament als letzte Instanz dem Schweizer Fernsehen eine Rüge erteilt – genau aus den Gründen, die Haldimann als „süffige Formulierungen“ abkanzelt.


Das Hausrecht des Parlamentes sei missachtet worden. Es sei zudem ein allgemein gültiger und strafrechtlich geschützter Grundsatz, dass persönliche Gespräche ohne Einwilligung der Beteiligten nicht aufgenommen werden dürften, schreiben die Parlamentsdienste (via).

Die Tagesschau hat kurz berichtet. Eigentlich wäre es nun auch an Herrn Haldimann, dazu Stellung zu nehmen.


Idiot des Tages: Zattoo

Im Büro mussten Journalisten bisher Zattoo immer heimlich am IT-Support vorbei installieren. Wilmaa bietet nun den gleichen besseren Service im Browserfenster, in überlegener Qualität (ca. Zattoo OSX HD Qualität) und mit weniger Zeitverzögerung (-6s.). Dafür mit etwas weniger Sendern. (via)

Skirennen SF 2 - Wilmaa (links) / Zattoo (rechts)

Agenda Setting im Bundeshaus

Wie funktioniert eigentlich Journalismus im Bundeshaus? Zugegeben, die Frage ist schon etwas älter und viel Neues gibt es nicht zu berichten. Roger Blum schreibt denn heute in der NZZ auch einmal mehr, was viele schon wissen. Sprich: Departemente suchen gezielt den Kontakt mit Journalisten und die Sonntagszeitungen sind dabei die bevorzugten Adressen. Umgekehrt halten viele Journalisten persönlichen Kontakt mit Pressesprechern und Departementsvorstehern. Soweit so bekannt.

Das wirklich Neue an Blums Studie geht im Artikel etwas unter, obwohl es von Interesse wäre. Zum einen zeigt sich, dass vor allem jüngere Journalisten nicht mehr so sehr den persönlichen Kontakt zu den Departementen suchen. Entweder hat im Bundeshaus ein Paradigmenwechsel stattgefunden, oder die Sitten verrohen:

„Kaum Kontakte zu leitenden Leuten der Verwaltung haben vor allem Bundeshausjournalisten, die noch nicht so lange in Bern sind. Die Kontakte sind jedenfalls dergestalt, dass viele Medienleute im Bundeshaus keinen einzigen höheren Bundesangestellten duzen, manche 3 bis 6. Oft, so wird erklärt, rühre das noch aus früheren Zeiten her.“

Welche Methoden Journalisten benutzen, deren Umgangsformen nicht „aus früheren Zeiten herrühren“ verschweigt uns Blum leider. Vermutlich schreiben die dann den Sonntagsblättern oder den Agenturen ab oder so.

Zum anderen zeigt Blum (und hier wird es wirklich spannend) zum ersten Mal detailliert, welche Departemente derzeit welche Affinitäten haben. Anhand persönlicher Interviews konnte er folgende „Achsen“ transparent machen.

Beobachtet wird eine Achse zwischen dem Departement Leuenberger und der «Sonntags-Zeitung». Den Departementen der Bundesräte Couchepin und Merz wird eine Affinität zur NZZ und zur «NZZ am Sonntag» nachgesagt. Das Finanzdepartement sowie das Volkswirtschaftsdepartement von Bundesrätin Leuthard hätten, so heisst es, viel Wohlwollen bei der Zeitung «Sonntag». Die Bundesanwaltschaft sei, als sie Probleme hatte, leicht beim «Sonntags-Blick» untergekommen. Das Verteidigungsdepartement von Bundesrat Schmid habe einen guten Draht zur NZZ und zum «Blick» gehabt. Das Bundesamt für Migration wiederum scheine eine enge Verbindung zur Fernsehsendung «10 vor 10» zu besitzen. Wenn es gegen das Departement von Bundesrätin Calmy-Rey gehe, sei die NZZ ein dankbares Gefäss.

Eine höchst interessante Form von Instrumentalisierung. Interessant (vielleicht auch eher „erniedrigend“) auch diese Formulierung eines Bundeshausjournalisten:

Wenn es darum geht, das Image eines in die Defensive geratenen Bundesrats zu verbessern, wird nach meinen Beobachtungen immer öfter die „Samstagsrundschau“ von Radio DRS 1 gewählt. Da kann ein Magistrat lang reden, ohne unterbrochen zu werden. Oft sind die Befrager suboptimal vorbereitet und gehen mit den Bundesräten pfleglich um.

Der Artikel zeigt meines Erachtens nach zwei Dinge: Erstens bestätigt sich einmal mehr, welches Medium welche politische Stammklientel bedienen kann und muss. Und zweitens zeigt sich: Instrumentalisierung ist im Bundeshaus keine rein journalistische Angelegenheit, sondern vermutlich eher eine politische.

Aber auch das sind, zugegeben, keine wirklichen Neuigkeiten.

Ein kümmerlicher Nachtrag

Tom Kummer ist als Thema mittlerweile zwar etwas „verkümmert“. Trotzdem lässt mich die Sache nicht los, denn nun hat sich auch die WOZ zu Wort gemeldet (via).

Nach Hossli überarbeitet nun auch Carlos Hanimann den Kummer-Text akribisch und kommt zum Schluss:

Wenn Kummer schreibt, verlieren Schreibende die Nerven: Aus Ungenauigkeit wird Betrug, aus einer Metapher ein gefälschtes Zitat.

Das ist zwar lustig zu lesen. Wirkt dann allerdings etwas doof, wenn Hanimann ein paar Zeilen weiter findet, Kummer hätte eine zweite Chance erhalten weil er..

..ein guter Schreiber ist. Weil es mit Kummer und den Fakten so eine Sache ist, sollte er über die Super Bowl schreiben ­- ein TV-Ereignis, das vor allem Show und Inszenierung ist. Und wer kennt sich damit besser aus als Kummer?

Die WOZ braucht einen Mann für den Show-Effekt? Einen Mann, der..

..bis heute kein Faktenjournalist geworden ist. Deshalb ist er nicht Bundeshausjournalist (keine Angst: Er wird es auch nicht werden!).

Nun ist’s nicht mehr lustig, sondern doof.
Und dann legt Hanimann noch einmal richtig nach.

Die WOZ ist eine Zeitung, die für Fakten steht, Genauigkeit (vgl. Korrigenda auf Seite 14), preisgekrönte Reportagen, Interviews und Recherchen. Tom Kummer aber lesen wir nicht wegen der Fakten, sondern wegen des Spasses an temporeicher Schreibe.

Fazit: Die WOZ las ich bisher, weil ich FAKTEN und GENAUIGKEIT schätze.
Weil die WOZ-Redaktion bisher leider nur von korrekten und genauen, dummerweise aber spröden Journis durchsetzt war (das war ein Witz, für einmal aber von mir, gemerkt?), haben sie nun den Kummer geholt, damit es auch einen Grund gibt, die WOZ nicht nur zu BEWUNDERN sondern auch zu LESEN (das war ein Seitenhieb auf Nick Lüthi. Auch so ein dummer Witz von mir, gemerkt?)

Mediales Littering – Heute: Newsnetz vs. Oglobo

Nett, was Skinnheads in der Schweiz offenbar so anrichten können, ohne dass es jemand merkt? Merkwürdig auch, dass wir solche Bilder und Informationen aus brasilianischen Medien erfahren müssen.

Moment, das stimmt nicht ganz. Die Meldung war bei Newsnetz mal online. Ohne Zitate und ohne Nennung der Quellen.

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Header Newsnetz 01:30

Dann hat aber auch Newsnetz geschnallt, dass die Infos nicht von der Stapo ZH kommen, sondern aus Brasilien.
Das ging allerdings gute 8h.

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Header Newsnetz 09:30

Die schwangere Frau soll in Folge der rechten Attacke am Bahnhof Dübendorf ihre Zwillinge verloren haben. Im Spital wurde sie von der brasilianischen Botschafterin besucht, liest man zumindest bei Oglobo. So kam der Fall nach Brasilien und nicht in die Schweiz.

Irgendwas ist an der Geschichte faul. Und damit meine ich nicht, dass es sich laut TA/Newsnetz-Deutsch um den vermutlich falschen Bahnhof handelt: „in Artikel wird vom Bahnhof Dübendorf gesprochen, die Beschreibungen deuten aber auf den Bahnhof Stettbach hin„. Nein.

oglobo.globo.com

Misshandelte Frau Bild:oglobo.globo.com

Warum bitte können Nazis einer schwangeren Brasilianerin SVP-Initialen auf den Bauch ritzen und keine Sau bemerkt etwas? Waren das wirklich Nazis? Warum steht dann nicht AUNS sondern SVP auf ihrem Bauch? Wo sind die Hakenkreuze? Und warum bemerkt die Polizei, wenn ein Raser sein Video auf Youtube stellt – nicht aber, dass eine misshandelte Brasilianerin ins Spital eingeliefert (und von ihrer Botschafterin besucht) wird? Das Pflege-Personal ist in solchen Fällen verpflichtet die Behörden zu informieren.  Hier ging ganz offensichtlich einiges schief. Davon lese ich im betreffenden Artikel aber nichts. Newsnetz plappert einmal mehr nach, was andere schreiben.

Und nein, mein Name ist nicht Markus Somm. Und ich habe auch keine Schönfärber-Biografie geschrieben. Es geht lediglich darum mit solchen Meldungen noch etwas abzuwarten. Oder halt selbst zu recherchieren. Aber diese Devise kennt man bei Newsnetz nicht. Und ich würde sogar behaupten, diese Tendenz ist steigend.

Held des Tages: Spiegelonline.de

Geschrieben, gesehen, geändert.

Durchschnittliche Reaktionszeit: 17 Stunden (Eintrag: 19:30, Reaktion 12:30)

Kein Rekord, aber immerhin ein Erklärungsversuch.